Den Auftakt macht das Sextett mit dem Albumopener „Monochrome (Passive)“. Er stellt das genaue Gegenstück zum letzten Song „Monochrome (Pensive)“ dar. Dass der Longplayer in seiner Zusammensetzung so gut durchdacht ist, löst in mir als Konzeptpedantin Luftsprünge der feinsten Sorte aus. The Contortionist haben eine Geschichte (in Zyklen!) zu erzählen und das ist einfach nicht zu überhören.
Live entfaltet der Opener seine desillusionierende Wirkung um ein Vielfaches mehr. Synths und Gitarren gehen dabei Hand in Hand, während das Drumset recht träge – oder wie der Titel es verrät passiv – durch die ersten Minuten der Show schreitet.
Diese Bedachtheit lassen sie in „Godspeed“ schlagartig hinter sich: Im Nullkommanix zeigen Drummer Joey Baca und die beiden Gitarristen Cameron Maynard und Robby Baca, wie ein energiegeladener Einstieg auszusehen hat. Erst jetzt bekommen wir zum ersten Mal an diesem Abend den Frontsänger zu hören, der von Beginn an mit seiner ruhigen und doch energischen stimmlichen Mentalität die Hörer (oder zumindest mich) in seinen Bann zu ziehen weiß. Und auch das letzte Drittel des Songs, das gut ohne Vocals auskommt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Hinter „Reimagined“ verbirgt sich eine Ballade, die avantgardistische Züge trägt. So richtig überzeugt mich diese Komposition nicht, da der ohnehin schon sanfte Gesang für meinen Geschmack besser durch wuchtige Instrumente komplettiert wird. Der Klang des Songs transportiert eine unverfälschte Trostlosigkeit, die dem Sänger nur so aus seinem Gesicht abzulesen ist.
„Clairvoyant“ als dynamische Achterbahnfahrt
In dieser Show-Achterbahnfahrt der Dynamik haben wir mit „Clairvoyant“ einen der Höhepunkte erreicht: Der gleichnamige Albumtrack zeichnet sich durch Power und Rhythmik aus und diese Energie lässt sich zu 100 Prozent an der Mimik und Gestik der Musiker ablesen. Vor allem beim Gitarristen Cameron Maynard scheint der Energiefunke übergesprungen zu sein, denn dieser genießt mit einem verschmitzten Lächeln den Titel in vollem Maße, dass diese Aufgewecktheit auch mich als Zuschauerin mitten in der Nacht förmlich ansteckt.
Auf der Platte sind Screams leider Mangelware, aber das soll nicht für diesen Song gelten, der neben dem (und das stellt keine Übertreibung dar) engelsgleichen Gesang auch pointierte Screams zulässt. Gänsehauterregend ist mit Abstand der letzte Vers „What’s the price of it?“, denn diese Frage durchläuft den Song wie ein Mantra.
Mit „The Center“ verändert sich etwas: Es findet ein auffälliger Farbwechsel statt und auf einmal erscheinen die Jungs in einem hellen Licht. Das klingt jetzt sehr nach Kirche, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Assoziation genauso hergestellt werden soll, denn die ganze Zeit über ziert das Logo des Livestreams unübersehbar die Venue: Ein kreisförmiges Ornament, das an die Blume des Lebens erinnert.