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GENERATED FEST: Berliner Startup kündigt erstes KI-only-Festival auf fünf Kontinenten gleichzeitig an

Zwölf Acts, acht Städte, null Musiker:innen — und Tickets ab 45€. Wir haben Fragen.

VON AM 01/04/2026

Die Berliner Synthetic Live GmbH hat unter dem Namen GENERATED FEST ein Festival angekündigt, das am 15. August 2026 zeitgleich in Köln, Austin, Los Angeles, London, Paris, Tokyo, Sydney und Rio de Janeiro stattfinden soll. Alle Acts auf dem Billing sind KI-generierte Projekte. Kein einziger menschlicher Musiker steht auf der Bühne. Die zugehörige Website generatedfest.com informiert auf 5 Sprachen.

Das Lineup

Als Headliner sind Bleeding Verse und The Velvet Sundown angekündigt — zwei der bekanntesten AI-Projekte auf Spotify. Bleeding Verse hatte im September 2025 für Aufsehen gesorgt, als das Post-Hardcore-Projekt Holding Absence bei den Monthly Listeners überholte. Frontmann Lucas Woodland hatte das damals öffentlich kritisiert. Seitdem hat Bleeding Verse einen Deal mit Hallwood Media unterschrieben. The Velvet Sundown war der wohl größte AI-Musikskandal des Jahres 2025 — erst als echte Band vermarktet, dann bei über einer Million Hörern als vollständig KI-generiert enttarnt. Auch wir haben das Thema bei YouTube behandelt.

Dahinter steckt in beiden Fällen offenbar ein „Andrew Frelon“, der behauptet, die Musik jeweils in etwa 15 Minuten mit Suno erstellt und über einen einzigen DistroKid-Account Hunderte weiterer AI-Projekte zu verwalten.

Außerdem auf dem Poster: Serinx (110K Monthly Listeners, viraler TikTok-Hit „Love Like War“), Fall To Pieces (214K), Bleed Token (237K, von Deezer als AI geflaggt), Broken Avenue (130K, Anfang 2026 vom Counterparts-Frontmann Brendan Murphy als mutmaßliche AI geoutet), NEON ONI (Kawaii Metal, KI-generiert, hat inzwischen echte Musiker für eine Tour in Japan angeheuert), Oblivion Kiss, Angel of Anarchy, Ghost//Signal, False Saints und DEADLUVE.

Das Konzept

Lennart Brühl, „CEO & Chief Prompt Officer“ der Synthetic Live GmbH, hat uns per Mail ein vierseitiges Mission Statement geschickt. Kernaussage:

„Festivals haben ein strukturelles Problem, und dieses Problem sind die Künstler:innen. Sie werden krank. Sie canceln. Sie haben Rider, auf denen steht, die M&Ms müssen nach Farbe sortiert sein. Wir haben dieses Problem gelöst, indem wir es aus dem System genommen haben.“

Die Logik dahinter: Wenn keine Musiker:innen anreisen müssen, kann dasselbe Set parallel auf allen acht Bühnen laufen. Die Website spricht von „Zero artist overhead. Infinite scalability.“ Auf der Bühne soll eine 40-Meter-LED-Wand stehen, holografische Frontpersonen sollen die Headliner darstellen, zwischen den Sets moderiert eine KI-Stimme. Circle Pits werden per Bodenprojektion vorgegeben, Crowdsurfing läuft über eine AR-App. In der Mitte der Bühne steht ein einzelnes MacBook.

Auf die Frage, ob sein Konzept nicht die Existenzgrundlage echter Musiker:innen untergrabe, antwortet Brühl:

„Wir sehen uns nicht als Konkurrenz. Der Pferdekutscher hat auch nicht aufgehört zu existieren, weil jemand das Auto erfunden hat. Er hat einfach aufgehört, relevant zu sein.“

Tickets sind über die Website für ab 45€ (bzw. $49 in den USA) erhältlich. Brühl nennt den Preis ein „Signal, dass das ein echtes Event ist.“ Er vergisst zu erwähnen, dass sämtliche Musik kostenlos auf Spotify streambar ist.

Offene Fragen

Ob das GENERATED FEST tatsächlich stattfindet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt an keinem der acht Standorte verifizieren. Die Synthetic Live GmbH ist im Handelsregister nicht auffindbar, was allerdings auch an einer Neugründung liegen könnte. Lennart Brühl hat ein LinkedIn-Profil mit 19 Kontakten und einem Headshot, der aussieht, als hätte jemand Midjourney nach „Tech-Founder, 34, Berlin-Mitte“ gefragt. Die Venues sind bisher nicht genau bekannt.

Was allerdings verifizierbar ist: Jede einzelne Band auf dem Poster existiert. Alle sind auf Spotify streambar. Mehrere wurden von Deezer als KI-generiert geflaggt. Und die meisten von euch hatten wahrscheinlich schon eine davon in der Playlist, ohne es zu wissen.


Anmerkung der Redaktion

Wir halten das für eine beschissene Idee.

Nicht weil KI-Musik nicht existiert — sie existiert, und zwar genau in dem Ausmaß, das dieses Lineup zeigt und sogar darüber hinaus. Jeden Tag werden mehr und mehr KI-Songs ins Netz geladen. Und jetzt kommt ein Festival, das die Abwesenheit von Musiker:innen als Feature vermarktet und das auf fünf Kontinente gleichzeitig skaliert und damit nicht nur der gesamten Szene, sondern auch Kunst im Allgemeinen ins Gesicht spuckt.

Lennart Brühl nennt Künstler:innen den „größten Kostenfaktor.“ Wir nennen sie den Grund, warum wir alle hier sind.

Bleeding Verse hat echte Bands überholt, die seit Jahren touren, Songs schreiben und Rechnungen bezahlen. Broken Avenue hat Artworks von Knocked Loose kopiert und ist trotzdem Verified Artist auf Spotify. Bleed Token löscht Kommentare, die auf AI hinweisen. Und Spotify? Hat 2025 erklärt, man werde gegen AI-Spam vorgehen. Discover Weekly empfiehlt die Projekte weiterhin.

Hört genauer hin. Hinterfragt, was Spotify euch vorschlägt. Geht auf echte Konzerte. Kauft Merch von echten Bands. Unterstützt Musiker:innen, die seit Jahren alles geben, damit diese Szene lebt.

Oder, um es mit Lucas Woodland von Holding Absence zu sagen: „Oppose AI music, or bands like us stop existing.“

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