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Interview

Architects-Frontmann Sam Carter: „Ich hoffe, dass wir Bands dazu inspirieren, mutig zu sein“

Der Sänger im Interview über den Werdegang der Band, den Sound des neuen Albums und seine Wünsche für 2021.

VON AM 07/03/2021

Die Architects haben vor kurzem ihr neues Album „For Those That Wish To Exist“ auf den Markt geworden und damit in UK ihr erstes Nummer-1-Album an den Start gebracht. Auch hierzulande konnte sich die Band auf Platz 3 der Album-Charts absetzen – ein absolut beträchtlicher Erfolg!

Wir durften uns mit Frontmann Sam Carter über die neue Scheibe und den Sound darauf unterhalten. Weiterhin verriet uns der Sänger, wie er mit der Pandemie umgeht und was er sich für 2021 wünscht.

Architects-Frontmann Sam Carter im Interview

MC | Natascha: Die Band existiert nun seit mehr als 16 Jahren – nehmt ihr das auch in eurer Hörerschaft wahr? Da müssten ja Fans sein, die während unterschiedlicher Architects-Stadien dazugestoßen sind?

Ja klar, es gibt definitiv einige Fans, die uns seit Anfang an begleiten und mit der Band gewachsen sind und sich immer noch Shows von uns anschauen. Man sieht aber auch neue, jüngere Leute, die manchmal richtig erschrocken sind, wenn sie erfahren, dass wir schon neun Platten veröffentlicht haben. Manche denken wir hätten erst zwei oder drei gemacht, das ist dann immer ganz cool und ich freue mich immer riesig, dass sie sich freuen, noch unentdeckte Musik von uns hören zu können. Es ist aber ebenso interessant, dass es Leute gibt, die schon so lange zu unseren Shows kommen, dass sie mittlerweile gute Freunde geworden sind.

MC | Natascha: Wo wir gerade von Shows sprechen,: Im November habt ihr ja eine Livestream-Show in der Royal Albert Hall gespielt. Wie fühlt es sich an, alleine eine Produktion in der Royal Albert Hall zu spielen?

Es war schon komisch für uns. Also, es war echt cool, das zu machen, weil es eben eine renommierte Location in England und der Welt ist, zugleich war es auch echt bewegend die ganzen leeren, beleuchteten Sitze zu sehen. Ich glaube, es gibt nicht viele, die die Gelegenheit hatten, dort für niemanden zu spielen *lacht*

MC | Natascha: Gibt es für dich Unterschiede zwischen den Vorbereitungen für eine solche Show und eine „normale“ Show?

Ja, zunächst mal war es super spannend, weil wir das erste Mal neue Songs spielen konnten. Wir haben ca. eine Woche vorher geprobt, vor allem bei neuen Songs ist man während den Proben noch strenger mit sich selbst. Dazu kommt noch, dass wir seit Januar 2020 nicht mehr zusammen gespielt hatten. Es hat sich irgendwie nach einer ganz normalen Show Vorbereitung angefühlt, aber nach knapp zwei Songs dachte ich mir, “Mann, das ist echt seltsam!”

Die Energie die man von dem Publikum zu spüren bekommt, ist einfach so wichtig, der Adrenalinspielgel – es ist einfach nicht dasselbe. Auf der anderen Seite war es natürlich cool, die Möglichkeit zu haben, wieder gemeinsam auf der Bühne stehen zu können. Ich glaube, am Abend danach, als wir uns den Stream mit Leuten angeschaut und parallel auf Twitter kommuniziert haben, da war dann der Funke, der bei der Show gefehlt hat, weil man einfach die Verbindung spüren konnte.

MC | Natascha: „Animals“ ist der erste neue Track, der veröffentlicht wurde und stilistisch geht er in eine etwas andere Richtung, als ihr mit dem letzten Album abgeschlossen habt. Würdet ihr sagen, dass sich eure Einflüsse im Vergleich zu „Holy Hell“ verändert haben?

Wie du schon am Anfang richtig gesagt hast, sind wir schon echt lange als Band zusammen und da ist es wichtig, sich selbst immer musikalisch zu pushen. Manche Leute bekommen dann aber den Eindruck, dass man versucht, populärer zu werden, was ein Trugschluss ist, wenn Bands sich verändern. Wir brauchen das nicht. Wir machen schon so lange Musik. Es geht vielmehr darum, einen anderen Weg auf der Kreativkarte zu nehmen, nach all dem, was mit Tom [Searle, Gitarrist; 2016 verstorben, Anm. d. Red.] passiert ist. Vor allem unsere letzten drei Platten waren dadurch sehr miteinander verbunden. Es war Zeit für einen Neuanfang und wir fühlten uns danach, den Leuten zu zeigen, was wir als Musiker so draufhaben – ein neues Kapitel in der Architects-Geschichte.

Wären wir an „For Those Who Wish To Exist“ mit der gleichen Formel rangegangen, hätten wir uns selbst ein stückweit betrogen. Wenn an dem Punkt ist, an dem man denkt, man hat jetzt eine gute heavy Platte gemacht, kann man nicht einfach das gleiche nur mit anderen Noten machen. Das macht keinen Spaß – und man will ja nicht nach neun Alben den gleichen Sound haben, wo sich alle Songs sich gleich anhören.

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MC | Natascha: Was hat euch den zu „For Those Who Wish To Exist“ am meisten inspiriert? Oder gab es sogar irgendwelche No-Gos, von denen ihr gesagt habt, das dürfen wir auf gar keinen Fall so machen?

Am wichtigsten für uns war, egal was wir machen – es soll im Architects-Stil bleiben und uns eben treu bleiben. Wir wollten mehr Gesang und Elektronisches einbringen, aber wir wollten nicht – no offense an der Stelle – wir wollten am Ende aber nicht wie Dua Lipa klingen. Wir wollten wie Architects klingen, die einen auf Dua Lipa machen *lacht*

Nein ach was, aber es gibt verschiedene Arten, so einen Vibe zu kreieren, der ein bisschen elektronischer ist. Die größte Inspiration für uns war, als wir mit „Holy Hell“ getourt sind. Auf dem Album hatten wir schon viele elektronische Elemente und das live zu performen. hat super viel Spaß gemacht. Für uns hat es sich einfach natürlich angefühlt, mehr in diese Richtung zu gehen.

MC | Natascha: Es wäre schon super abgefahren, wenn ihr gemeinsam mit Dua Lipa was umsetzen könntet.

Es könnte passieren, man weiß ja nie. Ich hätte voll Bock drauf und wenn sie auch Lust hätte, könnte man sicher was starten.

MC | Natascha: Würdest du sagen, dass der Stil, der auf „Holy Hell“ und „All Our Gods Have Abandoned Us“ zu hören war und der die Core-Szene geprägt hat, abgeschlossen ist und ein neues Kapitel aufgeschlagen wird?

Ich glaube schon. Der Punkt, an dem uns auffällt, wenn Bands sehr von uns inspiriert sind, wurde auf jeden Fall erreicht. Und wenn einem das auffällt, dann ist es Zeit, sich zu verändern, man will ja nicht klingen wie jeder andere, auch wenn wir schon vor den anderen so klangen. Aber ich hoffe, dass wir Bands dazu inspirieren, mutig zu sein und das zu tun, worauf man Bock hat. Es ist sehr interessant, vor allem in einer Zeit wie dieser, wenn man durch das Internet ganz genaue Einblicke in die Meinungen anderer bekommt. Man braucht schon ein dickes Fell, um damit umgehen zu können, und das haben wir nicht.

Es ist sehr einfach sich von der Meinung der anderen beeinflussen und es zu nah an sich ran zu lassen. Und es ist ja nicht so, dass wir unsere Alben nicht mögen. Manche Bands verändern sich und sagen “wir werden nie wieder so klingen wie früher” – ich liebe unsere Alben so sehr und wir werden die Songs auch immer live zum Besten geben.

MC | Natascha: Wie habt ihr die Reaktionen der Community zu den ersten drei Songs wahrgenommen?

Bislang war es echt super, die Streaming-Zahlen waren richtig krass. Vor allem Animals ist jetzt schon einer unserer meistgespielten Songs, was echt wild ist. Nicht viele Bands haben das Privileg, ständig was Neues, Cooles zu machen und beenden ihre Sets immer mit einem Song vom ersten Album. Bei uns war das noch nie der Fall. Jedes Mal, wenn wir ein neues Album rausgebracht haben, war der fetteste Song live immer einer vom neuen Album. Es hat uns jedes Mal überwältigt, wie sehr die Leute es gefeiert und die Songs gefühlt haben. Aber ja, das Feedback war durch die Bank weg echt gut, bis auf wenige Ausnahmen, die uns vielleicht noch nicht so lange verfolgen und etwas schockiert von der Veränderung waren.

Für uns ist es auch ein Leichtes, das zu sagen, wir haben ja knapp ein Jahr daran gearbeitet und haben uns schon gut damit arrangiert, wo wir uns musikalisch mittlerweile bewegen. Ich nehme es ihnen also nicht übel, wenn sie etwas mehr Zeit brauchen, um sich daran zu gewöhnen.

MC | Natascha: Gab es einen Grund dafür, dass die Formate der bisher veröffentlichten Videos deutlich breiter sind und stark an Kino erinnern?

Ich liebe es, wenn Bands etwas Neues rausbringen und alles zusammenhängt und miteinander verstrickt und wichtig ist. Wir waren da auch immer groß dabei, aber jetzt haben wir nochmal einen größeren Umfang, um Dinge umzusetzen. Dan [Searle, Drummer, Programming; Anm. d. Red.] als Regisseur für „Animals“ dabei zu haben, war großartig. Er versteht uns, den Vibe und unsere Vision. Auch die Möglichkeit, was echt Cooles mit „Black Lungs“ machen zu können – es sieht einfach nur krass aus.

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MC | Natascha: Beyoncé hat ja damals mit “Lemonade” auch ein Cinematic-Album rausgebracht. Wäre das etwas, was ihr euch auch vorstellen könntet?

Jaaa absolut! Also wenn wir das Budget wie Beyoncé dafür hätten, dann unbedingt. *lacht*

MC | Natascha: Das Album heißt „For Those That Wish To Exist“ – was hat es mit dem Namen auf sich?

Um ehrlich zu sein, hatte Dan die Idee dazu, nachdem er die Lyrics fertiggeschrieben hatte. Er ist wirklich auffällig und ich liebe es, wie er zum Nachdenken anregt, was auch das Artwork betrifft. Aber ich sehe es so, dass wir ja alle existieren wollen und wir uns in unserem Alltag zurechtfinden, bei allem, was gerade passiert.

MC | Natascha: Es ist für eine Band wahrscheinlich sehr ungewohnt, ein Album zu releasen und nicht sicher zu sein, wann man es live spielen wird. Wie geht ihr damit um?

Es ist echt krass, wenn man so darüber nachdenkt. Wir hatten Glück und waren während des ersten Lockdowns noch damit beschäftigt, am Album zu arbeiten und aufzunehmen, was wir nicht für selbstverständlich erachtet haben, da einige Kollegen ja echt am struggeln sind. Dan und ich konnten gemeinsam arbeiten und die Jungs haben ihre Aufnahmen in einem anderen Studio gemacht. Es war wirklich eine toll, gemeinsam miteinander arbeiten zu können.

Es hat sich dann aber auch seltsam angefühlt, daran festzuhalten, vor allem wenn man überlegt, wie viel Zeit wir reingesteckt haben. Ich glaube, vor allem dann, wenn man viel Zeit zur Verfügung hat – nicht dass wir denken, wir hätten die Macht, die Welt zu retten, aber die Platte könnte für manche Leute echt ein Rettungsring sein. Es war auch schön, über den Tellerrand zu schauen und sich zu überlegen, wie man die Liveshows aufziehen kann. Normalerweise ist man auf Tour, wenn man die ersten Singles veröffentlicht, und sieht jede Nacht die Reaktion der Fans – jetzt muss man sich auf die Streaming-Zahlen verlassen, in diesen verrückten Zeiten.

MC | Natascha: Selbstverständlich müssen wir auch über die aktuelle Situation rund um Covid sprechen. Wie hast du persönlich das Jahr 2020 wahrgenommen und wie war das Jahr für die Architects?

Es war sehr seltsam. Ich glaube, wir haben eine Show in Australien spielen können und das wars. Ich glaube, das war das erste Mal, seitdem ich 13 war, dass ich nur eine Show in einem Jahr gespielt hab. Es war auf jeden Fall eine Herausforderung, sich zu arrangieren und sich auch an diesen Umstand zu gewöhnen. Blickt man positiv auf das Ganze, hat man so die Möglichkeit, gemeinsam kreativ zu werden und so gut durch die Pandemie zu kommen… sogar Architects-Merch mit Dan und Ally zu machen und sich darüber zu freuen, sind Wege, klarzukommen. Dinge zu verändern und nachhaltiger zu produzieren, hat echt Spaß gemacht. Man war so noch enger in Kontakt und hatte etwas, worauf man sich fokussieren konnte. 2020 war definitiv eine Lektion für uns alle, wie seltsam Dinge werden können und wir müssen alle lernen, das zu schätzen, was wir haben.

Jetzt wird einem mehr denn je klar, dass es eben nicht nur Musik ist, sondern dass die Szene, die Shows, die Bands… das sind alles Orte, an denen wunderbare Freundschaften entstehen können. Wir haben so viele tolle Freunde überall auf dem Globus verteilt, die wir normalerweise ständig sehen, weil man gemeinsam auf Tour ist und jetzt macht man eben Videocalls, weil es nicht anders geht.

MC | Natascha: Wie würde 2021 verlaufen, wenn du es dir so gestalten könntest, wie du es willst?

Ich denke, das Beste, was in diesem Jahr passieren kann, ist eine Art Neustart. Es muss alles allmählich wieder zurückgeführt werden, denn wenn man von heute auf morgen wieder auf Normal-Modus zurückschaltet, dann landen wir ganz schnell wieder am Anfang der Corona-Zeiten. Meine Hoffnungen für dieses Jahr sind, sich auf das Jahr darauf vorzubereiten, als Band an Songs zu schreiben und weiter zusammenzuarbeiten. Hoffentlich hilft der Impfstoff, sodass wir bald nach vorne schauen können.

Wir müssen uns auch klar machen, dass unser Verbrauch an Fleisch und tierischen Produkten einen massiven Teil dazu beiträgt. Es ist nicht leicht, der ganzen Welt zu erklären, sich vegan zu ernähren und ich erwarte auch gar nicht, dass alle das tun sollen. Auch wenn man sich die ganzen Fabriken anschaut, in der Tiere verarbeitet werden und die Gase, die dadurch freigesetzt werden… ja wir brauchen definitiv einen Neustart, schließlich haben wir jetzt schon einen kleinen Vorgeschmack erhalten, wie schlimm alles werden kann.

Beitragsfoto: Ed Mason (edmasonphoto)

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