
Musiker durch und durch. Ein Leben ohne Mucke machen, hören und live erleben, gibt es für Malin nicht. Dementsprechend ist Musik auch Malins Lieblings-Gesprächsthema. Und damit er seinem Umfeld damit nicht zu sehr auf die Nerven geht, schreibt er einfach für MoreCore. Die neuesten Alben von altbekannten und gefeierten Artists, vom Underdog aus dem Nischengenre, von lokalen Konzerten oder den großen Festivals – you name it – Malin wird euch etwas dazu erzählen. Als Schlagzeuger, Musiklehrer und Student der sozialen Arbeit findet er, dass man Musik und Menschen nicht trennen kann oder sollte, denn nichts macht Musik schöner, als die Gemeinschaft und das Miteinander. Wenn er euch nicht gerade von seiner Plattensammlung berichtet, probt und schreibt er wahrscheinlich mit seiner Band Small Strides, stopft sich den Bauch mit Guacamole voll oder steht am Fenster und beobachtet die Hunde in der Nachbarschaft.
In den letzten Jahren sind Genregrenzen zunehmend unwichtiger geworden. Nicht nur stehen im Mainstream Artists wie Twenty One Pilots oder Billie Eilish für die Vereinigung von verschiedensten Stilen; auch in der Rockmusik kochen Bands wie Bring Me The Horizon, Enter Shikari, Turnstile oder Hundredth ihr ganz eigenes Süppchen und lassen Konventionen dabei links liegen. Eine weitere Band, die sich dort mit einreiht ist die schwedische Formation Port Noir.
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Das Trio fliegt zwar noch relativ weit unter dem Radar, ist aber bei Weitem kein unbeschriebenes Blatt. Ihr neuester Output „Cuts“ bildet bereits das vierte Werk ihrer knapp 10-jährigen Karriere. Haben sich Port Noir in der Vergangenheit eher in Progressive Rock-Gefilden aufgehalten, so haben sie über die Jahre und vor allem mit ihrem letzten Album „The New Routine“ (2019) größere Schritte in Richtung Massentauglichkeit gemacht.
Hohe Erwartungen durch starke Singles
Im Vorfeld zur Veröffentlichung von „Cuts“ konnten Port Noir ihre musikalische Weiterentwicklung bereits voll und ganz unter Beweis stellen. Gleich die erste Single „All Class“ entpuppte sich als explosives Gemisch aus Rock und Hip-Hop mit wummernden Bässen und elektrisierenden Synths. „Sweet & Salt“ kommt hingegen ein wenig gemächlicher daher und wechselt wie selbstverständlich von hellen Strophen zu einem düsteren Chorus. Auch das bissige „Deep Waters“ konnte durch die gewagte Ergänzung von Black Metal-inspirierten Riffings durch gesampletes Hundegebell vollends überzeugen.
Wie genau aber lässt sich nun der Sound der gesamten Platte beschreiben? Unter den Musikvideos konnte man immer wieder die etwas sperrige Genrebezeichnung „Progressive Dark Pop“ lesen. Irgendwie passt diese Bezeichnung sicherlich; etwas einfacher lässt sich „Cuts“ aber als „Rockalbum zum Viben“ beschreiben. Fast alle Songs sind in einem relativ überschaubaren Mid-Tempo-Bereich mit Halftime-Grooves angelegt, die der gesamten Scheibe ein eher zurückgelehntes Hip-Hop-Feel als ein nach vorne preschendes Rock-Feel geben.
Der Sound von Port Noir unique, die Produktion on point
Songwriting, Produktion und Instrumentierungen gehen auf „Cuts“ auf beeindruckende Weise Hand in Hand. Alle Songs können im Mix wunderbar atmen und sind zu keiner Sekunde überladen. Zudem schaffen es Port Noir durch clever eingebaute Cool-Down-Parts oder reduzierte Strophen zwischendurch aufatmen zu lassen. Dabei wird der Fokus mühelos immer wieder auf die wichtigsten Hauptmotive der Songs zurückgeführt. In den lauten Momenten besitzen die Songs aber auch ordentlich Druck und werden hier vor allem durch den fantastischen Drumsound auf das nächste Energielevel gehoben. Ihre kleine Besetzung spielt der Band in nahezu jedem Moment in die Karten.
Trotz der kurzen Lauflänge und einer ganzen Handvoll an fantastischen Songs lässt mich jedoch der Gedanke nicht los, dass noch ein wenig mehr drin gewesen wäre. Gerade im zweiten Drittel finden sich mit „Preach“ und „Unclean“ Songs, die aus einem ähnlichen Holz wie „Deep Waters“ und „Sweet & Salt“ geschnitzt sind und wenig Neues bieten. Zudem haben wir mit „Entertain Us“ einen Closer, der zwar nochmal an Härte zulegt, dem Album aber ein relativ abruptes Ende verschafft. Dass aber nicht nur der Wille zur Vielseitigkeit und Experimentierfreudigkeit da gewesen ist, zeigen wiederum die stärksten Tracks des Albums.
Im Kern immer noch ein Rockalbum
Ich glaube, ich habe noch nie einem Album vorgeworfen, nicht poppig genug zu sein, aber gerade Songs wie das verspielte und mit R’n’B-Elementen bespickte „Emerald Green“ und das atmosphärisch-tanzbare Sahnestück „Monument“ tragen dieses „Vibige“, das Port Noir hier auf „Cuts“ in den Fokus stellen, mit am Besten. Gerade Letzteres bietet zum Ende des Albums nochmal einen erfrischenden neuen Moment und bricht mit einem sehr geschmackvollen Dancehall-Beat auch aus dem restlichen Schlagzeugspiel des Albums heraus. Diese gewisse Poppigkeit steht den Jungs von Port Noir wirklich hervorragend.
Zugegebenermaßen haben mich die rockigen und lauten Momente gelegentlich fast schon mehr rausgerissen. Das führt mich auch wieder zur Genre-Bezeichnung des „Progressive Dark Pop“ zurück. Diese impliziert für mich in gewisser Weise, dass sich die Band wirklich tendenziell etwas massentauglicher zeigen will. Im Kontrast dazu rückt das Trio aber ihre rockigen Wurzeln in den vielen Ausbrüchen der Platte immer wieder in den Fokus. Ich hätte mir stattdessen erhofft, auf „Cuts“ noch weiter in verschiedene Pop- und Hip-Hop-Rhythmen einzutauchen und auch tempobezogen einen größeren Bereich abgedeckt zu bekommen.
Das ist natürlich an der Stelle absolute Geschmackssache. Andersherum kann man Port Noir wiederum anrechnen, einen sehr durchgängigen und zusammengehörigen Sound für ihre vierte Platte kreiert zu haben. Auch den konstanten Aufenthalt im Mid Tempo-Bereich kann man unter dem Aspekt positiv hervorheben, dass genau das ein relativ gleichbleibendes Feeling für „Cuts“ erzeugt. Und am Ende bleibt auch einfach dieser verdammt frische Sound, der alleine schon dafür sorgt, dass man sich über die neun Songs zu keiner Minute langweilt.
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Jegliche Kritik klingt wahrscheinlich viel schlimmer, als das Album letztendlich ist. Als 6-Song-EP wäre „Cuts“ sicherlich perfekt gewesen; abgesehen von allen Langspieleraspekten steht hier mit Port Noir aber einfach eine Band vor uns, die die Rocklandschaft ordentlich aufwühlen könnte. Ein Trio, das instrumental vollends abliefert, wenige Zutaten nach verdammt viel klingen lässt und durch Sänger Love Anderssons klare und hohe Stimme einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Ich bin guter Dinge, dass die Schweden ihren „Progressive Dark Pop“ auf dem nächsten Album noch perfektionieren werden.
Foto: Lucas Englund / Offizielles Pressebild
Fazit
Port Noir wandern mit ihrem explosiven Mix aus Rock, Hip-Hop, Pop und R’n’B fernab von Konventionen und überzeugen voll und ganz mit ihrem frischen Mix. Eine Prise mehr Poppigkeit und noch mehr Abwechslung hätten ihrem vierten Album “Cuts” zwar gut getan; am Ende dominieren jedoch ihr einzigartiger Sound und eine gut ausbalancierte Produktion. Man darf definitiv hoffen, dass die Schweden es schaffen, mit ihrem nächsten Release ihren “Progressive Dark Pop” noch auf das nächste Level zu heben.

▶Tracklist 9 Songs
- 1All Class
- 2Wild
- 3Sweet & Salt
- 4Emerald Green
- 5Deep Waters
- 6Preach
- 7Unclean
- 8Monument
- 9Entertain Us