
Die junge Berlinerin ist buchstäblich in die Musikindustrie hineingeboren worden. Wenn sie nicht selbst mit verschiedensten Bands auf der Bühne steht, schreibt und interviewt sie mit Freude für uns als Redakteurin. Sie singt in Bands von Indiepop bis Rockabilly und spielt momentan Bass in einer Berliner Deathcoreband. Neben ihrer Ausbildung bei einem Indielabel geht sie normalerweise wöchentlich auf Konzerte und Festivals und möchte auch ihre Zukunft der Musikbranche verschreiben. So nahm sie vor einiger Zeit selbst das Zepter in die Hand und ist seitdem als Bookerin und Bandmanagerin tätig. Falls sie gerade nicht im Pit steht, findet man sie in der Hauptstadt vor und hinter der Bar oder am Adriatischen Meer als Reiseleiterin. Die kühle Blonde greift am Wochenende zum Gin Tonic und im Plattenregal nach Thornhill, Malevolence, Parkway Drive und Deez Nuts.
„Aus der Dunkelheit ins Rampenlicht“ – oder aus dem Elektropunk zum Punkrap. „Missglückte Asimetrie“, das neue Album von Ferris MC, ist Balsam für die rebellische Seele.
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Das in den Hamburger Chameleon Studios aufgenommene Album entstand in Zusammenarbeit mit multiplen Musikern. Am meisten Influence hatte aber Swiss (Swiss & die Andern), der maßgeblich an der Albumproduktion mitgewirkt hat. Ein Einfluss den man definitiv auch raushört. Sowohl textlich mit Hommagen wie „Wir gegen die“ als auch durch Songtitel, zum Beispiel „Punk Punk“ und „1323 Endstation“. Auch musikalisch geht es viel in Richtung Swiss & die Andern. Das bei Arising Empire erscheinende Album schlägt, so das Label, die Brücke von Ferris 2020 zu Ferris 1999.
„Missglückte Asimetrie“ schlägt die Brücke von 1999 zu 2020
Alles beginnt mit einem ordentlichen Metalriff. Der Introsong mit Albumtitel schafft musikalisch wie thematisch eine gute Grundlage für das gesamte Album. „Von goldenen Zeiten zum goldenen Schuss“. Auch das Video zur im Voraus erschienenen Single macht Bock auf mehr: viele Cuts, Comic-Einspieler, Filter und Bilder in Röhrenfernsehern umspielen den Rapper und seine Kollegen. Vor dem letzten Refrain screamt Ferris noch einmal ordentlich lange den Albumtitel, damit wir ihn auch sicher nicht vergessen.
Metalriff-Intro die Zweite (und auch sicher nicht Letzte). In „13. Stock“ berichtet Ferris aus seiner Vergangenheit im Block. Im Randbezirk aufzuwachsen hat ihn geprägt und auch das Schwarzweiß-Video gewährt Einblicke in die Hochhäusermeere der Vorstadt. Der Refrain in „Halftime“ lädt zum Schunkeln und Mitsingen ein und der Text geht unter die Haut.
Das Leben am äußeren gesellschaftlichen Rand und die einhergehenden Probleme sind des Öfteren Thema in Ferris‘ Tracks, ebenso wie Drogenexzesse und eben das asoziale, punkige Dasein.
Track Nummer 3 überzeugt mit einem gesungenen Chorus darüber, wie „120 Dezibel“, dabei helfen, auszublenden, was nervt. Guter Tipp!
Danach unterstützten dann Swiss & die Andern und Shocky, dessen neues Album übrigens zeitgleich erscheint, vom gleichen Label Missglückte Welt. „Bullenwagen“ liefert einen hittigen Mitsingrefrain und macht Lust auf Randale.
„Kein Kompliment“ macht Ferris MC den Coronaleugnern, Nazis und selbsternannten Ordnungshütern. Der Gute-Laune-Song kritisiert das, gerade in Coronazeiten auflebende, rücksichtslose Verhalten der Hamsterkäufer und Partypetzer. Mit „Ist dein Klopapier mal alle, tut es deine Flagge auch“ geht er in die Deutschlandkritik und im Video spielen albern verkleidete Westenträger Ordnungsamt.
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Ein weiteres Metalriff zerreißt die Stille: Megafondurchsagen mit „1323 Endstation“ stehen auf dem Programm. Ein Link zum Label Missglückte Welt mit perfektem Singalong-Refrain.
Der nächste Titel verrät bereits den anstehenden Feuerzeugzückersong. Schunkelnd hören wir von endenden Freundschaften und dem Leben, als ob es kein Ende gäbe: „Sinkendes Schiff“ erinnert stilistisch ein wenig an die Broilers und lässt nostalgisch das eigene Leben vorbeiziehen.
Ferris MC entdeckt (einmal mehr) den Punk für sich
Es geht wieder punkig weiter. „Asoziale Randale“ wird angekündigt und auch geliefert. Drogen, Flüche auf das Leben und der Tanz mit Dämonen werden besungen. Stoff für einen saftigen Moshpit. Die Gitarre spielt ein soloartiges Riff und hämmernde Drums rahmen den Krawall.
Mit dem nächsten Track präsentiert Ferris dann den punkigen Hänger-Song des Jahrzehnts. „Du hast eine Rolex“ liefert eine Aufzählung des Tagesablaufs eines „Anzugträgers“ versus Ferris‘ eigenem Zeitvertreib. Wie der aussieht? Sieht man auch ganz gut im Video: Playsi, Pizza, Weed und Bier begleiten unseren Helden und seine Kumpanen. Der Refrain geht ins Ohr in Gesangs- und Gitarrenmelodie, abgerundet mit einem mantra-artigen Gegenüberstellen der Kontraste zwischen beiden besungenen Welten. Definitiv ein Hit! Live reißen dann alle Asis ihre Hände hoch und feiern das gemeinsame Hängen. Spätestens als er vom Chillaxen singt, wird dann jedem klar, dass auch der allerletzte Joint im Video gleich noch angehauen wird, egal ob vor oder hinter der Kamera – it’s a lifestyle.
Durch skamäßige Vibes angestimmt, geht es weiter mit „Sorry kein sorry“. Die Leichtigkeit des Textes wird musikalisch bestätigt. Ein super aufmunternder und „happy“ Song und ein gesungenes ‚fit-fit-fit‘: der selbsternannte Billy Idol des Hip-Hop teilt mit uns die Einfachheit des Lebens, wenn man auf andere Meinungen scheißt – sorry kein sorry von mir für die derbe Sprache.
Eine weitere Schunkelnummer, diesmal gesungen mit Dag von SDP. Das melancholische „Auf dünnem Eis“ wird mit der Akustikgitarre begleitet und gen Ende mit einem Gitarrensolo abgerundet. Es handelt von schweren vergangenen Tagen und Ferris rappt nicht nur, singt hier auch einige Zeilen und grüßt seine Frau und Kind als einzigen Lichtblick im Leben.
Aber natürlich wird man nicht mit melancholisch-bedrückter Stimmung aus dem Album entlassen: das letzte Metalriff-Intro und Swiss & die Andern lassen es sich natürlich nicht nehmen, auch hier wieder ihren Teil beizutragen.
Ruhige Strophen werden vom fetten Refrain mit Kris Kross Jump-Hommage abgelöst: „Punk Punk“ gibt noch einmal Stoff zum Headbangen und abgehen. Wer da beim Konzert (irgendwann) stillsteht, dem ist auch nicht mehr zu helfen. „Mucke für die 1.Mai-Schlacht“.
Bild: YouTube / „FERRIS – KEIN KOMPLIMENT (offizielles Video)“
Fazit
„Missglückte Asimetrie“ ist ein Album, das hilft, die angestaute Energie der Nicht-Konzertgänge einfach mal im eigenen Wohnzimmer rauslassen zu können. Das grandiose Zusammenspiel aus Punkriffs, Rap und einem textgewordenen Mittelfinger nach oben ist Medizin für hitliebende Punkerohren. Fans von Broilers und besonders Swiss & die Andern kommen definitiv auf ihre Kosten, an die Letzteren erinnert es logischerweise ohnehin sehr. Kutte an, Anlage aufdrehen, Bier dazu und ab geht die Luzie!

▶Tracklist 12 Songs
- 1Missglückte Asimetrie
- 213. Stock
- 3120 Dezibel
- 4Bullenwagen
- 5Kein Kompliment
- 61323 Endstation
- 7Sinkendes Schiff
- 8Asoziale Randale
- 9Du hast eine Rolex
- 10Sorry kein Sorry
- 11Auf dünnem Eis mit Dag (SDP)
- 12Punk Punk
