
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Düstere Gothenklänge im modernem 2020er Gewand – Lacuna Coil sind zurück! Sechs Jahre nach ihrem Vorgänger „Black Anima“ erreicht uns endlich der nunmehr zehnte Longplayer der seit rund 30 Jahren agierenden Gothic Metaller. „Sleepless Empire“ ist somit die Krönung einer über Dekaden währenden musikalischen Reise – und gleichzeitig ein Manifest über den Zustand unserer rotierenden Gesellschaft.
Das schlaflose Imperium
Schicken wir das voraus: Wir leben in jeglicher Hinsicht in wirklich seltsamen Zeiten, die vor allem von Ignoranz, Intoleranz und Neid geprägt sind. Diesem Übel, dem die Welt aktuell ausgesetzt ist, gehen Lacuna Coil auf ihrem neuen Album „Sleepless Empire“ auf den Grund – und treffen damit den Nerv der Zeit.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Ruhepausen ein Zeichen von Schwäche sind und man ständig mehr, mehr, mehr erreichen will und so einem niemals zu befriedigendem Gefühl nach Erfolg hinterherrennt. Diese Entwicklung ist natürlich eng verknüpft mit dem nie enden wollenden Vergleich des eigenen Gras vor der Haustür, mit dem anderer Social Media-Gärtner. Man sollte meinen die Menschheit ist nach zehntausenden Jahren von Dynastien und Königreichen endlich an ihrem imperialen Höhepunkt angekommen. Aber ist sie das?
Das wird schlussendlich auf „Sleeping Empire“ natürlich nicht geklärt. Dennoch bietet die Platte einige kritische Denkanstöße, um den Zustand unserer Welt einmal mehr zu überdenken (und klingt dabei wesentlich schöner, als das x-te Influencer-Reel).
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Moderne Dunkelheit
Musikalisch bewegen sich Lacuna Coil nach wie vor in ihrer eigens gezimmerten Schubalde „Nu Gothic Metal“ – wobei ich es eher unter Gothic Modern Metal einordnen würde. Das 1994 gegründete Vierergespann liefert auf ihrem zehnten Album nach wie vor schwarz-romantische Gesangs-Duette aus den verträumten, hohen Clean-Vocals der Nachtkönigin Cristina Scabbia und ihrem growlenden Gegenstück Andrea Ferro. Die Dynamik der beiden verschiedenen Gesangsstile und -farben passt perfekt zu den Gefühlen, die das Album beim Hörer auslöst: zarte Verzweiflung und spuckende Wut.
Ähnlich zur Entwicklung ihrer Kollegen Within Temptation hat sich das Quartett nicht nur thematisch an aktuelle Themen gewagt, sondern auch was die musikalische Untermalung ihrer Botschaft angeht, eine Wandlung zugelassen. Es wird auf eine mächtige, atmosphärische Cineastik gesetzt, die problemlos den nächsten post-apokalyptischen Christopher Nolan-Outer Space-Streifen bestücken könnte. Lacuna Coil haben keine Angst neben klassischen, dröhnenden Riffs und jammernden Soli auf elektronische Soundeffekte, Verzerrer, Overdrive oder Keyboard-Passagen zu setzen. So erinnern sie teilweise sogar an Djent-Kollegen wie Jinjer oder Infected Rain. Dafür rücken sie von den Groove-Elementen ab, die es auf „Black Anima“ noch zu hören gab. Auch die Symphonik-Relikte á klassischer Gesänge sind nun komplett ad acta gelegt.
Neue Rituale
Trotz moderner Anwandlungen (oder gerade deshalb) hat sich der Vierer für ein weiteres vorherrschendes Stilmittel entschieden: mit rituellen Gesängen und Klängen wird es auf einigen Tracks, wie „The Siege“, „Gravity“ oder „In Nomine Patris“ mystisch. Der Albumcloser „Never Dawn“ versprüht mit seinem instrumentalen Intro sogar einen orientalischen Vibe.
Außerdem haben sich die Italiener für zwei Tracks vokale Unterstützung dazugeholt: Lamb Of God-Frontmann Andy Blythe verwandelt „Hosting the Shadow“ in eine Hardcore-angehauchte (T)Rotz-Nummer, in der auch erstmals die Blast-Beat-Batterie von Drummer Richard Meiz angeworfen wird. Mit Ash Costello von New Years Day wird es dafür auf „In The Mean Time“ höllisch heiß und besonders melodisch.
Foto: CUNENE / Offizielles Pressebild
Fazit
Eine Band, ein fortwährende Leistung: wir sind von Lacuna Coil tiefwühlende und düster-harte Tracks gewöhnt. „Sleepless Empire“ enttäuscht da ganz und gar nicht und schreibt die Geschichte der sowieso bereits an ihrem Zenit angekommenen Modern Metal-Band fort. Auf ihrem zehnten Album beweist die Gruppe zusätzlich, dass sie keine Angst davor hat mit der Zeit zu gehen und sich an aktuellen musikalischen Trends und bewegenden Themen zu bedienen, was den Fortbestand ihres musikalischen Imperiums sichern sollte. Wir freuen uns über diesen neuen Meilenstein einer fabelhaften Diskografie und alles was da noch kommen wird!

▶Tracklist 11 Songs
- 1The Siege
- 2Oxygen
- 3Scarecrow
- 4Gravity
- 5I Wish You Were Dead
- 6Hosting The Shadow (feat. Randy Blythe von Lamb Of God)
- 7In Nomine Patris
- 8Sleepless Empire
- 9Sleep Paralysis
- 10In The Mean Time (feat. Ash Costello von New Years Day)
- 11Never Dawn