Musiker durch und durch. Ein Leben ohne Mucke machen, hören und live erleben, gibt es für Malin nicht. Dementsprechend ist Musik auch Malins Lieblings-Gesprächsthema. Und damit er seinem Umfeld damit nicht zu sehr auf die Nerven geht, schreibt er einfach für MoreCore. Die neuesten Alben von altbekannten und gefeierten Artists, vom Underdog aus dem Nischengenre, von lokalen Konzerten oder den großen Festivals – you name it – Malin wird euch etwas dazu erzählen. Als Schlagzeuger, Musiklehrer und Student der sozialen Arbeit findet er, dass man Musik und Menschen nicht trennen kann oder sollte, denn nichts macht Musik schöner, als die Gemeinschaft und das Miteinander. Wenn er euch nicht gerade von seiner Plattensammlung berichtet, probt und schreibt er wahrscheinlich mit seiner Band Small Strides, stopft sich den Bauch mit Guacamole voll oder steht am Fenster und beobachtet die Hunde in der Nachbarschaft.
Es gibt genau zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen halten “St. Anger” von Metallica für den größten Geniestreich seit der Idee, Kartoffeln in Stäbchen zu schneiden und zu frittieren. Die anderen sind auf ewig vom unterirdischen Schlagzeugsound der Platte gebrandmarkt und müssen noch immer zwei mal die Woche Wundsalbe in ihre Gehörgänge auftragen. Wo sich die Kölner Band Still Talk in dieser Debatte einordnet, lässt sich an dieser Stelle nur vermuten. Mit dem Titel ihres Debütalbums zollen sie dem ausgestoßenen Kind der Metal-Geschichte pünktlich zum 20. Geburtstag Tribut. Aber wie viel haben “St. Banger” und “St. Anger” gemeinsam?
Statt grobem Thrash-Gehämmer gibt es auf “St. Banger” elf Songs die sich grob zwischen catchigem Pop-Punk à la Paramore (“Headcheck”, “Bad Dreams”) und hymnischem Emo à la Jimmy Eat World (“Talk To Myself”, “Soft’n’Low”) bewegen. Produktionstechnisch haben Still Talk auf jeden Fall einen saubereren Ansatz als Metallica gewählt und können mit einem hellen und differenzierten Soundbild punkten, in dem alle Instrumente gut zur Geltung kommen. Hier und da lassen sich vielleicht ein paar Ecken und Kanten vermissen; im Großen und Ganzen geht der Mix jedoch gut mit der Poppigkeit der Songs Hand in Hand. Wie aber gelingt es der Band auf musikalischer Ebene, im eigentlichen Abklang des großen Genre-Revivals nochmal aufhorchen zu lassen?
Immer wieder mit einem Augenzwinkern
Das tun sie durch den Spaß, den sie im Songwriting haben. Der Titeltrack ist gleich ein gutes Beispiel dafür: So trägt Sängerin Tanja Kührer ihre Zeilen in bester 2000er-Pop-Manier vor, während wahnwitzige Effekte, ein bluesiges Solo und sogar ein Sample des legendären Wilhelm Screams aneinander vorbei rauschen. Still Talk brechen immer wieder gekonnt mit den Konventionen des Genres, ohne dabei den Spieß komplett umdrehen zu müssen. “Up to Eleven” geht schon fast als einziges Meme durch, so gut wie dieser die Nu Metal-Ära auf die Schippe nimmt. Es ist nahezu frech, dass solche Scherze am Ende immer noch einen guten Song ergeben und das Experiment der Crossover-Reinkarnation in Form eines Pop-Punk-Hits erfolgreich endet.
Generell lässt es sich als großer Fehler festhalten, Still Talk zu schnell in die Schublade zu pressen, die sie über weite Strecken andeuten. “St. Banger” hat immer wieder Momente, die überraschen und vorgezeichnete Strukturen aufbrechen. So kippt die Stimmung des leichtgängigen “Jokes About Heroin” plötzlich, wenn Gitarrist Lucas Braun seine eindringlichen Shouts zum Besten gibt. Schon in “Move to L.A.” beschwört die Band mit furios getappten Gitarren Post-Hardcore-Feeling herauf. Im Kontrast dazu stehen die ruhigen Momente wie “R.” oder “Along the Lines”, die an den modernen Indie-Folk von boygenius & Co. erinnern. In Letzteren findet sogar eine Trompete ihren Weg, die auch den finalen Aufbau von “Sad for Fun” komplementiert.
Still Talk glänzen durch starke Einzelperformances
Dass am Ende des Tages ein Album mit diesen ganzen Vorhaben aufgeht, ist der hohen Musikalität der einzelnen Bandmitglieder zu verdanken. Sängerin Tanja Kührer muss an dieser Stelle definitiv nochmal hervorgehoben werden, da sie nicht nur mit ihrer großen Range, sondern auch auf lyrischer Ebene abliefert. So streut sie in ihre Texte über Beziehungsprobleme und Existenzkrisen immer wieder einen Hauch an Selbstironie ein, um jeglichen Schmerz etwas erträglicher zu machen. Um das Album in einer spezifischen Zeile zusammenzufassen, verweist sie selbst auf folgende Stelle im Song “Move to L.A.”: “Running with a smile through this cold ass world.” Es hilft ja nichts.
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Auch vom Flow der Tracklist her funktionieren die elf Tracks wunderbar zusammen. So schaffen es Still Talk gute Kontraste zwischen laut und leise, sowie zwischen poppig und alternativ zu setzen. Fans des Genres und der genannten Referenzbands werden mit “St. Banger” sicherlich voll auf ihre Kosten kommen. So gut wie es die Kölner:innen aber schaffen, auf der Platte auch andere Genres zu integrieren, würde man sich dies vielleicht für ihren zukünftigen Output sogar noch viel ausgiebiger wünschen. Andere Releases aus der alternativen Musikszene haben in den letzten Jahren bereits gezeigt, wie sehr sich der Schritt aus der eigenen Bubble hinaus lohnen kann.
Foto: David Watson / Offizielles Pressebild
Fazit
Alleine für den Namen ihres Debütalbums müsste man Still Talk eigentlich einen Orden verleihen. Das Quintett hat “St. Banger” allerdings mit elf Emo/Pop-Punk-Hits vollgepackt, an denen man dann doch nicht so einfach vorbeikommt, ohne ein paar lobende Worte zu verlieren. Vom emotionalen Breakdown bis zur nächsten guten Nachricht, über das erste Festivalbier bis hin zur spätsommerlichen Melancholie - für einen oder all diese Anlässe bieten die Kölner:innen den perfekten Soundtrack. Am meisten überzeugen sie dabei in den Momenten, in denen sie sich weiter aus dem Fenster lehnen und ihrer Spielfreude freien Lauf lassen.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Intro
- 2Move To L.A.
- 3St. Banger
- 4Headcheck
- 5Jokes About Heroin
- 6R.
- 7Talk To Myself
- 8Up To Eleven
- 9Soft'n'Low
- 10Along The Lines
- 11Bad Dream
- 12Sad For Fun (feat. Emmerich)

