
Fotos: Pia macht nicht nur hauptberuflich Fernsehen, sondern kümmert sich auch um die schönen Bilder bei MoreCoreTV in der Vor- und Nachproduktion. Vor der Kamera trifft man sie selten an und falls doch, nur vor der eigenen. Rückt sie nicht gerade Bands ins rechte Licht, kutschiert sie diese durch die Gegend und sorgt dafür, dass sie nicht verhungern. Insgeheim ist ihr Bulli ihr liebstes Familienmitglied und nicht nur die Postboten sind der festen Überzeugung, dass sie auch darin lebt. Musikalisch versucht sie sich ab und an selbst am Schlagzeug, hört beruflich Metal und Schlager, tanzt in ihrer Freizeit dann aber doch lieber bei Punkbands im Foxtrott durch den Moshpit. Für eine Runde Flunky Ball ist sie immer zu haben und vor ihren Rülpsern zieht so mancher Mann seinen Hut.
Noch sehr relevant!
Die Punk Rock-Routiniers von Montreal haben während der vergangenen zwei Jahre nicht nur durch unzählige und von immer wieder neuen Enttäuschungen begleitete Tour-Verschiebungen auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch durch zahlreiche bissige Kommentare zur fehlenden Unterstützung für Kunst und Kultur – mit „Zum Glück nicht relevant“ sogar im Songformat.
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Das Ganze ist deshalb so bemerkenswert, weil zumindest Gitarrist Yonas und Drummer Max Power als Sozialrichter und Erzieher in krisenfesten Jobs unterwegs und die Pandemie für sie persönlich nicht existenzgefährdend war. Dennoch war es Montreal wichtig, klare Kante zu zeigen – ein äußerst sympathischer Zug der Wahl-Berliner und vielleicht auch ein Grund, weshalb die Frankfurter Batschkapp an diesem Donnerstagabend zwar nicht ausverkauft, aber doch sehr ordentlich gefüllt ist.
Jack Pott
Bevor aber Montreal die Bühne betreten, starten Jack Pott aus Bad Schwartau den Konzertabend. Die Band ist im Vergleich zu Montreal noch einmal etwas mehr Pop als Punk, kommt mit ihren eingängigen Melodien beim Publikum aber durchaus gut an. Der Keyboard-Sound passt zwar zum auch sonst gelungenen Geier Sturzflug-Cover „Besuchen Sie Europa“, ähnelt bei anderen Songs allerdings eine Spur zu sehr an Schlagersound im Stil von Wolfgang Petry – „Ruhrgebiet“ spielt die Band aber zum Glück trotz des zumindest teilweise passenden Bandnamens nicht.
Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)
Ihre Aufgabe als Einheizer erfüllt die Band, deren junges Alter man ihnen zumindest zeitweise noch anmerkt, in der ihr reichlich zur Verfügung stehenden Zeit ohne Frage und für Gitarrist Justin dürfte es ein denkwürdiger Geburtstag – inklusive Ständchen – gewesen sein.
Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)
Montreal
Doch selbstverständlich ist die überwiegende Anzahl der Fans, von denen laut einer spontanen Umfrage durch Bassist Hirsch gar nicht allzu viele direkt aus Frankfurt kommen, für den Hauptact des Abends erschienen. Und als Montreal um 21 Uhr die Bühne betreten, ist die Freude bei Fans und Band direkt spürbar groß. Das liegt neben der Wiedersehensfreude auch am Sound, der von Anfang an und dann auch im Laufe des Konzerts keine Wünsche offenlässt.
Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)
Zwar besteht bei Montreal schon allein aufgrund ihrer sehr spartanischen Bandbesetzung und des konsequenten Verzichts auf einen Backing Track immer die latente Gefahr, dass das Ganze zu dünn klingt, doch wenn der Instrumente und Gesang wie an diesem Abend perfekt aufeinander abgemischt sind, hat wohl niemand das Gefühl, dass etwas fehlt. So sind Montreal ein erfrischender Gegenentwurf zu all den Bands, bei denen mehr Instrumente vom Band als von der Band kommen.
Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)
Für Montreal dürfte es kurz vor dem 20. Bandgeburtstag inzwischen von Jahr zu Jahr schwieriger werden, bei allein sieben Studioalben eine ausgewogene Setlist zusammenzustellen. Das jüngste Album „Hier und heute nicht“ aus dem Jahr 2019 spielt an diesem Abend übrigens keine besondere Rolle, denn tatsächlich scheint es der Band darum zu gehen, bei den Comeback-Shows nach der langen Corona-Zeit Songs aus allen Schaffensperioden der Band zu präsentieren – das sicherlich hin und wieder auch mit dem Montreal-typischen musikalischen Augenzwinkern wie bei „Maurer“ und „Pullover“ von der zumindest seitens der Band eher wenig geschätzten EP „Zwischen Tür und Angel“.
Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)
Stichwort Augenzwinkern: Auch was die Ansagen und generell die Kommunikation mit dem Publikum angeht, haben Gitarrist Yonas und Bassist Hirsch nichts verlernt. Doch obwohl sie das Herumgeblödel fast besser beherrschen als ihre Instrumente, beweisen sie, dass es auch anders geht. Bei der Ansage zu „Richtig Falsch“ vom 2017er-Album „Schackilacki“ erzählen sie, dass sie den Song auf Wunsch ihrer Freunde von der Sondaschule bei der Trauerfeier für deren im vergangenen Jahr verstorbenen Gitarristen Daniel Junker gespielt haben. Ihm und dem erst vor wenigen Tagen von uns gegangenen Terrorgruppe-Bassisten Zip Schlitzer widmen sie dann auch an diesem Abend den Song. Eine bewegende Geste und der Beweis dafür, dass selbst Gänsehaut auf einem Montreal-Konzert möglich ist.
Zum Ende der Show steigt die Stimmungskurve dann aber wieder deutlich nach oben und spätestens bei der aller-aller-allerletzten Zugabe „Endlich wieder Discozeit“ (bei manchen Songs fragt man sich wirklich, warum gerade sie Kultstatus erreicht haben), geht dieser rundum gelungene Konzertabend zu Ende. Man darf schon gespannt sein, was die Band sich für das Jubiläumsjahr 2023 ausdenken wird. Ein Ende ist jedenfalls noch lange nicht in Sicht.