
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Zwei Jahre ist es bereits her, dass uns Jinjer auf Rock am Ring von den Arbeiten an einem neuen Album berichtet haben. Anders solle es klingen, experimenteller, Death Metal-lastiger. Das hat uns damals Bassist Eugene Abdjuchanow angekündigt. Aber allen voran natürlich den typischen komplexen Jinjer-Sound fortführen.
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2025 liegt uns nun endlich der Nachfolger ihres Durchbruch-Albums „Wallflowers“ von 2021 vor. „Duél“ heißt es und lässt schnell auf eine Verbindung zum Krieg im Heimatland der Ukrainer schließen. So leicht wollen es uns Jinjer aber nicht machen. „Duél“ ist sehr viel mehr eine Konfrontation mit dem eigenen selbst und lässt seltener offensichtliche Verbindungen zum Krieg zu, als wir erwartet hätten.
Von Literaten und Schurken
Dafür ist das fünfte Album Jinjers geprägt von literarischen Figuren und Konzepten. Zum Beispiel Franz Kafka, der im gleichbetitelten Song stellvertretend für die Komplexität ein Künstler zu sein steht. Oder Marquis de Sade, der namentlich in „Hedonist“ erwähnt wird, dabei aber als schlechtes Vorbild, für die vom lyrischen Ich-gepreiste Lebenslust steht. Generell sind die Texte aus der Feder von Fronterin Tatiana Shmayluk anspruchsvoll. Sie spielen mit vielen Natur- und Kosmos-Metaphern und lesen sich gewohnt poetisch.
„Draw Bile“ spiegelt eine Ode an die Melancholie dar. „Someone’s Daughter“ spuckt mit seiner Darstellung der Rolle der Frau in der Geschichte unter dem Druck des Patriarchats, gesellschaftskritische Töne. Im Kontext der Situation der Ukrainer lässt sich vor allem „Rogue“ als abschätziges Statement gegenüber Russland und Putin verstehen:
„Wir werden gewaltsam auf seine Karte gesetzt / Die Kriegstrommel rasselt weiter / Schurke.“
„Tumbleweed“ spiegelt im Gegensatz zum aggressiven, herausfordernden „Rogue“ eine verzweifelte Reaktion auf die Areal-Übernahme Russlands wieder, in der man sein (zerstörtes) Zuhause vermisst und wie ein Steppenläufer herumgewirbelt wird. „Duél“ ist wider Erwarten kein Track über den Krieg, sondern über den Kampf gegen sich selbst. Genau so wie „Green Serpent“, das (vermutlich) mit seinen fallenden Trauben, auf das Thema Sucht anspielt.
Mehr Tiefgang, mehr Aggression
Vorgetragen werden die Lyrics natürlich mit dem gewohnten Bumms in der Stimme Shmayluks – auf diesem Album, sogar noch intensiver und brutaler als jemals zuvor, wie der direkte Einstieg von „Tantrum“ sofort vermittelt. In einigen Tracks, wird erstmals (nahezu) auf Clean-Vocals verzichtet (z.B. „First Draw“, „Rogue“), was zwar funktioniert, aber dennoch den typischen Stilbruch im Gesangs-Wechsel vermissen lässt. Zarte Songs wie „Tumbleweed“, „Kafka“ und Passagen in „Green Serpent“ begeistern dafür umso mehr, und sorgen für eine Gesamtausgewogenheit auf der Platte.
Musikalisch hat sich bei Jinjer ebenfalls nicht ALLZU VIEL verändert: vertrackte Rhythmen, das typische Trademark-Bassspiel von Eugene Abdukhanov und die groovenden Beats sitzen, wenn auch nicht mehr so abwechslungsreich wie zuvor auf „Wallflowers“ (was es aber nicht unbedingt zugänglicher macht). Von ihrer ehemaligen Djent-Grundlage scheinen sich Jinjer loszumachen und den Weg eher Richtung experimentellem Modern Metal einzuschlagen: Genre-Ausflüge in Death Metal („Rogue“), Hardcore („Fast Draw“) und auch einige Groove Passagen („Green Serpent“) sind auszumachen.
Mit dem ein oder anderen Song versucht sich die Gruppe sogar am typischen Strophe-Refrain-Modell (z.B. „Dark Bile“, „Green Serpent“), das bleibt aber eher die Seltenheit und scheint auch keinen konkreten Kurswechsel für die Künstler anzudeuten. Am Jinjer-„typischsten“ klingen die beiden bereits erschienene Singles „Green Serpent“, welche die Band selbst als „Quintessenz ihres Schaffens“ bezeichnet hat, „Someone’s Daughter“, sowie der konfrontierende Titeltrack „Duél“, der mit einem pointierten Ende, die Platte beschließt.
Foto: Offizielles Pressebild Lisa Glasir
Fazit
„Duél“ ist ein solides bis starkes Album, das vor allem mit seiner emotionalen Seite besticht; sowohl was Aggression, als auch Trauer, Melancholie und Zerrissenheit angeht. Lyrisch begeistern die Ukrainer mit poetischen Texten mit doppeltem Boden und Interpretationsspielraum. Jeder Song steht tatsächlich für sich, es gibt keine deutlichen Ausreißer nach unten, aber auch keine nennenswerten Highlights. „Someone’s Daughter“ und „Green Serpent“ spiegeln am ehesten den typischen Trademark-Sound der Ukrainer dar, während es auf anderen Tracks mal härter („First draw“, „Tantrum“) mal zarter („Kafka“, „Tumbleweed“) zugeht. Auch wenn Jinjer an ihrer Kompromisslosigkeit und Komplexität festhalten und die Aggressivitätsschrauben gerade gesanglich noch etwas angezogen haben, haben wir uns nach vierjähriger Vorbereitungsphase musikalisch etwas mehr erhofft.

▶Tracklist 11 Songs
- 1Tantrum
- 2Hedonist
- 3Rogue
- 4Tumbleweed
- 5Green Serpent
- 6Kafka
- 7Dark Bile
- 8Fast Draw
- 9Someone's Daughter
- 10A Tongue So Sly
- 11Duél

