
Maximilian Krenauer
Mit ihrem mittlerweile 9ten Album hauen uns die Jungs der walisischen Reggae-Metal-Sensation wieder eine gehörige Portion Genre-Allerlei um die Ohren. Gekonnt gemeistert und über die Jahre des Band-Bestehens perfektioniert. Dass diese, doch sehr eigene, Mische niemals abgedroschen, stattdessen immer originell und vielseitig wirkt – das ist vor allem dem großen Spaß und der Leidenschaft an der eigenen Musik zu verdanken. Wer Skindred und Benji Webbe schon einmal live erleben durfte, der weiß wovon ich spreche.
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Der Sound der Band, gekürt mit Punk-, Hip-Hop-, Ska-, Rap- und sogar Dancehall-Elementen, die das bereits erwähnte Reggae-Metal Fundament garnieren, wird auch in den neuen Stücken wieder fulminant virtuos in Szene gesetzt und ist von Beginn an höchst mitreißend. Aber nun der Reihe nach.
Wir schreiben das Jahr 2004, als mein Bruder und ich damals unsere X-Box starten, den Millennial-Klassiker „Need For Speed: Underground 2“ zum ersten Mal einlegen und uns unvermittelt und ohne jede Vorwarnung ein brachiales „Nobody“ um ein Haar die Ohren wegbläst. Ein Mega-Song, der den Vibe für das komplette Spiel vorgibt und sich in einen Hammer-Soundtrack einreiht. Ein Klassiker, der den Fan der Stunde 0 bereits ab den ersten Tönen eine kleine Zeitreise zurück in die frühen 2000er erleben lässt. So muss sich Musik anfühlen!
Los gehts!
Fast 22 Jahre (!) nach diesem ersten Zusammentreffen mit Skindred sitze ich, zugegeben ein wenig gehypt, auf das neue Album, zuhause und starte den ersten Track. Und was soll ich sagen: schon die ersten Zeilen zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen. Hier fackelt man nicht lange rum, sondern geht gleich in die Vollen. Was folgt ist ein Abriss-Killer-Sound á la Skindred. Der Titel-Song liefert uns eine gewohnte und auch gewollte Härte, einen treibenden Rhythmus und einen Refrain, der die gute Laune schon einmal anstachelt, um die Richtung für den Rest des Albums vorzugeben. Ein durchaus gelungener Opener, der dem Hörer vermittelt: Hier sind wir wieder und wir legen diesmal noch ne Schippe oben drauf! Was hast du auch anderes erwartet?!
Adrenalin-Kicks und Genre-Rollercoaster voller Freude und Gefühl – What a day!
Die 10 Tracks des neuen Albums könnten unterschiedlicher nicht sein und doch sind sie irgendwie alle deutlich die Kinder von Skindred. Der Sound switcht immer wieder zwischen coolen und höchst lässigen Grooves, brachialen Auf-die-Fresse-Gitarren, Keep-it-easy-Reggae – Kurz: von verrückt zu ernsthaft und wieder zu total abgedreht. Man kann die neue Platte an einem Stück durchhören und wundert sich am Ende dann nur, dass es schon wieder vorbei ist.
Es wird an keiner einzigen Stelle langweilig und man schaltet gerne ein zweites, drittes, viertes Mal auf Repeat. Die Band schafft es, wie nur wenige andere, ihren Spirit auch auf Platte zu verewigen und genauso ansteckend zu wirken, wie sie es auch live immer wieder sind. Benji Webbe hat hier als Frontman den Zuhörer und das Publikum von der ersten Sekunde an voll auf seiner Seite. Die neue Musik lässt sich nicht in irgendeine bestimmte Schublade drücken, sondern reiht sich ganz klassisch in das herausragende Gütesiegel „Skindred“ ein.
Nachfolgend seien ein paar der Tracks erwähnt, die in besonderer Art und Weise einen bleibenden Eindruck, bereits nach dem ersten Hören, hinterlassen. Eins jedoch vorab: Müsste man sich für einen der neuen Songs entscheiden, so wäre dies sicherlich kein leichtes Unterfangen und würde wohl stark von der momentanen Stimmung abhängen, denn hier ist gefühlsmäßig wirklich alles mit an Bord!
Gehen wir in die tiefe
So liefert „Broke“ einen astreinen Reggae Sound mit Sommer, Sonne und Strand-Vibes. Skindred zeigen mit diesem Song wieder einmal sehr eindrucksvoll, wie vielseitig sie sind und wie sehr sie die vielen Facetten ihres Genres beherrschen. Einen krassen Gegensatz zum fröhlichen Chillout-Sound setzt man hier textlich, in dem man in diesen melodischen Traum von Karibikfeeling ein Motiv von harter Arbeit, wenig Geld und Perspektivlosigkeit gegenüberstellt. Eine gelungene Mischung, die einen durch den Easy-Sound zwar gut gestimmt, aber dann doch etwas ratlos und nachdenklich, zurücklässt.
Als künstlerisches Meisterwerk der Platte darf man wohl das Stück „Glass“ betiteln. Was man in den folgenden 4 Minuten und 13 Sekunden zu hören bekommt, ist Songwriting at it´s finest. Lyrisch wird Raum für große Gefühle geschaffen. „I don´t wanna see your face, take an exit from this days“ – diese einleitenden Worte greifen direkt nach dem emotionalen Kern des Zuhörers. Spätestens nach dem dramatisch-berührenden „I lost a piece of my heart“ im Chorus, wird man sich in irgendeiner Art und Weise in den Motiven des Songs wiederfinden. Und auch musikalisch zeigt man sich einmal mehr in höchstem Maße abwechslungsreich. Die Bögen, die der Song spannt um den Text zu untermalen, wirken niemals gezwungen oder holprig, sondern stets höchst gekonnt. Von der tragenden Reggae-Basis, über melodiöser Rock-Hymnen-Vibes im Refrain bis hin zur Metal-Bridge, dann wieder rüber zum Reggae um gleich darauf in einem versöhnlichen Gitarrensolo zu landen, das sich aus der Tiefe einer kurzen aber bestimmenden Ruhe erhebt und uns dann wieder in einen emotional treibenden, trotzdem ergreifenden Refrain führt. „I know I won´t forget“… klingt noch nach, wenn schließlich ein sehnsuchtserweckendes Piano den Weg aus dem traurig-schönen Song geleitet.
Das Grande Finale
„Big Em Up“ holt uns dann mit einer kräftigen Portion Rap-Reggaeton und einer fast KoRn-artigen Brutalität zurück auf den Boden der Tatsachen. Skindred führen uns ein Stück weit zurück zur eingangserwähnten Need for Speed Ära. Dieser Song wird live definitiv für Stimmung sorgen! Die walisischen Jungs vergrößern mit Big Em Up wahrhaftig das Repertoire der neuen Platte und zeigen einmal mehr, was sie musikalisch noch alles so in petto haben.
The Vibes are nice how it should be – das gibt uns zum Schluss nochmal der letzte Song „Give thanks“ als liebevoller Wohlfühl-Reggae-Abschluss mit. Ein kleines Dankeschön, nicht nur an die Fans, sondern auch an das Leben, an alle guten Gefühle und an jeden einzelnen neuen Tag! Ein guter und gelungener Ending-Song, der die Gefühlsachterbahn der Platte langsam abbremst und ins Ziel führt, um den Mitfahrer, nach dem Halt, folgende Worte in den Mund zu legen: What a day!
Foto: Skindred / Offizielles Pressebild
Fazit
Skindred begeistern mit dem Album You Got This alte und neue Fans durch abwechslungsreiche, originelle Songs voller Energie und guter Laune. Die 33 Minuten Musik machen Lust auf Tanzen, Moshen und Konzerte, auch wenn das Album gern etwas länger hätte sein dürfen.

▶Tracklist 10 Songs
- 1You Got This
- 2Can I Get A
- 3Born Fe Dis
- 4This Is the Sound
- 5Broke
- 6Glass
- 7Big ‚Em Up
- 8Do It Like This
- 9My People
- 10Give Thanks
