
Morris Schuster
Die Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren Olsztyn ist mit dem 360 Meter hohem Sendemast für UKW und TV nicht nur die Heimat des größten Bauwerks des Landes Polen, sondern ist gleichzeitig auch Geburtsstätte des Death Metal- und Thrash Metal-Urgesteins Vader.
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Die Band steht nach 37 Jahren Bandgeschichte immer noch auf der dunklen Seite der Macht (den Witz hat bestimmt noch niemand gebracht) und liefert mit ihrem 16. Studioalbum einen Anlass, in die sogenannte Malachithochzeit zu feiern (Ich habe mal gelesen, dass Malachit gut gegen Kopfschmerzen helfen soll).
Das haben sich Vader bestimmt zu Herzen genommen, um im weiter fortgeschrittenen Alter mit „Solitude in Madness“ noch einmal richtig los zu knüppeln und dagegen abzuhärten; Konfrontationstherapie sozusagen.
Vader knüppeln auf „Solitude In Madness“ solide mit Death und Thrash um sich
Die Band serviert uns mit ihrem neuen Album ein leckeres 11-Gänge-Menü, gespickt mit Blast-Beats und Double Bass am Schlagzeug. Außerdem dabei sind zwei Tassen schnelles Riffing an der Gitarre, 200g gutturaler Gesang, drei Teelöffel Distortion, ein rotes Lichtschwert (hehe) und zwei Prisen Gitarrensoli.
Vader fackeln auch nicht lange. Direkt mit dem ersten Song „Shock And Awe“ fliegt die Scheiße durch die Gegend. Wer auf eine vorsichtige Einführung und einem progressiven Aufbau im Intro steht, ist hier falsch.
Man wird einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und angebrüllt. Die Instrumente dreschen los und ich bekomme spontan Lust einen Baum zu fällen. Das kann man mögen, muss man aber nicht. 100% Shredden ist allerdings bereits hier garantiert.
Also höre ich neben dem alltäglichen Leben so weiter, und denke mir: „Das ist aber ein verdammt langer Song.” Ich schaue bei iTunes rein uns sehe, dass bereits der dritte Song schon etwas länger läuft. Durch ähnliche Songstrukturen und durch ständiges Verkloppen der Instrumente hört man kaum die Refrains heraus; wirklich minimale Unterschiede zwischen den Songs hört man auch nur leicht im Gesang und im Riffing.
Die Songs sind insgesamt sehr kurz und nicht gerade abwechslungsreich und so passiert es auch bei anderen Teilen der Platte wieder, dass ich Songwechsel überhaupt nicht mitbekomme, wenn ich nicht komplett fokussiert auf die Anzeige meines Wiedergabeprogramms schiele. Bei der radikalen Stiltreue haben Vader aber trotzdem noch die ein oder andere Überraschung parat.
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Begeistert hat mich besonders der Anfang des Tracks „Incineration of the Gods“. Total unerwartet startet der Song mit einem Schlagzeugsolo mit Phaser-Effekt. Die Idee ist simpel und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es das schon mal irgendwann irgendwo gegeben haben muss, allerdings kann ich mich nicht eines anderen Beispiels entsinnen. Trotzdem ist dieser Teil für den Hörmoment total erfrischend!
Der Song ist mit damit sowie aufgrund der Art des Breakdowns im Mittelteil auf jeden Fall ein Höhepunkt von „Solitude in Madness“.
Das Album glänzt sonst mit einer astreinen Produktion, der Sound ist klassisch, aber sauber abgemischt, die Instrumente „vermatschen” nicht ineinander (das ist in Produktionen dieses Genres nicht selbstverständlich).
Man kann fast jedes Instrument einzeln heraushören und das, obwohl die Band von Anfang bis Ende durchballert.
Vader vereinen mit Einflüssen und ihrer eigenen Biografie sowie coolen und skillhaften Gitarrensoloparts alte Metal-Genres unter einem neuen Gewand. Und immer mal wieder kommen echt rhythmische und groovige Songteile zusammen.
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Versucht doch mal das Album zu hören, OHNE dabei mit dem Kopf zu nicken. Das ist wirklich nicht einfach. Yeah! Meddl Loide!
Und wer weiß? Vielleicht läuft ja mal (früh oder spät) ein Song auf dem Hardfloor einer MoreCore Party, um auch einen klassischen Metalfan mal mit etwas neuem zu beglücken. Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere Vader-Song einen tollen Übergang von Alt zu Neu oder von Thrash zu Death Metal (oder andersherum) schaffen kann.
Und mit „Bones“ hauen Vader am Ende nochmal richtig auf die Kacke und brettern mit 200 km/h Gitarren- und Schlagzeugarbeit in die Kurve (Apache 207 wäre neidisch.) Sozusagen ein Abschied mit Feuerwerk!
Bild: Vader / Cover-Artwork zu „Solitude In Madness“
Fazit
Vader bringen mit „Solitude in Madness“ reichlich Erfahrung mit sich und das hört man auch. Insgesamt fühlt sich das gesamte Album wie ein ewig langer Song an. Alles passt irgendwie zusammen, ist aber leider auch nicht wirklich dynamisch. Die Platte ist aus einem Guss, kann aber durch fehlende Abwechslung und in kompletter Länge anstrengend zu hören sein, und das trotz der wirklich guten Produktion. Ich bin alles in allem nicht überrascht, es handelt sich hier immerhin um das 16. Studioalbum einer Band! Ich habe nicht mit Innovation gerechnet und ich habe keine Innovation bekommen. Vader haben das Rad nicht neu erfunden und bringen soliden, abgerundeten Thrash und Death Metal mit sich. Die Band ist sich und ihren Fans gegenüber treu geblieben und Genre-Freunde freuen sich sicherlich über die neuen Songs und werden damit ihren Spaß haben. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass ich aktiv nicht noch einmal zur Platte greifen werde. Möge die Macht mit euch sein! (Sorry, der musste sein!)

▶Tracklist 11 Songs
- 1Shock And Awe
- 2Into Oblivion
- 3Despair
- 4Incineration Of The Gods
- 5Sanctification Denied
- 6And Satan Wept
- 7Emptiness
- 8Final Declaration
- 9Dancing In The Slaughterhouse
- 10Stigma Of Divinity
- 11Bones