
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Satte 69 Minuten legen Cult Of Luna mit ihrem neuen Album „The Long Road North” auf den Tisch. Nach der im 2021 erschienenen „The Raging River“ EP, die immerhin 38 Minuten an Material bescherte, war den Schweden wohl kaum langweilig. So folgt mit dem neuen Album ein weiterer Brocken an Musik, der nahtlos an das anknüpft, was „A Dawn To Fear“ übrig gelassen hat.
„Cold Burn“ macht direkt klar, dass sich am brachialen und pompösen Post-Metal Sound der Band nicht viel geändert hat. Mit dezent eingesetzten Synthesizern drückt der Anfang kräftig, um in ein „Eternal Kingdom“-eskes Riff zu münden. „Cold Burn“ klingt einhundertprozentig nach Cult Of Luna und offenbart dabei subtil die verschiedenen musikalischen Sprachen, die die Band auf ihren bisherigen Alben zu Tage gebracht hat.
Insbesondere der etwas melodische Ansatz, lässt den Opener mit fast 10 Minuten Spielzeit sogar eingängig werden.
Die typische Cult Of Luna-Dynamik
Im folgenden „The Silver Arc“ folgt der Sound ähnlichen Ansätzen, erinnert stellenweise auch an The Ocean. Jedoch stellt sich die Frage, ob Cult Of Luna gar an The Ocean erinnern können, oder nicht umgekehrt. Dennoch sind es die Riffs, die eine Parallele zum deutschen Kollektiv aufzeigen und „The Silver Arc“ treibend wirken lassen. Dabei setzen die Schweden auf eine Dynamik, die sich passagenweise auch im Post-Rock wiederfindet.
„Beyond I“ baut auf den ätherischen Vibe und ist neben Synthesizern und Sounddesign durch weiblichen Gesang geprägt. Zu hören ist die schwedische Jazz-Sängerin Mariam Wallentin, die mit ihrer kraftvollen Stimme ein Momentum der Ruhe erzeugt. Ein stimmiges Feature, das Bandbreite in den Sound von „The Long Road North“ bringt.
Ähnlich baut sich auch „An Offering To The Wild“ mit atmosphärischen Klängen auf. Dass Cult Of Luna in ihrer Musik von Filmmusiken beeinflusst waren, lässt sich kaum von der Hand zu weisen. So baut die Band dieses Ambiente in ihren melancholischen Klang ein und erzeugt einen kaum vergleichbaren Vibe.
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„An Offering To The Wild” besitzt eine ähnlich eingängige Melodie, die sich Stück für Stück aufbaut. Es ist die Addition verschiedener Instrumente, die die Dramaturgie einzelner Tracks so spannend wirken lässt. So spannend, dass Spielzeiten von über 12 Minuten kaum bemerkbar sind. Dennoch wirkt der Track etwas zu unspektakulär im direkten Vergleich mit anderen. So ist das knapp siebenminütige „Into The Night“ im Vergleich ein spannenderer Track.
Prog Rock-Einflüsse
Ähnlich wie „Inland Rain“ auf „A Dawn To Fear“, versteht sich „Into The Night“ als ruhigerer Track. Mit sanftem, gehauchtem Gesang und Desert Rockigen Gitarren legt sich die Brachialität der Band einen kurzen Moment ab. Mitsamt Hammond-Orgel Sounds und dem depressiven Vibe, bestechen Cult Of Luna auf hypnotisierende Art und Weise.
So wird der Track zu einer psychedelischen Prog Rock Hymne, die auch den Post Aspekt nicht vermissen lässt. Das alles nur, um am Ende dann doch in Brachialität auszuufern. „Into The Night“ ist ein Paradebeispiel für die geschickte Dramaturgie, im Songwriting der Band.
Auch „Full Moon“ knüpft an diesen Prog Rock Vibe an, ist jedoch nicht mit wilden Taktungen umgarnt. Viel mehr erinnert der Vibe des dreiminütigen Tracks an Balladen von Porcupine Tree, die durch geschickte Instrumentierung und spannendes Drumming als Brücke dienen. Die Brücke führt zu dem Track, von dem sich der Titel des Albums ableitet.
Wucht und Zunft
Der Beginn von „The Long Road North“ ist atmosphärisch, ausgeschmückt und perkussiv gestaltet. Erst nach zweieinhalb Minuten beginnt das Riffing mit einer Menge Wucht.
Hierbei driften Cult Of Luna in Sphären des „Mariner“-Albums, auch wenn leider auf den Gesang von Julie Christmas verzichtet werden muss. Dennoch wirkt der Titeltrack ähnlich wie das 2016 erschienene Album und überzeugt auch ohne Cleangesang.
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Ein weiterer Elfminüter findet sich mit „Blood Upon Stone“ kurz vor dem Ende des Werks. Auch hier liefern Cult Of Luna per se nichts neues. Es gibt die gewohnte Ladung Riffs, Shouts und einen treibenden Beat, der sich über die lange Spielzeit in hypnotisch wirkenden Sphären windet.
Post-Rockige Gitarrenzwischenspiele halten die Spannung durchweg am Leben, bevor die härteren Riffings erneut einschlagen wie Wellen auf eine steinige Küste.
Cult of Luna erzeugen cinematographische Soundscapes
Im Kontrast dazu steht mit „Beyond II“ ein sehr ruhiges, cinematographisch gestaltenes Outro. Die vier Minuten beenden das Album mit dystopischen Klängen. Verantwortlich dafür war Colin Stetson, der bereits mit The Arcade Fire, Bon Iver und Tom Waits zusammengearbeitet hat. Der Komponist des Hereditary-Soundtracks beeindruckte Cult Of Luna.
So stammt nicht nur “Beyond II”, sonder auch der Beginn von „An Offering To The Wild“ aus seiner Feder. „Beyond II“ versteht sich dabei als Stetsons Interpretation von „Beyond“, wie die Band berichtet.
Am Ende bleibt ein weiterer Batzen, den Cult Of Luna auf gewohnt hohem Niveau abliefern. „The Long Road North“ ist eines der vielseitigsten Alben, das die Schweden je gemacht haben. Zwischen Prog-Einflüssen, Post Rock und brachialem Metal sind es die Gesänge, die den Sound weiter abheben lassen.
Man kann getrost darauf vertrauen, genau das zu bekommen, was man erwartet. Jedoch gelingt es in einigen Momenten auch das Unerwartete zu entdecken.
Foto: Silvia Grav / Offizielles Pressebild
Fazit
Fakt ist: Wer mit langatmiger Musik nicht viel anfangen kann, ist im Genre Post-Metal und bei Cult Of Luna definitiv fehl am Platz. Cult Of Luna leben durch diese Langatmigkeit, die stellenweise aber auch zum Verhängnis werden kann. Dennoch liefert „The Long Road North“ einen für die Verhältnisse der Band bunten Mix aus derem Repertoire. Nicht zuletzt durch herausstechende Vocalperformances und ein gewohnt starkes Songwriting, sind Cult Of Luna die unagefochtene Spitze des Post-Metal.

▶Tracklist 9 Songs
- 1Cold Burn
- 2The Silver Arc
- 3Beyond I
- 4An Offering to the Wild
- 5Into the Night
- 6Full Moon
- 7The Long Road North
- 8Blood Upon Stone
- 9Beyond II