
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Mit „In Contact“ haben sich Caligula’s Horse 2017 an die Spitze der australischen Prog Metal Szene gespielt. Der frische, eingängige Sound der Band und die Vielschichtigkeit des musikalischen Konzepts begeistert auch die europäische Prog Community. Zusammen mit Bands wie Haken und Leprous ist es fast so, als würde progressiver Metal einen gewissen Hype erfahren, der sich in steigender Popularität und größer werdenden Konzerthallen widerspiegelt. Caligula’s Horse legen mit „Rise Radiant“ einen weiteren Grund auf den Tisch, warum man an dieser Band in den nächsten Jahren absolut nicht vorbeikommen kann.
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Hohes Niveau
“The Tempest” eignet sich als Album-Opener natürlich bestens als erste Single. Mit melodischem Riffing und den typischen C-Horse Breaks holt der Track seine Hörer genau da ab, wo „Graves“ uns auf der letzten Platte zurückgelassen hat. Dreh- und Wendepunkt des musikalischen Geschehens ist der Gesang. Sänger Jim Grey überzeugt erneut mit unfassbar vitalen Phrasierungen, großartig gesungenen Melodien und seinem einzigartigen und angenehmen Timbre. Auch wenn es so einfach klingt und ein Chorus, wie der von „The Tempest“ zum Mitsingen einlädt, scheitert man beim bloßen Versuch das hohe Falsetto des Sängers zu imitieren.
Dass Jim Grey seine Stimme beherrscht bewies er auf „In Contact“ auch mit dem lyrischen „Inertia“. Ein ähnliches Experiment gibt es auf „Rise Radiant“ jedoch nicht zu hören. Stattdessen fügt sich Greys’ Gesang wie ein eigenes, unabhängiges Instrument, das die Instrumentals nicht nur abrundet, sondern unersetzlich ergänzt. Das heißt nicht, dass die Instrumentals nicht bereits einen starken Untergrund bauen, sondern vielmehr, dass Jim Grey als Teil des Gesamten erst ein Kunstwerk aus „Rise Radiant“ macht.
Zwischen Djent, Synth Pop und Progressive Rock
Caligula’s Horse gelingt es in ihren Songs („Slow Violence“ und „Valkyrie“) djenty zu sein, ohne es dabei zu überspielen. Der Groove, den „Rise Radiant“ innehat ist unfassbar catchy und wirkt enorm authentisch. Auch weil Caligula’s Horse darüber hinaus mit starkem Riffing und melodischer Gitarrenarbeit davon überzeugen können, dass djentige Riffs nicht der einzige starke Aspekt in der Musik sind. Mit „Resonate“ bauen Caligula’s Horse sogar einen Synthie-Pop beeinflussten Track ein, der mit knappen zweieinhalb Minuten dann doch etwas Experimentierfreude mit ins Spiel bringt. Dennoch klingt dieser kurze Zwischenmoment so sehr nach Caligula’s Horse, dass er sich sanft dem Gesamtkonstrukt des Albums fügt.
„Salt“ und „Autumn“ entführen den Hörer in eine andere Sphäre von Caligula’s Horse. Ähnlich den Songs von „Bloom“ bauen die Australier auf einen Sound, der hin und wieder an die letzten Opeth Platten erinnert. Die Momente, in denen Caligula’s Horse ruhig werden, sind mit kleinen Details und jeder Menge Dynamik ausgestattet. „Salt“ baut sich in seinen ruhigen Passagen langsam und fragil auf. Jim Grey baut eine Brücke hin in den Chorus, der mit kleinen Pianoakzenten ausgeschmückt wird und durch den groovigen Unterbau zusammen mit dem melodischen Aspekt genau verdeutlicht worum es bei der Musik von Caligula’s Horse geht.
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Softe Synthesizer machen “Autumn” zu einer angenehm ruhigen Nummer, die durch Vokalisen an Atmosphäre gewinnt und mit Retro-Synths den Einfluss, den Opeth offensichtlich auf Caligula’s Horse haben, klar und deutlich macht. „Autumn“ endet in einem wunderschön geschriebenen Finale, das trotz seiner Langatmigkeit und Ruhe nicht träge oder gar langweilig wirkt. Eigentlich hätte auch „Autumn“ schon als letzter Song von „Rise Radiant“ funktioniert, doch legen Caligula’s Horse noch einen Hammer nach.
Während sich mit „Graves“, das Highlight von „In Contact“, direkt am Ende des Albums befand, ballern Caligula’s Horse auch diesmal einen langen, 10-Minuten starken Track an den Schluss ihres neuen Albums. Mit schnellem Pacing, treibenden Grooves und einschneidenden Melodien bietet „The Ascent“ einen großen Kontrast zum ruhigen „Autumn“. Nach fulminanter Eröffnung wird aber auch „The Ascent“ ruhiger und strukturiert sich klar und mit zurückgeschraubter Dynamik.
„The Ascent“ offenbart die düsteren Motive, die auf „Rise Radiant“ vorherrschen, umspielt diese aber mit großen Melodien und einer guten Songstruktur, die auch diesem Album ein grandioses Finale bescheren. Am Ende bleibt nichts, außer purer Hörfreude, dem Verlangen nach mehr und den vielen Melodien, die von Caligula’s Horse im Kopf stecken geblieben sind.
Foto: Caligula’s Horse / Offizielles Pressebild
Fazit
„Rise Radiant“ ist ein Album voller großartiger Melodien, packendem Groove und Vocallines, die zum Träumen einladen. Caligula’s Horse spielen in ihrer eigenen Liga und können an sich selbst gemessen werden. Unter diesem Aspekt ist „Rise Radiant“ ein wirklich gutes Album, das seinen runden Sound behauptet und perfekt ausspielt. Im Vergleich zu „In Contact“ sind Caligula’s Horse aber einen Schritt sicherer geworden und verzichten auf große Experimente. Vielleicht leiden die Australier auch einfach darunter, dass der „Wow“-Effekt nach dem ersten Hören verloren geht und der Impact von „In Contact“ größer war. Das macht „Rise Radiant“ aber zu keinem schlechten Album, sondern vielmehr einer Platte, die den Sound der Band festigt und rundum so solide ist, dass die Besonderheit und Qualität der Musik von Caligula’s Horse droht „gewöhnlich“ zu werden.

▶Tracklist 8 Songs
- 1The Tempest
- 2Slow Violence
- 3Salt
- 4Resonate
- 5Oceansize
- 6Valkyrie
- 7Autumn
- 8The Ascent
