
Jonas ist einer der Heads von MoreCore und kümmert sich hauptsächlich um die Pressearbeit, Zahlen, diverse Projekte sowie die Kommunikation mit Partnern, Labels und Bands. In seiner Freizeit vertritt er in Perfektion die kölsche Lebensart, die er nach zehn Jahren in der Rheinmetropole bestens adaptiert hat. Dazu gehört auch, für jeden im Team ein offenes Ohr zu haben! Zudem ist er auf vielen Konzerten und Festivals anzutreffen, schwingt super gerne mal den Kochlöffel und schreibt nebenher Musik für Kinder. Beruflich arbeitet Jonas als Lehrer für Sonderpädagogik an einer inklusiven Grundschule in Leverkusen.
Ich erinnere mich noch daran, wie Taylor Acorn mir das erste Mal auf TikTok begegnete. Eine Akustikgitarre, ein schlichtes Setting, ein Song aus einer anderen Zeit – und trotzdem fühlte es sich plötzlich wieder relevant an.
Diese Mischung aus Nostalgie und Aufbruch hat sie sich bis heute bewahrt. Wer sie damals mit ihren Emo- und Pop-Punk-Covern der 2000er und 2010er entdeckt hat, erlebt auf Poster Child nun die nächste Stufe: ein Album mit Haltung, Herz und noch mehr Emotionen.
Poster Child ist das erste Release über Fearless Records – und genau das spürt man. Es klingt größer, lauter, reifer als seine Vorgänger, aber ohne den DIY-Charme zu verlieren, der Acorn von Anfang an ausgemacht hat.
Dieses Album ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein persönliches Statement. Es ist die Art von Platte, bei der du nach dem ersten Refrain schon weißt, dass sie dich eine Weile begleiten wird – weil sie dich direkt dort trifft, wo du Pop-Punk immer gefühlt hast: zwischen Herz und Kehle, dem Wunsch danach, deine Gefühle in die Welt zu schreien.
Zwischen Wut, Verletzlichkeit und Wiederaufstehen
Schon der Opener „People Pleaser“ macht klar, wohin die Reise geht: eingängig, ehrlich, energiegeladen. Acorn singt über das Bedürfnis, es allen recht zu machen – und darüber, wie befreiend es ist, genau damit aufzuhören. Ihre Stimme trägt die Songs mühelos; sie klingt gleichzeitig zerbrechlich und stark, wie jemand, der zu lange geschwiegen hat und jetzt endlich alles rauslässt. Nicht ohnehin, scheut sich sie sich nicht davor, persönliche Themen direkt nach außen zu tragen, so auch ihre Depressionen, mit denen sie seit Jahren umzugehen versucht. Über Rock Sound äußerte sie sich hierzu wie folgt:
„Im Laufe der Jahre habe ich viele Songs geschrieben, die tief gehen und von meinen Kämpfen erzählen. … Ich bin es gewohnt, Musik zu schreiben, die sich um meine psychische Gesundheit dreht, weil das so lange ein großer Teil von mir war. Heute ist es mir wichtig zu sagen: Ich habe es da rausgeschafft – und es wird wieder gut. Es ist schwer, und es bleibt ein Kampf, aber auf der anderen Seite wartet etwas Gutes.“
Mit „Hangman“ landet Taylor Acorn dann ihren emotionalen Volltreffer. Das Stück ist düsterer, nachdenklicher, und beschreibt dieses Gefühl, wenn das Leben sich wie ein absurdes Spiel anfühlt, das man nie ganz gewinnen kann. Die Zeilen treffen – weil sie ehrlich sind, aber auch, weil sie in einem Song stecken, der trotz Melancholie unverschämt catchy bleibt. Genau hier liegt ihre Stärke: Sie schreibt Lieder, die gleichzeitig trösten und aufrütteln. Pop-Punk as its best eben!
„Home Videos“ kommt anschließend mit deutlich mehr Country-Attitüde daher, geht dadurch aber nicht weniger ins Ohr. Der Mix zur modernen Pop-Produktion gelingt spielend leicht, sodass jeder Genre-Fan auf seine Kosten kommt. „Cheap Dopamine“ klingt hingegen deutlich radiotauglicher und könnte den einen oder anderen auch an einen Taylor Swift-Song erinnern. Aber who cares, es funktioniert halt.
Von ungekünstelter Verletzlichkeit
Dass Taylor Acorn heute auf großen Bühnen steht, ist übrigens alles andere als selbstverständlich. Ursprünglich kam sie aus der Country-Ecke, veröffentlichte 2017 ihre erste EP „Put It In a Song“ und war damit eigentlich auf einem ganz anderen Weg unterwegs. Doch irgendwann während der Pandemie änderte sich alles – mit einer Gitarre, einer Handykamera und einem TikTok-Account.
Dort begann sie, Songs zu covern, die eine ganze Generation geprägt hatten: Jimmy Eat World, Avril Lavigne, Paramore. Keine Hochglanzproduktion, kein Image – einfach ehrliche Emotion. Und genau das machte sie zu einem Phänomen. Ihre Videos verbreiteten sich viral, weil sie etwas zurückbrachten, das vielen gefehlt hatte: die ungekünstelte Verletzlichkeit, die Pop-Punk einmal groß gemacht hat.
Vom Newcomer zur Independent-Künstlerin
Mit der 2023er-EP „Certified Depressant“ deutete sie ihre neue Richtung an, ein Jahr später folgte „Survival in Motion“ – das Album, das sie endgültig aus der Online-Nische herausholte. Songs wie „Greener“ oder „High Horse“ liefen auf allen relevanten Playlists, ihre Streamingzahlen explodierten (mittlerweile über eine Millionen monatliche Hörer:innen), und plötzlich stand sie als Independent-Künstlerin in einem Genre, das gerade ein massives Revival erlebt. Hinzu kamen Songs mit LØLØ, Mitchell Tenpenny oder Charlotte Sands, die das Gesamtbild deutlich erweiterten.
Zwischen Power und Ballade
Etwas mehr Energie gefällig? Dann darf man sich gerne „Blood On Your Hands“ zur Gemüte führen. Ein energiegeladener Song, der weniger ruhig daherkommt und mehr Lust auf die Tanzfläche als auf die Couch macht. „Goodbye Good Riddance“, die erste Auskopplung aus Poster Child, knüpft hier nahtlos an. Absoluter Ohrwurm, der meiner Meinung nach auf jede MoreCore-Party Playlist gehört. Aber wer fragt mich schon…
Mit „Sucker Punch“ gibt es dann wieder eine tiefgründige Ballade auf die Ohren, während „Vertigo“ wieder als Track auf der Half Pipe erklingen könnte. Weiterer Anspieltipp: „Masquerade“. Eine Emotionsbiest zum Abschluss, das es in sich hat. Aber hört euch selbst durch die Platte, jeder Track hat seine Melodie und Message. Versprochen!
Taylor Acorn – Poster Child (Fearless Records, 2025)
Tracklist:
People Pleaser – 3:22
Crashing Out – 3:35
Hangman – 3:00
Poster Child – 2:52
Home Videos – 3:13
Cheap Dopamine – 3:15
Blood On Your Hands – 2:57
Goodbye Good Riddance – 2:39
Sucker Punch – 3:13
Vertigo – 2:40
Theme Park – 3:29
Masquerade – 3:12
Aber was ist Poster Child nun? Ganz einfach, der logische nächste Schritt – und mit Fearless Records hat Taylor Acorn dafür das passende Zuhause gefunden. Ein Label, das u.a. für moderne Pop-Punk-Acts wie As It Is, Movements oder The Maine steht/stand – und damit perfekt zu Acorns Sound passt: emotional, aber selten kitschig; dafür laut, aber nicht beliebig von Inhalten oder Soundstrukturen her.
Produzent Dan Swank (All Time Low, Cassadee Pope) verleiht dem Album am Ende die nötige Wucht, ohne Taylor Acorns Authentizität zu glätten. Gitarrenwände treffen auf Pop-Hooks, kleine elektronische Details öffnen den Sound, ohne das Punk-Herz zu übertönen. Klar, viele Songs ähneln sich in Struktur und Tempo, aber der Flow stimmt. Poster Child hört sich wie aus einem Guss an – und das ist selten genug.
Fazit
Poster Child ist mehr als nur ein nostalgischer Rückblick auf die Myspace-Ära. Es ist ein modernes, emotionales Statement darüber, wie sich Pop-Punk heute anfühlen darf: verletzlich, laut, ehrlich. Taylor Acorn gelingt der Spagat zwischen Rückbesinnung und Neuanfang – und das mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt, dass sie längst mehr ist als ein Social-Media-Phänomen.

▶Tracklist 12 Songs
- 1People Pleaser
- 2Crashing Out
- 3Hangman
- 4Poster Child
- 5Home Videos
- 6Cheap Dopamine
- 7Blood On Your Hands
- 8Goodbye Good Riddance
- 9Sucker Punch
- 10Vertigo
- 11Theme Park
- 12Masquerade