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The Hirsch Effekt - Kollaps
ReviewMathcoreProgressive

The Hirsch Effekt

Kollaps

Album

VÖ 08. Mai 2020Long Branch Recordscd · vinyl
Rodney Fuchs/7. Mai 2020
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R

Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.


Dass The Hirsch Effekt vielleicht die spannendste deutsche Metalband sind, ist seit Jahren klar. Für die einen sind The Hirsch Effekt die deutsche Hoffnung auf wirklich fortschrittliche Musik. Für die anderen bedeutet die Musik der drei Musiker vor allem eins: Überforderung. Doch so hektisch und abgefahren wie bisherige Veröffentlichungen ist „Kollaps“ nur teilweise.

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Mit melodischen Trommeln beginnt das neue The Hirsch Effekt Album gewohnt rhythmisch, klanglich dennoch ein wenig unerwartet. „Kris“ steigert sich Stück für Stück durch die dazu kommenden Instrumente solange, bis sich ein klarer Beat strukturiert und in die Mathcore-Elemente der Band führt.

Der erste Break, den wir auf „Kollaps“ zu hören bekommen, ist so wunderschön unkonventionell, wie man The Hirsch Effekt eben liebt. Im Verse schlagen die Hannoveraner jedoch seichtere Klänge an und legen den Fokus klarer auf den Text, der zusammen mit dem eingängigen Rhythmus sogar einen catchy Chorus auf die Beine stellt.

„Kris“ überzeugt als abwechslungsreicher Albumopener, der die gewohnte Portion Hirsch Effekt mit sich bringt, jedoch mit einer bedrückenden, melancholischen Stimmung die Ernsthaftigkeit von „Kollaps“ unterstreicht. Überraschenderweise klingen The Hirsch Effekt in diesem Song tatsächlich nach etwas Anderem als sich selbst.

Es wirkt fast, als hätten sich die Hirsche an Leprous orientiert und den Pathos der Norweger auch in ihren Sound adaptiert. Die innere Dynamik des Songs, der nach kurzen Shouts in einem Pianooutro endet, ist bereits der erste Kollaps, den dieses Album zu bieten hat.

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„Noja“ hingegen ist treibender, aggressiver, technischer und härter, greift aber die Melancholie des ersten Stücks weiter auf. Dass sich The Hirsch Effekt von vielen Genres beeinflussen lassen, wird auch durch einen (zugegeben erstmal unerwarteten) Rap-Part deutlich. Die Rap-Vocals wirken aber dröge und gelangweilt und werden auch durch die rhythmische Taktverschiebung, die gekonnt kaschiert wird, nicht allzu spannend, sondern eher deplatziert. Stattdessen glänzen The Hirsch Effekt mit dem anschließenden Vocalpart, der wunderschön zu hören ist und sich zwischen den Dissonanzen und dem „Bitte nur keine Panik“ glänzend arrangiert.

„Das wird so schlimm nicht sein!“

Ist es auch nicht. Während uns „Allmende“ fette Grooves und Blast Beats um die Ohren haut, kann man eigentlich nur mit nickendem Kopf dem zustimmen, was The Hirsch Effekt auf extrem energetische Art und Weise hier abliefern. Direkt danach bringt „Domstol“ etwas mehr Abwechslung in den bisher sehr harten, treibenden und aggressiven Sound von „Kollaps“.

Träumerisch und im Dreivierteltakt (ja, man könnte wirklich einen Walzer dadrauf tanzen!) lebt der „Jubilar hoch!“ – Doch auch wenn „Domstol“ im ersten Moment wie ein anmutigender Song mit Witz klingt, findet sich seine Kehrtwende direkt nach der Zeile „Erzähl uns von früher, als noch Zeit übrig war.“ Von hier an legen The Hirsch Effekt in harten Riffs nach und machen „Domstol“ zu einem rhythmischen Erlebnis, das permanent mit Verkettungen arbeitet und diese bis hin zu einem „Kollaps“ hochkocht.

Ob die vokalistische Einarbeitung eines „Halleluyah“ in „Deklaration“, das Cello in einigen Songs oder ähnlich zu Meshuggah verkettete Rhythmen – The Hirsch Effekt glänzen erneut mit jeder Menge Experimentierfreude, dem Drang zur Innovation und zum Erfindungsreichtum, was vielen Bands heutzutage fehlt. Für einen kurzen „Moment“ der Ruhe sorgt das Interlude, das auch Teil eines dystopischen Blockbuster Soundtrack sein könnte.

Irgendwo zwischen stampfenden Rammstein-Riffs, verworrenen Synthesizern, The Dillinger Escape Plan-esker Rhythmisierung und ihrem ganz eigenen Sound finden sich The Hirsch Effekt in Tracks wie „Bilen“ erneut wieder. Es gibt kaum Bands, denen man eine solch große Kreativität zusprechen kann und genau das macht hier den großen Unterschied.

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Fulminantes Finale

Der Titelsong von „Kollaps“ beginnt in eine bedrückende Atmosphäre gehüllt und entwickelt sich über die Spielzeit von mehr als fünf Minuten zu einem weiteren, eher ruhigen Song, der im Kontrast zu den wilden, hektischen Passagen des Albums steht. Doch genau diese Ausbreitung, die The Hirsch Effekt ihrem „Kollaps“ geben, macht es möglich die Kontraste so krass wirken zu lassen.

Der Umbruch den der Song „Kollaps“ erfährt, wirkt verheerend, mächtig und so bedrückend, dass man als Hörer nur darauf wartet, musikalisch erlöst zu werden. Doch wer in den melancholischen Tönen von „Kollaps“ denkt, dass dies das Ende sei, dem sei gesagt, dass ein fulminantes Finale noch bevorsteht.

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Erneut ist es das Cello das „Agera“ einleitet und somit eine apokalyptische Stimmung versetzt. „Agera“ baut die Streicher gekonnt in den Sound ein, der durchgehend straight gespielt ist und auf größere Verästelungen verzichtet. The Hirsch Effekt profitieren von simplen Strukturen insofern, dass die Band dadurch unfassbar catchy wird, wenn auch das musikalische Geschehen stets durch rhythmisiert ist und viele Details, wie zum Beispiel ein dezent platziertes Gitarrensolo, offenbart.

Doch anstatt sich der bittersüßen Melancholie hinzugeben endet „Kollaps“ eher nachdenklich, mit positivem Unterton und einem Kinderchor, der in einem wirklich großen, in Gänsehaut versetzenden Refrain endet. Wen die Musik von The Hirsch Effekt bis dahin nicht erreicht, berührt oder begeistert hat, lebt hinter dem Mond.

Nach einem kurzen Streicheroutro endet „Kollaps“ folglich in einem spannungsgeladenen Tremolo, das nicht zwingend offenbart, ob nun auch alles überstanden ist.

Foto: Basslord Pictures / Christoph Eisenmenger – Offizielles Pressebild

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Fazit

9/10
· Hervorragend

Zu sagen, dass „Kollaps“ ein klassisches The Hirsch Effekt Album ist, wird dem Werk nur bedingt gerecht. Viel mehr forcieren die Hannoveraner ihre Message noch deutlicher als zuvor. Musikalisch gibt es zwar die gewohnten Parameter, doch wirkt insbesondere die vokalistische Leistung stärker, als auf den bisherigen Werken. Darüber hinaus folgt „Kollaps“ der Untergangsstimmung in einer Stringenz aus der The Hirsch Effekt auf älteren Alben gerne herausgebrochen sind. Etwas ist anders an „Kollaps“ und spätestens nach Betrachtung des Konzepts wird klar, dass dieses Album noch viel schwermütiger und bedrückender klingt, als es bei „Eskapist“ der Fall war. The Hirsch Effekt verpacken ihre Botschaft in einem Album, das so direkt und aggressiv klingt, wie es die Band zuvor nur in Ansätzen offenbart hat. Folglich ist „Kollaps“ ein Album das unfassbar nachdenklich macht und mehr berührt, als bisherige Alben der Band.

The Hirsch Effekt - Kollaps

The Hirsch Effekt

Kollaps

Album

VÖ 08. Mai 2020

cd · vinyl

Long Branch Records

▶Tracklist 10 Songs
  1. 1Kris
  2. 2Noja
  3. 3Deklaration
  4. 4Allmende
  5. 5Domstol
  6. 6Moment
  7. 7Torka
  8. 8Bilen
  9. 9Kollaps
  10. 10Agera
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The Hirsch Effekt
Foto: Basslord Pictures / Christoph Eisenmenger - Offizielles Pressebild

The Hirsch Effekt

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Foto: Basslord Pictures / Christoph Eisenmenger - Offizielles Pressebild

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