Immer gut gelaunt und stets mit einem Lächeln auf den Lippen nimmt sich Sporty-Spice-Energiebündel Cassy, neben ihren Jobs als Pilates- und Jumping-Fitnesstrainerin, gerne auch Zeit für eine ausführliche Albumrezension. Wenn sie sich dann doch mal etwas Zeit für sich freischaufelt, kümmert sie sich liebevoll um ihre Kollektion seltener Pflanzen, macht es sich für `nen Star Trek Marathon (kein Star Wars!) vor dem Fernseher bequem oder recherchiert für themenbezogene MoreCore-Beiträge. Ihr bereicherndes Talent zum „Labern“ nennen einige „angenehm grenzüberschreitend“, wir nennen es lieber „Potential für gute Interviews“. Festivalbesuche stehen natürlich auch regelmäßig auf dem Plan, bevorzugt die Kleineren. So oder so - die spannenden Livereviews lassen jedenfalls nicht lange auf sich warten.
„Wie wir unsere Musik als Essen beschreiben würden? 2 Bagels mit Nacho-Toppings und einer dezenten Schicht Knisterbrause!“ 2017 bezeichnete das Power-Pop-Quartett Charly Bliss ihren Stil auf ihrem Debütalbum „Guppy“ in etwa als kunterbunte Grenzüberschreitung, als ständiges Anecken, kontinuierlich umhüllt von einem schützenden Airbag aus Zuckerwatte. Eine treffende Beschreibung für eine Band, die ihre instrumentellen Wurzeln im aufsässigen, crunchigen Pop-Punk hat und ihren Gesamtklang dabei stets durch die süßlich-verspielten, beinahe kindlichen Vocals der Sängerin Eva Hendricks klanglich austarieren. Eine Frage, die anlässlich ihrer dritten Albumveröffentlichung zu „Forever“ zurecht gestellt werden kann: Was bekommen Hörende dieses Mal beim LP-Bankett serviert?
Charly Bliss: Eine LP-Trilogie des Erwachsenwerdens
Was für manche ein unüberwindbares Wagnis darstellt, war den New Yorkern in der Vergangenheit gerade abenteuerlich genug. Wenn es zum Release von „Guppy“ nach der Band gegangen wäre, hätte es im Anschluss eine mit pinkglitzerndem Käse überbackene Marshmallow-Pizza als Dessert gegeben. Oder doch lieber Eiscreme mit bunten Streuseln? Mit „Soft Serve“ (zu dt. „Softeis“) wurden Hörer:innen tatsächlich schon im Jahre 2014 in Form ihrer gleichnamigen EP verwöhnt. Darauf zu hören ist eine rotzfreche, Pop-Punk begeisterte Band, die die Unbekümmertheit ferner Teenager-Tage so authentisch abbildet, dass man sich unmittelbar nach seiner eigenen rebellischen Phase zurücksehnt. Während sich „Guppy“ mit einem Bein noch immer inmitten der Teenager-Romantik befindet, vermag die Nachfolgerplatte „Young Enough“ (2019) einen Schritt weiterzugehen und immer mehr von der pop-punkigen Unbeschwertheit zu verlieren.
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„Forever“ – Beflügelt in den Sphären des Pop
Freude an der Musik zu haben, ist das oberste Gebot der Truppe und das hört und fühlt man. Durch die langjährige Freundschaft der Sängerin und Gitarristin Eva Hendricks zu ihren Kollegen, dem Lead Gitarristen Spencer Fox, dem Bassisten Dan Shure und letztlich zu ihrem Bruder, dem Drummer der Band Sam Hendricks, ist nach all den Jahren des gemeinsamen Musizierens und Heranwachsens ihre Innigkeit der größte Safespace, um neues musikalisches Terrain zu erkunden – oder altbekanntes zu intensivieren – so geschehen auf „Forever“.
Ein Teenage-Dream zwischen Bubble-Grunge und Power-Pop
Trotz des eher dürftigen Einstiegs mit dem Synth-lastigen und doch kontrastarmen Opener „Tragic“, berappeln sich die Musiker schnell mit den nächsten beiden Titeln. „Calling You Out“ und „Back There Now“ bringen sommerliche Pop-Beats an den Start, die dann doch überraschend gut ins Ohr gehen und auch bleiben. Naheliegend, dass ersterer vorweg als Single-Appetizer erschienen ist. Letzterer hingegen legt eine besondere Leichtigkeit an den Tag, die sich zwar nicht mehr in der Pop-Punk- oder Rock-Manier vollzieht, jedoch von Pop-Koryphäen wie Carly Rae Jepsen, Katy Perry oder eine jüngere Charlie XCX ehrlicherweise gar nicht so weit entfernt ist.
Ebenso hat es “Nineteen” verdientermaßen unter die audiovisuellen Erscheinungen geschafft. Mit ihrer ergreifenden Pianoballade blicken die Künstler*innen zehn Jahre zurück in die Vergangenheit, um den ersten Herzschmerz in einem minimalistischen, noch von sanften Synths begleiteten Song festzuhalten. Instrumentell noch gemäßigter geht es in „Easy To Love“ zu, dem „reinsten“ Track der Platte. Der akustische Gitarrentraum am Lagerfeuer beweist gemeinsam mit „Nineteen“, dass auch in diesem Fall weniger bekanntlich mehr ist – und zudem geben sich Charly Bliss als wahre Puristen zu erkennen, denen das Simple sehr gut liegt. Überzeugen kann außerdem der milde und einfühlsame Country-Pop-Track à la Taylor Swift mit dem Titel „In Your Bed“.
Ähnlich wie zu Beginn mangelt es dem hinteren Mittelteil des Albums an signifikanteren und eingängigen Hooks, die das große Finale ab „Waiting For You“ (im Übrigen ein Liebeslied, das Eva ihren Bandkollegen gewidmet hat) und den starken vorderen Mittelteil bis „I’m Not Dead“ als vollumfänglicher Dauerbrenner zusammenfügen. Die genannten Songs zeigen ganz nebenbei bemerkt, dass das Bubblegrunge-Herz von Charly Bliss in ihrem Alter Ego des Pop immerzu weiterschlägt.
Schließlich haben sie nach den beiden LP-Releases nicht den Anspruch, drei Alben in ein und demselben Stil zu produzieren. Was mit „Forever“ tatsächlich bestehen bleibt, sind die Gefühle, die selbst zehn Jahre später erneut aufkochen und die Band die Chance erhält, sich in einem neuen Licht zu reflektieren. Die Musiker*innen sind den „Kinderschuhen“ entwachsen und tun trotzdem immer noch das, was sie am besten können: Die damalige Teenage-Romantik so aufleben zu lassen, dass nicht die Naivität aus ihnen spricht, sondern mit all ihrer Erfahrung das reflektierte Selbst.
Foto: Milan DiLeo / Offizielles Pressebild
Fazit
Charly Bliss positionieren sich auf „Forever“ auf einer Range zwischen Indie Rock und Power-Pop deutlich auf der poppigen Seite. Trotzdem ragen immer noch ihre alten Wurzeln aus der frisch umgegrabenen Erde hervor. Eigentlich ein guter Kompromiss für einen Sound, der alte Fans abholen soll und neue hinzugewinnen könnte und doch schwächelt die Band auf ihrer Platte kurzzeitig in ihrer Kreativität. Insgesamt lassen sich aber immer noch einige vielversprechende Tunes auf dem Album wiederfinden, die eine ernstzunehmende Konkurrenz im Pop-Geschäft abgeben.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Tragic
- 2Calling You Out
- 3Back There Now
- 4Nineteen
- 5In Your Bed
- 6I’m Not Dead
- 7How Do You Do It
- 8I Don’t Know Anything
- 9Here Comes the Darkness
- 10Waiting for You
- 11Easy to Love You
- 12Last First Kiss
