
Dana Chojetzki
Dass The Amity Affliction nach zwei Jahrzehnten im Geschäft noch immer zu den wichtigsten Exporten der australischen Heavy-Szene gehören, belegen fünf ARIA #1-Alben und über eine Milliarde Streams eindrucksvoll. Doch mit ihrem neuen Langspieler „House Of Cards“ stehen die Zeichen auf Veränderung. Es ist das erste Album mit dem neuen Clean-Vocalist Jonny Reeves, der seit 2025 fest zur Formation gehört und hier die Aufgabe hat, die charakteristische Vocal-Dualität der Band in eine neue Ära zu führen.
Trauma-Bewältigung zwischen Aggression und Melodie
Triggerwarnung: Missbrauch, Tod, Verlust
Thematisch ist „House Of Cards“ schwere Kost, selbst für Amity-Verhältnisse. Frontmann Joel Birch verarbeitet hier den Tod seiner Mutter im Jahr 2024 und die damit verbundene, extrem belastende Familiengeschichte. Es geht um Missbrauch, toxische Bindungen und das späte Zusammenrücken der Geschwister nach dem Verlust.
Der Einstieg gelingt atmosphärisch: Das instrumentale Intro „Vida Nueva“ baut eine Spannung auf, die sich im nahtlosen Übergang zu „Kickboxer“ entlädt. Hier zeigt die Band direkt ihre technische Weiterentwicklung und setzt auf massive Shouts, die klarmachen: Die Härte ist geblieben. Mit dem Titeltrack „House Of Cards“ folgt dann das Herzstück. Musikalisch ein typischer Amity-Track mit düsteren Vibes, markiert er durch Jonny Reeves’ sauberen, fast schon glatten Gesang den Beginn einer neuen Ära. Dass Reeves eine enorme Weite in den Sound bringt, beweist auch das hochemotionale „Heaven Sent“. Die Kombination aus verzweifelten Screams und einem fast sakralen Refrain lässt Erinnerungen an die „This Could Be Heartbreak“-Ära wachwerden – Gänsehaut und Herzschmerz garantiert.
Ausbruch aus alten Mustern
Im Mittelteil experimentieren die Australier spürbar mehr. „Bleed“ schießt mit einer repetitiven Computerstimme und einem Breakdown wie ein Maschinengewehr alles kurz und klein – definitiv der bisher härteste Moment der Platte. Als direkter Kontrast fungiert „Break These Chains“. Während man früher oft über Ketten sang, die einen nach unten ziehen oder festhalten, geht es hier um den Ausbruch aus alten Mustern. Ein Song, der förmlich nach einer Live-Hymne schreit.
Nach dem eher düster-plätschernden Instrumental „Beso De La Muerte“ fangen Amity den Hörer mit „Swan Dive“ wieder ein. Die Balance zwischen ruhigen Clean-Passagen und Birchs Shouts wirkt hier besonders ausgewogen. Technisch anspruchsvoll wird es bei „Speaking In Tongues“, das mit einem Riff-Feuerwerk startet, bevor es in einen absolut mitsingbaren Refrain mündet.
Das epische Finale
Gegen Ende zieht die Band alle Register. „Afterlife“ wirkt wie eine ätherische Reise, die durch eine weibliche Sprechstimme und den finalen Breakdown „I refuse to see you in the afterlife“ eine enorme lyrische Wucht entfaltet. Wer es lieber klassisch-aggressiv mag, bekommt mit „Reap What You Sow“ die volle Breitseite: Ein elektronischer Beginn mündet in Circlepit-würdige Riffs, bei denen sich Birch die Seele aus dem Leib brüllt.
Den Sack zu macht schließlich „Eternal War“. Ein monumentaler Closer, der ganz ohne Cleangesang auskommt und damit den Bogen zum harten Anfang des Albums schlägt. Es ist ein massives Finale für eine Reise durch geteiltes Trauma und neue Perspektiven.
Foto: Tom Brown / Offizielles Pressebild
Fazit
„House Of Cards“ ist ein grundsolides Album, das vor allem durch seine emotionale Ehrlichkeit besticht. Jonny Reeves macht einen sehr guten Job und gibt der Band eine frische Note, der man als Fan definitiv eine Chance geben sollte. Auch wenn vielleicht nicht jeder Track sofort als ewiger Klassiker im Gedächtnis bleibt, untermauert die Platte den Status der Band als feste Instanz im Metalcore.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Vida Nueva
- 2Kickboxer
- 3House Of Cards
- 4Heaven Sent
- 5Bleed
- 6Break These Chains
- 7Beso De La Muerte
- 8Swan Dive
- 9Speaking In Tongues
- 10Afterlife
- 11Reap What You Sow
- 12Eternal War


