
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Whitechapel haben mit ihrem 2019 erschienenen Album bereits bewiesen, dass sie weit mehr sind als bloß eine Deathcore-Band. Mit zunehmendem Clean-Gesang und Songs wie „Hickory Creek“ hat das Quintett um Sänger Phil Bozeman bewiesen, dass sie sich auch in Alternative-Metal Sphären bestens fühlen und ihrem Sound eine Eingängigkeit zugestehen, die ihnen die Tore für größere Fanscharen öffnet. Wie es mit „Kin“ weitergeht, erfahrt ihr hier.
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Sinngemäß ist „Kin“ die Fortführung von „The Valley“ und behandelt eine fiktive Geschichte, die jedoch auf wahren Begebenheiten basiert, wie Phil selbst von sich sagt. So behandeln viele Texte seine Erfahrungen als Kind, die er in einen fiktiven Storykomplex gepackt hat.
>Zarte Vocals, harte Riffs
Mit „I Will Find You“ beginnt “Kin” eher wie ein Southern Rock- oder Folk-Album. Kaum lässt sich abzeichnen, dass Whitechapel nach dem Akustikgitarrenintro einen Überfall mit verzerrten Gitarren planen. Doch dieser Überfall kommt rasch und fügt sich schnell einem Metalsound, wie wir ihn von „The Valley“ bereits gewohnt waren. Melodische Gitarrenriffs fügen sich den stimmgewaltigen Shouts und erzeugen einen hymnischen Vibe, der „I Will Find You“ zu einem gelungenen Auftakt werden lässt.
Auf einen Cleanpart, in dem der Whitechapel Sänger seine zarte Stimme erneut unter Beweis stellt, müssen wir ebenfalls nicht lange warten. Sogar ein Gitarrensolo findet sich im Opener. „I Will Find You“ ist ein Metaltrack durch und durch. Der Song überzeugt allerdings auch mit einem gewissen Pop-Appeal der sogar Alternative Rock Fans ansprechen könnte.
Harte Elemente
Deutlich härter und mit klarer Kante geht es auf „Lost Boy“ zu, das sich Blast Beats und weiterer Deathcore-Elemente bedient, jedoch auch einen groovigen Cleanpart einbaut, der für eine gute Dynamik innerhalb des Songs sorgt. Aber auch Tracks wie „To The Wolves“ sorgen mit Blast Beats und Metalriffs für die gewünschte Portion Härte, die auf einem Whitechapel-Album natürlich nicht fehlen darf. Besonders ist jedoch, dass diese Härte meist mit atmosphärischen Parts kontrastiert wird.
Southern Rock
„Anticure“ überrascht mit einem Southern Rock-Intro, das uns in Klangsphären holt, die in erster Linie kaum an die alten Zeiten von Whitechapel denken lassen. Viel mehr ist der Track geladen durch perkussives Gitarrenspiel, angerauten Sound und Melodien, die einfach nachvollziehbar sind und eine gewisse Parallele zum ruhigeren „Hickory Creek“ auf „The Valley“ schlagen. Mit diesem balladesken Beginn meistern Whitechapel jedoch schnell den Sprung in ihren Metalsound und liefern einen Track, der auf jedem Festival und vor jedem Metal-affinnen Publikum funktionieren wird.
Mit „History Is Silent“ widmen sich Whitechapel erneut den Cleangitarren und liefern eine weitere Ballade, die ein wenig an Slipknots „Dead Memories“ erinnert, was auch an den Vocallines liegt, die stellenweise minimal nach Corey Taylor klingen. Darüber hinaus bauen Whitechapel jedoch einen Pop-tauglichen Pre-Chorus ein, der so unmissverständlich poppig, aber gut geschrieben ist, dass man sich auf den folgenden Refrain freut. Der wiederum ist jedoch brachial und haut mit hartem Riffing und den gewohnt starken Growls volle Kanne in die Magengrube. Ein netter Trick, denn der Kontrast funktioniert bestens, überrascht allerdings nur beim ersten Mal.
Kontraste
Auch „Orphan“ zeigt einen ähnlichen Vibe wie „Anticure“ und „History Is Silent“. Der Song fokussiert sich jedoch vollends auf die cleanen und ruhigen Aspekte und lässt Bozemans Gesang mit jeder Menge Emotion in einer herzzerreißenden Ballade in voller Blüte strahlen. Mit „Without You“ folgt ein kurzes Interlude, das sich Akustikgitarrenklängen widmet und flüssig in den nächsten Song überleitet. Dieser startet jedoch mit einem harten Einschlag, der erneut einen großen Kontrast aufweist. „Without Us“ schlägt hart ein, um dann schnell wieder in ätherischem Alternative-Metal zu münden.
Diese Kontraste, wie auf „Without Us“ zeichnen sich durch das ganze Album ab und erzeugen eine Wirkung, die die Härte der Metalparts intensiviert. Auch „Kin“ liefert keine großen Überraschungen und beginnt ebenfalls mit Akustikgitarren und Cleangesang.
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Am Ende wirkt das Album wie ein großer Mix aus Alternative-Metal, der mit Southern Rock-Gitarren, Cleanparts und teils sehr harten Deathcore-Elementen gespickt ist und so vom Gesamtkonzept der neuen Whitechapel überzeugt. Denn mit dem Prügel-Sound von 2008 haben die US-Amerikaner kaum noch etwas zu tun.
Foto: Alex Morgan Imaging / Offizielles Pressebild
Fazit
Whitechapel schließen mit „Kin“ das Kapitel um „The Valley“ ab und agieren musikalisch in ähnlichen Gefilden. Alles in allem stellt die Band unter Beweis, dass sie in der Lage ist auf ihren Soundexperimenten aufzubauen und weit mehr zu sein als eine Deathcore-Band. Phil Bozemans Gesang hat das Potential, große Hits zu singen und mit der Entwicklung der letzten Jahre avancieren Whitechapel Stück für Stück zu einer Metalgröße, die sich für ein breiteres Publikum öffnet. Es gibt dennoch genug Momente der Härte, welche die Wurzeln der Band betonen und nicht verschleiern, dass Whitechapel noch immer eine Metalband sind. Alles in allem wirkt „Kin“ etwas weniger überraschend als „The Valley“, ist in punkto Songwriting jedoch noch ein bisschen durchdachter. Vielleicht ist „Kin“ einen Ticken zu Balladen-lastig geworden, bietet dennoch eine gute Balance zwischen den gewohnten Trademarks der Band. Die Affinität zu Akustikgitarren, eingängigen Songstrukturen und einem Singer-Songwriter-Narrativ zeigt jedoch, dass sich Whitechapel auf durchdachtem Terrain bewegen und dieses Terrain mit „Kin“ zumindest für den Moment festtreten. Am Ende ist der Sound des achten Whitechapel-Albums nämlich vor allem eins: bodenständig.

▶Tracklist 11 Songs
- 1I Will Find You
- 2Lost Boy
- 3A Bloodsoaked Symphony
- 4Anticure
- 5The Ones That Made Us
- 6History Is Silent
- 7To The Wolves
- 8Orphan
- 9Without You
- 10Without Us
- 11Kin

