Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Schere schneidet Papier, Papier schlägt jedoch Stein. Das Material scheint ein solider Helfer bei Kinderspielereien, aber auch im erwachsenen Kampf gegen Unrecht zu sein: man kann damit Demo-Plakate gestalten, Veranstaltungseinladungen verschicken oder Unterschriften sammeln.
Feuer entfacht Papier
Tatsächlich gab es in meiner Kindergartengruppe auch die Erweiterung „Schere, Stein, Papier, Feuer“ – und ab da wurde es interessant. Denn ein Feuer kann von vielen Steinen (also Sand) erstickt werden, lodert aber in Kombination mit Papier erst so richtig auf.
Ob ZSK so oder so ähnlich gedacht haben, als sie sich für den Titel ihres neuen Studioalbums entschieden haben? Zur Metaphorik von „Feuer und Papier“, hat sich die Band bisweilen nicht geäußert, dafür schickt Frontmann und Stachelfrisur-Träger Joshi folgendes voraus:
„Wir wollten ein Album machen, das die Menschen in dieser harten Zeit begleitet. Egal, ob es um persönliche Kämpfe oder gesellschaftlichen Protest geht – wir wollen zeigen, dass niemand alleine ist.“
Instagram Post
Provokation oder Party
Es kommt nicht gerade überraschend, dass die deutsche Punk-Gruppe aus Berlin erneut ein Album dem Kampf gegen die AfD und Rechts widmet. Dennoch ist „Feuer & Papier“ kein reines Parolen-überfrachtetes Protest-Album. Das beweisen bereits die ersten beiden Tracks „3 Uhr nachts“ und „Wir kommen in deine Stadt“ die eher launige Party-Schlager darstellen, in denen in guter alter Punk-Manier verrückte Aktionen und Wohnungsneueinrichtungen zelebriert werden.
Auch „So viel Gutes“ und „Keine Liebe für Berlin“ sind keine eindeutigen Anti-Rechts-Manifeste, sondern üben vielmehr gesellschaftliche Kritik, zum einen an den ewig Gestrigen, zum anderen an Gentrifizierung und sozialer Ungleichheit. Eindeutiger wird es mit dem Titeltrack „Feuer und Papier“, „Nicht allein“ und „Leuchtraketen“, wobei ZSK hier ebenfalls weniger auf aggressive Provokationen, als auf motivierende Hoffnungsbotschaften, persönliche Geschichten und romantisierende Bilder von Pyrotechnik und Tränengas setzen.
Die Mischung macht’s
Eine direkte Ansage liefert dagegen „Vielen Dank“, mit welchem sich ZSK kampflustig für alle Hassnachrichten und Drohbriefe bedanken, die sie so erreichen. Der Song ist kurz, rotzig, thematisch auf die Zwölf. Ähnlich verhält es sich mit „Jede Hand“, der ebenfalls mit knapp zwei Minuten eher kurz geraten ist und mit seinem redundanten Text „Jede Hand – eine Faust. Keiner gibt hier auf“ doch noch eine animierende Kampfansage stellt.
Den Zusammenschluss aus konkreter Message, verbindendem Moment und launiger Party-Hymne bildet dann das Finale „Sommer ohne Nazis“ für das sich ZSK Unterstützung ihrer Düsseldorfer Kollegen Rogers geholt haben. Angelehnt ist der Track außerdem an das Original „City Of New Orleans“ von Steve Goodman, dass wir aber wohl besser in jeglichen eingedeutschten Versionen wie der von Rudi Carell („Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“) kennen. Absolute Ohrwurm-Garantie also!
Message über Musik
Generell bleiben sich ZSK auch auf musikalischer Ebene durchaus treu: lockere Rhythmen, die manchmal eeeetwas schneller sind (aber meistens doch sehr gemäßigt), treffen auf einfache Riffs, die selten auch mal etwas rockiger ausfallen („Leuchtraketen“) aber in erster Linie sommerliche und launige Pop-Punk-Vibes versprühen („Keine Liebe für Berlin“). Natürlich steht bei einer Polit-Punk-Band sowieso die Message im Vordergrund und ZSK haben es geschafft, mit ihrem doppelten Einsatz von dem Steine-umwickelnden Papier und dem Schere-schmelzenden Feuer ein kleines Leuchtfeuer zu entfachen, dass vielleicht nicht die ganze braune Meute niederbrennt, wohl aber einen Hoffnungsschimmer bietet in einer dunklen Zeit.
Instagram Post
Foto: Konzertsucht / Offizielles Pressebild
Fazit
ZSK wissen um ihre Verantwortung als Punkband in diesen schwierigen, von rechts bedrohten Zeiten. Dennoch lassen sie nicht den Hass gewinnen und setzen auf „Feuer & Papier“ nicht auf destruktive Kampfansagen, sondern arbeiten thematisch das verbindende Moment heraus. Auch musikalisch dreschen die Berliner nicht sinnlos drauf los, sondern zelebrieren die gemeinsame Sache in bester, launiger Punk-Schlager-Atmo. Jenes Album ist bestimmt kein virtuoses Meisterwerk, wohl aber eins, das Hoffnung schöpfen lässt und den Soundtrack für spaßige Erinnerungen liefert, in einer immer dunkel-brauneren Realität.

▶Tracklist 11 Songs
- 13 Uhr nachts
- 2Wir Kommen in Deine Stadt
- 3So viel Gutes
- 4Feuer & Papier
- 5Tokyo
- 6Keine Liebe für Berlin
- 7Vielen Dank
- 8Nicht allein
- 9Leuchtraketen
- 10Jede Hand
- 11Sommer ohne Nazis

