
LØLØ: "Ich möchte weiblichen Emotionen mehr Macht verleihen"
Y2k-Feeling mit einer Brise Feminismus gab es bei LØLØs "God forbid a girl goes on tour"-Stopp in Dortmund.
Jennifer Oedekoven
Die 2000er sind zurück und damit natürlich auch der mit ihnen verbundene Sound. Wer sich dieser Tage also mal wieder bei Guilty Pleasures wie Avril Lavignes "Sk8er Boi" oder Ashley Simpsons "Pieces of Me" wieder findet, sollte definitiv auch LØLØ auf dem Schirm haben. Die kanadische Singer/Songwriterin eroberte bereits in den letzten Jahren mit ihrem leicht nostalgisch angehauchten Pop-Rock-Sound viele Herzen und hat im April mit ihrem zweiten Studioalbum nachgelegt.
Wir hatten die Chance vor der Headline-Show im Dortmunder Junkyard mit ihr zu reden.
Das neue Album war dabei natürlich Gesprächsthema Nummer eins. Mit "God forbid a girl spits out her feelings" wagt LØLØ sich nämlich eine Richtung einzuschlagen, die ihrer Musik nochmal eine neue Note gibt, jedoch auch ein wenig Mut von ihr erforderte, wie sie uns erzählt:
„Ich hatte schon etwas Angst, weil [das Album] ein bisschen poppiger ist und etwas klarer klingt, aber ich finde, die Leute reagieren tatsächlich sehr positiv darauf."
Auch wenn LØLØ dem Pop-Rock-Genre weiterhin treu bleibt, zeigt sie auf den neuen Tracks eine weitere Facette von sich selbst und dem Sound, mit dem die 29-jährige selbst aufgewachsen ist:
„Meine beiden Lieblings-CDs in meiner Jugend waren 'Metamorphosis' und 'American Idiot'. Und ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, dass diese Mischung aus beidem genau das ist, was ich schon immer sein wollte.“
Während ihr 2024 erschienenes Debütalbum "Falling for robots and wishing I was one" sich noch mehr in die punkrockige Richtung von Bands wie Green Day oder Weezer lehnte, zeigt "God forbid a girl spits out her feelings" eher LØLØs sanftere Seite – diese vor allem inspiriert von beispielsweise Michelle Branch, Ashley Simpson und Liz Phair.
Unsere komplette Review zum Album findet ihr übrigens hier:
unknown nodeUnterstützung vom Blink 182-Produzenten
Unterstützt wurde LØLØ bei der Weiterentwicklung ihres Sounds von Andrew Goldstein, der bereits für seine Zusammenarbeit mit Blink 182, Avril Lavigne und weiteren großen Namen der Musikbranche bekannt ist. Dieser hat nicht nur ihren Songwritingprozess ein bisschen auf den Kopf gestellt, sondern ihr auch gezeigt, dass weniger, wie man so schön sagt, manchmal mehr ist.
„Der erste Song, den ich mit [Andrew] geschrieben habe, war „The Punisher“, und das war der erste, bei dem er meinte: „Warum müssen wir das noch aufbauschen? Es klingt doch schon so gut auf der Akustikgitarre. Lass uns einfach nur ein bisschen was hinzufügen.“ Und ich dachte mir: Verdammt, ja, so klingt es wirklich toll. Und mit ihm haben wir einfach den ganzen Song auf der Akustikgitarre geschrieben und dann erst später Songs hinzugefügt, während ich normalerweise mit einem härteren Track anfange. Er hat mich irgendwie auf die Idee gebracht, einen Sound zu entwickeln, der ein bisschen mehr in Richtung Indie-Singer-Songwriter-Girl geht.“
Aber nicht nur musikalisch lernen wir auf der neuen Platte eine intimere Seite von LØLØ kennen, sondern auch lyrisch. Im Vergleich zum Vorgänger zeigt sie sich in ihren Texten nämlich deutlich persönlicher und somit auch verletzlicher. Wie herausfordernd war es für die Kanadierin, so offen über ihre Erfahrungen zu schreiben?
„Ich habe das Gefühl, dass ich mich früher – selbst beim Schreiben meines letzten Albums – manchmal definitiv zurückgehalten habe, wenn es darum ging, so persönliche Details preiszugeben, weil ich mich irgendwie geschämt habe oder es mir peinlich war.“
Als sie mit ihrem Debütalbum auf Tour war, bemerkte sie jedoch, dass sich eine ganz unerwartete Dynamik entwickelte:
„Ich schaute ins Publikum und sah, wie die Leute die Texte mitsangen und sichtlich davon berührt waren. Da wurde mir klar: Moment mal, wir empfinden ja alle genau dasselbe. Wir erleben eine geteilte Erfahrung.“
LØLØ realisierte also, dass es überhaupt nichts gab, wofür sie sich schämen müsste. Im Gegenteil: Ihre Offenheit mit ihren eigenen Gefühlen, half sogar Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Ein bisschen mehr als nur "Feel Good Musik"
Und genau das ist auch eine der Besonderheiten in LØLØs Musik. Auch wenn sie über schmerzhafte Erfahrungen singt, löst der Hauch von Selbstironie, den man immer wieder zwischen den Zeilen erkennt, gemischt mit der vom Poppunk der 2000er inspirierten Leichtigkeit dazu, dass man sich nach dem Hören besser fühlt. Aber eben nicht nur das – auch ein bisschen gesehener, ein bisschen verstandener und vor allem weniger peinlich berührt bezüglich der eigenen Gefühle.
Während LØLØs Musik es zwar schafft, die Laune zu verbessern, egal wie es einem gerade geht, spricht sie latent auch ein Thema mit größerer Bedeutung an: Frauen werden oft dafür belächelt, zu viel zu fühlen. Nicht nur LØLØs selbstgewählter Titel wirkt so fast wie eine kleine Rebellion für die Girlhood.
"Als Frauen wird uns ständig das Gefühl vermittelt, wir seien zu viel oder zu emotional.
Zugegeben, wer es nicht zu ‚girly‘ mag, ist bei LØLØ wahrscheinlich an der falschen Andresse. Für den Rest sorgt sie für eine angenehme Abwechslung in der Playlist, die sowohl jüngere Generationen abholt als auch solche, die mit Avril Lavigne und Ashley Simpson aufgewachsen sind. Beim Zuhören hat man oft das Gefühl, Einblick in einen sehr poetischen Eintrag aus LØLØs Tagebuch präsentiert zu bekommen.
Tatsächlich sitzt LØLØ jedoch nicht, wie man sich das romantisiert vorstellen könnte, mit Scrapbook und pinkem Plüschkugelschreiber auf dem Bett, während sie ihre Songs schreibt. Ganz abwegig, ist der Gedanke trotzdem nicht:
„Ich sitze vor meinem Computer oder meinem Handy und tippe verschiedene Songtexte und dann schnappe ich mir meine Gitarre und setze danach die Musik dazu. Also stehen bei mir immer zuerst die Worte. Es ist also am Anfang so ähnlich wie Gedichte schreiben. Und dann vollende ich den Song entweder alleine mit meiner Gitarre in meinem Zimmer oder ich bringe ihn zu einem Produzenten und sage: „Hey, ich habe diesen Refrain“ oder „Hey, ich habe diese Idee für eine Strophe“ oder was auch immer, und dann schreiben wir den Rest gemeinsam.“
Als Fan kommt man auf seine Kosten
Die Nähe, die man so als Fan zu LØLØ verspürt – fast so, als würde eine gute Freundin durch die Kopfhörer zu einem singen – endet nicht bei ihren Lyrics. Wirft man einen Blick auf ihr Instagram-Profil, sticht direkt ins Auge, wie wichtig LØLØ die Verbindung zu ihren Fans ist:
„Ich meine, ohne meine Fans wäre ich buchstäblich nichts, und das ist mir sehr wohl bewusst. Deshalb versuche ich, so viel wie möglich zu tun, um mit ihnen online oder im echten Leben in Kontakt zu bleiben. Ich habe immer das Gefühl, sie bezahlen dafür, mich zu sehen, und sie bezahlen für VIP-Tickets – ich möchte sicherstellen, dass sie auf ihre Kosten kommen. Ich will sicherstellen, dass ich so viele Songs wie möglich singe. Ich will sicherstellen, dass ich die Lieblingssongs von jedem singe.“
Zudem postet sie nach jeder Show einen kleinen Tagebucheintrag über den jeweiligen Auftritt, Geschenke, die sie bekommen hat und Fotos mit Fans. Diese dürfen sogar mit ein bisschen Glück mit auf die Bühne.
Instagram Post
Wer also ein bisschen in Y2k-Nostalgie schwelgen, sich nach einem Heartbreak besser fühlen will oder einfach nur Musik sucht, die gute Laune macht, sollte "God forbid a girl spits out her feelings" auf jeden Fall zur Playlist hinzufügen.

