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MoreCare Week: Was ist eigentlich eine PTBS?

Wichtige Infos zu einer seltenen Störung.

VON AM 21/11/2020

Disclaimer: Dieser Text behandelt eine schwere psychische Störung und ist rein zur Aufklärung darüber gedacht. Solltest du selbst das Gefühl haben, dass du dich in einer belastenden Situation befindest, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym Hilfe von Beratern, die mit dir Auswege aus schwierigen Situationen finden und eine großartige Stütze sein können. Danke, dass du es versuchst!

Es gibt einzelne psychische Störungen, die eindeutig durch gewisse Ereignisse entstanden sind.

Bestimmt hast du im Zusammenhang mit Soldaten, die aus Kriegseinsätzen zurückkommen, oder Geflüchteten aus Konfliktregionen schon einmal von der Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz „PTBS“ oder in Englisch „PTSD“, gehört.

Eine solche Traumafolgestörung können allerdings nicht nur Soldaten und Soldatinnen oder andere Kriegsbetroffene entwickeln. Traumatische Erlebnisse umfassen viele weitere Situationen, die Menschen in größte Hilflosigkeit bis sogar in Todesangst versetzen und die jeden Menschen treffen könnten – unabhängig seiner oder ihrer Nationalität und des Berufs.

Was genau sind Traumata?

Offiziell werden solche Traumata definiert als kurz- oder langanhaltende Ereignisse, die Betroffene als außergewöhnliche Bedrohung oder Katastrophe wahrnehmen und die bei fast allen Menschen zu schwerer Verzweiflung führen würden (Heedt 2017: 2). Es sind also nicht Menschen mit einer fragilen Psyche, die mit schweren Schicksalsschlägen nicht zurechtkommen. Traumatische Ereignisse können auch psychisch gesunde Menschen nachhaltig schwer erschüttern.

Traumata sind demnach in der Regel keine Ereignisse wie der Verlust eines Jobs oder einer wichtigen Freundschaft. Es sind Erlebnisse wie Naturkatastrophen, Unfälle oder auch Gewalterfahrungen wie Vergewaltigung, Entführungen sowie schwere Erkrankungen, die zum Beispiel zu einer Notfalloperation führen.

Eine PTBS können hierbei Personen entwickeln, die solche Situationen selbst direkt erlebt haben – aber auch Menschen, die mit angesehen haben, wie eine Bezugsperson einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt war oder die mit traumatischen Ereignissen konfrontiert wurden, während sie zum Beispiel als zum Beispiel als Ersthelfer*in oder Polizist*in tätig waren.

Die eben aufgezählten Beispiele sind in der Regel einmalige Erlebnisse: sogenannte Traumata Typ 1. Es gibt aber auch Traumata Typ 2: Hierunter fallen wiederholt auftretende Extremsituationen (Heedt 2017: 5). Das sind oftmals langanhaltende Phasen, in denen Betroffene durch andere Menschen missbraucht werden.

Eine Befragung der deutschen Bevölkerung über Traumatisierungen in Kindheit und Jugend aus dem Jahr 2011 ergab, dass viele bereits traumatische Erfahrungen gemacht haben: 12% der Personen haben körperliche Gewalt als Kind oder Jugendliche erlebt. 12,5% gaben sexuelle Gewalt und 14,9% emotionalen Missbrauch an.

Emotionale Verletzungen können Verschiedenes sein, zum Beispiel:Kkonstantes Beschimpfen, das Absprechen von Emotionen und Bedürfnissen, konstante Beschuldigungen und Beschämungen. Schwere Formen dieser Misshandlungen erlebten jeweils weniger als 2% der Befragten (Häuser et. al. 2011).

Bei den sogenannten Traumata Typ 1, also den einmaligen Ereignissen mit besonders starker Bedrohung und des Erlebens von Ausgeliefertsein, ergaben Studien aus Deutschland, dass rund 28 % aller Frauen und 21% aller Männer schon mindestens einmal sogenanntes traumatisches Erlebnis erlebt haben (Maercker et al. 2008). Darunter fallen zum Beispiel schwere Verkehrsunfälle oder Gewalterfahrungen.

Wie viele von diesen Menschen entwickeln eine Traumafolgestörung?

Nach Angaben deutscher Hausarztpraxen wird die Häufigkeit der PTBS mit rund 3 % beziffert (Glaesmer et al. 2015). Nicht alle Betroffenen gehen mit ihren Problemen zu ihren Hausärzt*innen, sodass eine genaue Angabe der Verbreitung einer PTBS schwer ist. Es wird geschätzt, dass rund 7 bis 8 % der Allgemeinbevölkerung in ihrem Leben einmal eine PTBS entwickeln – hierbei sind Frauen mit 10 % mehr als Männer mit 5% betroffen (Heedt 2017: 6).

Ob das Erleben einer oder mehrerer der eben vorgestellten Situationen zu einer Traumafolgestörung führt, hängt davon ab, wie stark die gefühlte Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit empfunden worden ist (Ehring/Ehlers 2019: 12). Meistens entsteht zuerst eine akute Belastungsreaktion. Das ist eine vorübergehende Störung, die ein paar Stunden oder Tage nach dem Ereignis anhält. Dabei fühlen sich Betroffene oft wie betäubt und haben Schwierigkeiten, die aktuelle Situation um sie herum zu verarbeiten und fühlen sich desorientiert (Heedt 2017: 7). Solche kurzweiligen Stressreaktionen können sich vielmals von alleine bessern. Dass jemand eine PTBS entwickelt, ist wahrscheinlicher, wenn das Trauma von anderen Menschen zugefügt wurde und wenn das Trauma schwer war.

Was ist eigentlich diese Posttraumatische Belastungsstörung, die ich die ganze Zeit erwähne?

Die Symptome der PTBS lassen sich drei Hauptgruppen unterteilen:

  1. Intrusionen, das heißt unwillkürliche Erinnerungen an das Trauma wie sogenannte Flashbacks
  2. Vermeidungsverhalten oder emotionale Taubheit und Distanziertheit
  3. Anhaltende Überregung: Darunter fallen Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, konstante Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit
    (Heedt 2017: 12)

Eine PTBS kann sich durch verschiedene Anzeichen zeigen. Eines davon sind sogenannte „Flashbacks“. Dieses ungewollte Wiedererleben des traumatischen Ereignisses in Form von Flashbacks kennst du vielleicht schon aus Filmen oder Büchern: Die betroffene Person wird plötzlich in das alte Erlebte reingezogen und verliert den Kontakt zur Gegenwart. Sie weiß nicht mehr. wo sie aktuell ist und was wirklich gerade passiert – stattdessen fühlt sie sich, als wenn die traumatische Situation noch einmal genau jetzt und hier passiert.

Das Ganze passiert meistens wie aus dem Nichts durch sogenannte Trigger. Wenn jemand mit einer PTBS getriggert wird, heißt das allerdings nicht, dass diese Person nun durch etwas Gesagtes oder Erlebtes verärgert oder verängstigt wird – so wie man das teilweise im Alltag sagt. Die betroffene Person ist nach einem Trigger einer ungewollten Erinnerung und starken Gefühlen oder Körperreaktionen ausgesetzt.

Betroffene fühlen sich akut bedroht, selbst wenn die erinnerte Situation in der Vergangenheit liegt. Trigger eines solchen ungewollten Wiederlebens können bestimmte einzelne Sinneseindrücke, die in den traumatisierenden Momenten wahrgenommen wurden, sein. Zum Beispiel der Geruch von Feuer oder des Parfüms eines Täters, aber auch bestimmte Wörter oder ähnliche Situationen.

Da dieses Wiedererleben so schmerzhaft ist, kommt es oft zu spezifischen Vermeidungsverhalten: Vermieden werden genau solche Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Gespräche, Orte, Aktivitäten, Situationen oder Menschen, die mit dem Erlebnis in Verbindung gebracht werden und triggern können. Ein solches Vermeidungsverhalten kann auch dazu führen, dass sich Betroffene emotional wie taub und von anderen Menschen distanziert und abgeschnitten fühlen.

Gleichzeitig ist das Gehirn traumatisierter Menschen in einem konstanten Modus der Übererregung. Es fällt Betroffenen schwer, zu schlafen und zur Ruhe zu kommen. Sie grübeln und sind übermäßig wachsam und immer auf der Hut nach Gefahren im Alltag. Der Körper ist langanhaltend gefangen in der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Dadurch befinden besonders viele Stresshormone im Körper.

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

Manche Menschen entwickeln nicht nur eine PTBS, sondern eine besonders schwere und spezifische Form der PTBS, die sogenannte komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, kurz kPTBS. Dies sind oftmals Personen, die langanhaltenden schweren Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend oder auch als Erwachsene erlebt haben. Die die Häufigkeit einer kPTBS wird auf etwa 0.6%–1% in der Allgemeinbevölkerung geschätzt (Wolf et al. 2014). Bei einer kPTBS treten zusätzliche Symptome in verschiedenen Bereichen auf:

  • Störungen in der Gefühlregulation (z.B. Schwierigkeiten, sich selbst zu beruhigen, starke Stimmungsschwankungen, Probleme, Impulse zu kontrollieren, selbstverletzendes Verhalten und chronische Suizidgedanken)
  • Dissoziationen: Kurzweilige Prozesse, bei der es zu Wahrnehmungsstörungen kommt
  • Veränderungen in der Persönlichkeit (negatives Selbstbild, dauerhafte Gefühle von Schuld und Scham, negative Lebenseinstellung)
  • Schwierigkeiten in den Beziehungen zu anderen Menschen (sozialer Rückzug, Einsamkeit)

Wie kann man Traumafolgestörungen behandeln?

Traumafolgestörungen lassen sich innerhalb einer Psychotherapie behandeln. Dort wird geübt, Kontrolle über die unerwarteten Wiedererinnerungen zu bekommen und mit den Triggern im Alltag umzugehen. Häufig werde Techniken gelehrt, mit denen Gefühle besser reguliert werden können. Für Verhaltensweisen, die schädlich für die Betroffenen sind, werden gesündere Alternativen erprobt.

Besonderer Schwerpunkt einer traumafokussierten Therapie ist die Auseinandersetzung mit den Traumata. Dadurch werden die Situationen nachträglich vollständig verarbeitet und das Trauma als Teil der Lebensgeschichte integriert. Ziel ist es, dass die Erinnerungen daran nicht mehr unwillkürlich im Alltag auftauchen (Ehring/Ehlers 2019: 52).

Was kann man als Freund*in oder Partner*in tun, um zu helfen?

  • Symptome der Traumafolgestörung als verständliche Reaktion des Körpers auf die absolut überfordernde traumatische Situation annehmen und nicht auf schnelle Besserung drängen
  • Unterstützen im Alltag, aber nicht jegliches Vermeidungsverhalten befördern
  • Bei Flashbacks und anderen Reaktionen auf Trigger: Nicht anfassen, wachrütteln oder anschreien! Den Betroffenen ruhig zusprechen, dass sie heute im Hier und Jetzt sicher sind. Helfen kann auch, den Betroffenen zu sagen, welches Datum heute ist, wo sie aktuell sind und wer mit ihnen vor Ort ist. Das hilft, wieder in die Gegenwart zu kommen
  • Bei Schwierigkeiten in Freundschaften und Beziehungen: Anerkennen, dass die Probleme und komplizierten Verhaltensweise der Betroffenen aufgrund der Traumatisierung entstanden sind und nicht einfach durch das „richtige“ Gegenüber verschwinden können. Es braucht gezielte therapeutische Hilfe bei der Bewältigung dieser Probleme.
  • Wenn sich der oder die Betroffene emotional zurückzieht, mach dir klar, dass du ihm oder ihr noch immer viel bedeutest. Er oder sie hat im Moment nur Schwierigkeiten Nähe zu spüren und zuzulassen. Versichere ihm oder ihr, dass du für sie oder ihn da bist und sie oder er dir viel bedeuten.
  • Die Symptomatik einer Traumafolgestörung kann sich in extremen Bildern zeigen – besonders, wenn Betroffene stark dissoziieren, sich selbst verletzen oder Suizidgedanken äußern. Grenze dich ab, wenn dir etwas zu viel werden sollte. Mache dir klar, dass du nicht verantwortlich bist, die betroffene Person vor sich selbst zu retten. Das kann sie nur allein machen. Verweise die Person in bedrohlichen Situationen auf professionelle Hilfe (Therapeut*in, Telefon Seelsorge oder Notruf)

Literatur:

  • Ehring, T. und Ehlers. A. 2019. Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung. Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe
  • Glaesmer, H., Matern, B., Rief, W., Kuwert, P. & Braehler, E. (2015). Traumatisierung und posttraumatische Belastungsstörungen: Auswirkung von Art und Anzahl traumatischer Erfahrung. Der Nervenarzt 7: 800–817
  • Heedt, T.. 2017. Psychotraumatologie. Traumafolgen und ihre Behandlung. Stuttgart: Schattauer
  • Häuser, W., Schmutzer, G ., Brähler, E . & Glaesmer, H . 2011. Misshandlungen in Kindheit und Jugend. Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung. Deutsches Ärzteblatt International 108: 287–294
  • Kratzer, L. S. 2019. Differentielle Behandlungsverläufe bei störungsspezifischer stationärer Psychotherapie komplexer Traumafolgestörungen. Augsburg
  • Maercker, A., Forstmeier, S., Wagner, B., Glaesmer, H. & Brähler, E. 2008. Posttraumatische Belastungsstörungen in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Studie. Der Nervenarzt 79: 577–586
  • Reddemann, L und Wöller, W. 2017. Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Göttingen: Hogrefe
  • Wolf, E. J., Miller, M. W., Kilpatrick, D., Resnick, H. S., Badour, C. L., Marx, B. P., Keane, T. M., Rosen, R. C. & Friedman, M. J. 2014. ICD-11 Complex PTSD in U.S. National and Veteran Samples: Prevalence and Structural Associations With PTSD. Clinical Psychological Science, Advance online publication

MoreCare Week – Die Mental Health Themenwoche von MoreCore.de

Wir haben für euch folgenden Content vorbereitet:

  • Ein Interview-Format namens #AskTheScene, in dem wir verschiedene Künstler und auch andere Mitglieder der alternativen Szene zu Themen aus dem Bereich Mental Health befragt haben
  • Kurze Fact-Videos, die zur Entstigmatisierung von psychischen Störungen beitragen sollen
  • Info-Artikel über Umgang mit psychischen Belastungen von Künstlern und Szene-Angehörigen
  • Eine besondere Podcast-Folge zum Thema Mental Health
  • Besondere Fachartikel für Angehörige und Interessierte
  • Persönliche Artikel der Redaktion

Eine Übersicht über die Inhalte der Woche findest du hier. Wenn ihr Fragen, Anregungen oder Kritik habt, dürft ihr euch gerne an MHW@morecore.de wenden. Wir freuen uns über euer Feedback!

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