
Mauritz Hagemann
Auch für The Amity Affliction kam die Corona-Pandemie zur Unzeit. Wobei – immerhin konnten die Australier noch einen Teil ihrer Tour zum damals taufrischen Album „Everyone Loves You… Once You Leave Them“ beenden, bevor die Pandemie im März 2020 erst einmal alle Tourpläne auf Eis legte. Und weil die Ein- und Ausreisebestimmungen in Australien besonders streng waren, dauerte es eine ganze Weile, bis die Band ihren Heimatkontinent überhaupt wieder verlassen konnte. Als das Touren dann wieder möglich war, übernahm sich die Band direkt. So musste sie die Europatour nochmals von Herbst 2022 auf Januar 2023 verschieben.
Es geht direkt zur Sache
Die ersten Touren nach Corona hat man inzwischen also erfolgreich absolviert. Jetzt ist die Zeit endlich reif für neue Musik. „Not Without My Ghosts“ steht in den Startlöchern und wartet neben vielen bekannten TAA-Elementen auch mit einigen Neuerungen auf. Doch der Reihe nach: Der Einstieg in das Album ist hart und kompromisslos. Schon nach wenigen Takten des Openers „Show Me Your God“ ist klar, dass die Fans eher kein weiteres Album im Stile des doch eher seichten 2019er-Albums „Misery“ erwartet.
Stattdessen geht es wie schon auf „Everyone Loves You… Once You Leave Them“ ordentlich zur Sache. „Show Me Your God“ ist übrigens ein Song, der sich lyrisch mit dem Waffen-Kult in den USA beschäftigt. Das ist schon deshalb überraschend, weil die Texte von Sänger Joel Birch in der Vergangenheit überwiegend sehr persönliche Erfahrungen verarbeiteten. Doch auch „Show Me Your God“ ist nicht als politisches Statement gedacht. Stattdessen beschäftigt sich Birch damit, wie es für ihn wäre, in einem Land wie den USA aufgewachsen zu sein.
The Amity Affliction: Zwischen Altbewährtem und neuen Elementen
Dass der Opener lyrisch aber auch auf „Not Without My Ghosts“ eher eine Ausnahme darstellt, zeigen Songs wie „It’s Hell Down Here“ und „Fade Away“. Hier wird es wieder deutlich persönlicher. Musikalisch schlagen die Songs eine Brücke zwischen dem bisherigen Stil der Band und neuen Entwicklungen. Die Tracks lassen sich schnell als The Amity Affliction-Songs identifizieren, denen aber ein erfrischendes Soundupdate verpasst wurde. Zumindest und vor allem für Fans nicht zu viel, aber eben gerade genug Veränderung. Und auch wer bisher noch nicht viel mit der Band anfangen konnte, sollte sich auf das neue Album einlassen.
Ein weiteres Update: Dem derzeitigen Trend folgend, holen sich auch The Amity Affliction einige Gäste dazu. Das war bisher ganz und gar nicht der Stil der Band. Doch wenn man sich einen Song wie „Death And The Setting Sun“ anhört, bei dem Comeback Kid-Fronter Andrew Neufeld mitwirkt, wünscht man sich, dass es anders gewesen wäre. Der Song ist wie gemacht für ein Feature des Kanadiers. Er bringt zum einen genug Geschwindigkeit, zum anderen aber auch ausreichend Hardcore-Vibes mit. Das wird sicher auch live sehr gut funktionieren.
Instagram Post
Auch „I See Dead People“ ist ein ganz besonderer Song, enthält er doch einen Gastpart des 2021 verstorbenen Rappers Louie Knuxx. Musikalisch sticht dieser Song zwar nicht besonders hervor, doch vor dem Hintergrund des Songtitels macht auch diese tragische Geschichte das Album zu etwas Besonderem.
Features als großer Pluspunkt
Keine Neuigkeit, sondern eher typisch ist die Tatsache, dass das Album zum Ende hin etwas verflacht. Das ist bekanntlich aber nicht nur bei The Amity Affliction der Fall und damit auch nicht geeignet, den positiven oder – angesichts der düsteren Gesamtstimmung besser formuliert – guten Gesamteindruck des Albums zu stören.
Zum einen befinden sich auch im letzten Drittel des Albums noch Songs wie „Close To Me“, die mit Eingängigkeit und Melodie überzeugen können. Und zum anderen bietet der Titeltrack am Ende noch einmal ein echtes Highlight. „Not Without My Ghosts“ ist nicht nur der mit Abstand ruhigste Song des Albums.
Er bietet auch phem, einer Sängerin aus Los Angeles, die unter anderem kürzlich mit Avril Lavigne auf Tour war, eine Bühne, die sie ausgesprochen gut nutzt. So wird „Not Without My Ghosts“ noch einmal zur Gänsehautnummer und zum überaus gelungenen Finale des Albums.
Foto: The Amity Affliction / Offizielles Pressebild
Fazit
Die letzten Jahre waren sicher nicht die einfachsten in der inzwischen über zwei Jahrzehnte langen Geschichte von The Amity Affliction. Umso erfreulicher ist es, dass die Band mit „Not Without My Ghosts“ ein Album vorlegt, dass zum einen viele der Zutaten enthält, die The Amity Affliction groß gemacht haben. Zum anderen finden sich auf dem Album aber auch so viele positive Neuerungen, dass die Band auch in Zukunft ihre Daseinsberechtigung hat. Oder vielmehr ihre Daseinsverpflichtung.

▶Tracklist 10 Songs
- 1Show Me Your God
- 2It's Hell Down Here
- 3Fade Away
- 4Death And The Setting Sun (feat. Andrew Neufeld von Comeback Kid)
- 5I See Dead People (feat. Louie Knuxx)
- 6When It Rains It Pours (feat. Landon Tewers von The Plot In You)
- 7The Big Sleep
- 8Close To Me
- 9God Voice
- 10Not Without My Ghosts (feat. Phem)


