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Kritik: Periphery – „Periphery IV: Hail Stan“

Habt ihr nicht auch manchmal das Gefühl, dass Bands heutzutage bis auf ihre Grenzen ausgeschlachtet werden, jede noch so kleine ...

VON AM 03/04/2019

Habt ihr nicht auch manchmal das Gefühl, dass Bands heutzutage bis auf ihre Grenzen ausgeschlachtet werden, jede noch so kleine Möglichkeit auf eine Tour genutzt wird und dann im Jahrestakt neue Videos, Alben, Singles uns um die Ohren gehauen werden? Oder schlimmer, sogar ihr Sound in eine Richtung geht, den man nicht anders als Kommerzialisierung bezeichnen kann, bei der jegliche Ausreißer, musikalischer Art natürlich, ausgebügelt werden. War das ein Grund, weshalb Periphery vor einiger Zeit Sumerian verlassen haben? Ich kann es euch nicht sagen, aber es wird sicherlich ein Teil ihrer Entscheidung gewesen sein, denn sie haben sich für das neue Album „P4: Hail Stan“ mehr als ein ganzes Jahr hingesetzt, sind nicht getourt und haben komponiert, aufgenommen, gemixt und gemastert.

Aber genug der warmen Worte. Lasst uns mit “Reptile” ins Werk einsteigen, meine Lieben. 17 Minuten! Ja, richtig gelesen. Das “Intro” ist dermaßen lang, dass die Progressive-Altväter nur noch wohlwollend sein können; keine Regeln, keine Vorgaben und schon sind die jungen Herren völlig ausgerastet, um mit einem orchestralen Song alles voll einzuläuten. Zwischen groovigen Riffpassagen werden musikalische Themen aufgebaut, um von Spencers Stimme uns ins Gehör reingezimmert zu werden.

Auch wenn die genannten Parts immer wieder aufgegriffen werden: Verformt, gestaltet und mit anderen Teilen verwoben, ergeben sie an anderen Stellen eine neue Stimmung. Periphery haben es bisher immer gut verstanden, komplexe musikalische Stilmittel so zu präsentieren, dass es angenehm ist, sie zu hören. Und auch hier: 17 Minuten voller Soli, orchestraler Parts und harten “Chug”-Riffs und es wird nicht langweilig. Was ein absolutes Feuerwerk!

Feuerwerk? Feuer frei? Nein, wir sind nicht bei Rammstein, sondern beim zweiten Song des Albums, “Blood Eagle”, der durch die Medien wie ein Bulldozer auf Crack gebrettert ist. Fettes Riffing, Tesseract-eske Drums und ein brutaler Vibe, der mich an die alten Djent-Zeiten erinnert. Wer ihn noch nicht gehört hat, kann sich jetzt ein Bild davon machen.

Wie wir alle wissen, ist Nachtreten nie etwas Schönes, aber die Jungs konnten es einfach nicht lassen und scheppern uns direkt mit “CHVRCH BVRNER” um. Für Fans der Band: Kennt ihr noch “Make Total Destroy”, den wohl bisher abgedrehtesten Song der Bandgeschichte auf „P2“, dem zweiten Album der Band? Packt ihn ein. Mark Holcomb, einer der Gitarristen, sagt selber, es wäre der “most spastic Adderall-driven Song”, den sie je geschrieben hätten und selbiger ist mit 3:40 Minuten auch der kürzeste Song auf der Platte.

Mit “Garden in the Bones” und “It’s Only Smiles” werden wieder deutlich sanftere, aber dennoch groovige Saiten angeschlagen, was aber dem Ganzen keinen Abbruch tut. Gerade beim zweitgenannten Song bekomme ich einen absoluten “Old Periphery”-Vibe. Die Gitarren sind recht offen, die Stimmung absolut poppig und verspielt; als würde man Pop-Punk mit Djent mischen. “Aber Julian, du bist doch absoluter Hassgegner von Pop-Punk“ höre ich eine unserer Julias schon rufen. Bisher gewesen, tatsächlich, aber hier werde ich überzeugt, bitte gern immer so.

Mit “Follow Your Ghost” geht es wieder auf das harte Ufer: Meshuggah wäre bei den Riffs stolz und auch Spencer zeigt sich hier von seiner fiesesten Seite. Generell präsentiert sich das Album immer wieder dunkler, aggressiver und auch, in einer gewissen Art und Weise, erwachsener und in sich geschlossen.

Mit “Crush” hingegen stellt sich auch wieder die spielerische Seite der Band vor, die wohl mal richtig Lust auf einen komplett anderen Sound hatte und sich in ein Synthwave-Gewand hüllten. So strange das klingen mag, es funktioniert und der Song hat sich, wie auch immer, absolut fest als Ohrwurm bei etabliert. Vielleicht die groteske Mischung aus dem synthetischen Sound und der Härte? Ich kann es euch nicht sagen.

“Sentient Glow” hingegen kommt direkt wieder mit dem 2006er Vibe und hat dahinter sogar eine recht schöne Geschichte: Eigentlich war der Song eine Idee, die Spencer beim Vorsingen für die Band 2010 performt hat. Voll ausgearbeitet habe ich hier einen absoluten “Throwback”-Moment und musste danach direkt erstmal wieder die alten Alben anhören. Direkt? Keine Sorge, den letzten Song, “Satellites”, habe ich nicht vergessen, es ist ja auch ein nahtloser Übergang.

Ähnlich wie bei “Lune” vom dritten Album treten die Jungs hier nochmal voll auf das ruhige und emotionale Pedal, um immer wieder mit schweren Riffs die Ruhe zu durchbrechen und einem atmosphärischen Synthie-Background unsere Ohren zu umschmiegen. Hands down, ich bin zufrieden.

Kritiken sind aber nicht dazu da, um alles schönzureden und deshalb hier auch mal etwas, was mich dann doch leicht stört: Das Album hat wunderschöne Songs und auch immer wieder fantastische Übergänge, leider fehlt mir manchmal etwas der rote Faden. „Abwechslungsreich, cool, aber am Ende immer noch Periphery”, meinte Kollege Rodney da zu mir, der dem Album eine 8/10 geben würde. Da ich aber nicht Rodney bin und ich froh bin, dass es immer noch Periphery ist, lege ich gerne noch einen drauf.

Wertung: 9/10

Band: Periphery
Album: Periphery IV: Hail Stan
Veröffentlichung: 05.04.2019

Periphery

Offizielle Website der Band

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