
Dennis Grenzel
Mit der Schönheit ist das so eine Sache. Für jedermann offensichtlich, verhält es sich vergleichsweise simpel. In manchen Fällen jedoch wird es einem dann aber doch recht schwer gemacht, denn eben diese Schönheit verbirgt sich oft auch hinter mutwillig täuschender Fassade.
Loma Prieta fordern auf „Last“ Entdeckergeist
Loma Prieta gehören seit jeher zu den Underdogs des US-amerikanischen Deathwish-Labels. Jacob Bannon hat sich seinerzeit eben nur die Zeit genommen, einen Blick hinter eingangs erwähnte Fassade zu wagen. Und er sah bereits damals das, was jeder von uns auch heute noch sehen kann. Wenn, ja, wenn er sich Zeit nehmen würde. Zeit, die nötig ist, hinter das Knarzen, das Ächzen, das oberflächlich Schroffe und Erschlagende zu schauen und das zu erblicken, was vorerst gänzlich im Verborgenen sein Dasein fristet.
Loma Prieta machen es uns beileibe nicht leicht
„NSAIDs“ und das darauf folgende „Sunlight“ lehnen sich mit aller Macht an den Charakter und die Intensität einer Band wie Planes Mistaken For Stars an und machen sich im Gegenzug nicht einmal ansatzweise die Mühe, dem Hörer gefallen zu wollen. Das genaue Gegenteil ist der Fall: es erschlägt, die Gedanken sind schier nicht in der Lage, das hier Gehörte zu Beginn in Gänze zu verstehen, geschweige denn zu ordnen. Und auch „Dose“ besticht durch einen melancholischen Unterton und wechselt derart oft in die akustischen Extreme, dass der Klang des melodienspendenden Sechssaiters und der mit Distortion hinterlegten Stimmgewalt in Ansätzen schon zu zerren beginnt.
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„Fire In Black & White“ ähnelt aufgrund seiner Schnelligkeit und den darauf folgenden Tempowechseln dann fast schon einer gewollten akustischen Zumutung, bevor Loma Prieta mit „One-Off (Part 2)“ ein fast schon eingängiges wie zurückhaltendes Stück präsentieren, mit dem man als Hörer in die nicht minder komplexe zweite Hälfte entlassen wird.
Das Spiel mit den Extremen
„Circular Saw“ verneigt sich noch ‘gen Midwest-Emo, und mit „Glare“ schicken die US-Amerikaner dann zuletzt einen wandelbaren Sechsminüter ins Rennen, mittels dem sie in Sachen Melancholie samt der akustisch gehaltenen Leads alles aus dem Punk rausholen, was es dort abzugreifen gilt. Nebst aller Fassade versteht sich Musik im konkreten Beispiel „Last“ schon als recht extreme künstlerische Darstellungsform. Wer da nicht bei der Sache ist, wird von einem Moment auf den nächsten mit Haut und Haaren verschluckt.
Loma Prieta sind in literarischer Hinsicht gefühlt wie ein Buch. Das man mit seinen geschätzten 2.300 Seiten allein beim blanken Hinsehen schon nicht lesen mag. „Last“ klingt dabei auf den ersten Blick fast so, als würden Planes Mistaken For Stars die Bühne mit den New Yorker Noiserockern von Unsane teilen, ergänzt um noch einige feinfühlige Komponenten der Emo- oder Post-Emo-Ära, die auch einem Label wie Deep Elm gut zu Gesicht gestanden hätten.
Foto: Loma Prieta / Offizielles Pressebild
Fazit
„Last“ ist in erster Linie eines: Ein hinter oberflächlicher Schroffheit verborgenes, zuerst noch recht erschlagend wirkendes Gesamtwerk mit vielen Nuancen, das es einem sehr schwer macht, überhaupt den Überblick zu wahren. Wenn man aber - ganz wie Bannon – Zeit investiert, dann vermag man das zu sehen, was er sieht: einen Spürsinn für chaotisch-melancholische Konstruktionen wie auch Kompositionen, die in Summe mancherorts recht zerrissen wirken und uns so einiges abverlangen. Aber die aufkeimende Helligkeit hinter den mit der Zeit immer besser erkennbar werdenden Melodien wird ab jener Sekunde immer bestimmender. Und das ist der Moment, in dem sich Loma Prieta in Gänze zu erkennen geben. Und dann entweder beim Hörer scheitern oder Freunde für’s Leben werden.

▶Tracklist 11 Songs
- 1Sequitur
- 2NSAIDs
- 3Sunlight
- 4Dose
- 5Fire In Black & White
- 6One-Off (Part 2)
- 7Circular Saw
- 8Symbiosis
- 9Dreamlessnessless
- 10Glare
- 11LLC