
CO.WAR.DICE.
Album
Tobias Tißen
Als Marmozets 2018 „Knowing What You Know Now“ veröffentlichten, hatten sich die Geschwister Becca, Sam und Josh MacIntyre sowie Jack und Will Bottomley längst einen festen Platz in der Szene erspielt. Mit ihrer furiosen Mischung aus Alternative Rock, Post-Hardcore und mathigen Einschüben – immer getragen von Becca Bottomleys grandios enthemmter Stimme – waren sie bereit für die großen Bühnen.
Aber dann: Stille.
Nicht wegen dem ganz großen Rock’n’Roll-Drama. Sondern wegen Leben. Familie. Ehe. Kinder. Alltagsjobs. Ganz normaler Stuff. Und die große Frage, ob eine Rockband überhaupt noch in dieses neue Leben passt.
Dass wir jetzt überhaupt über „CO.WAR.DICE.“ sprechen, ist deshalb keine Selbstverständlichkeit.
Die achtjährige Pause hat Spuren hinterlassen. Will Bottomley ist raus, Sam MacIntyre rückt an den Bass. Aus dem Fünfer wird ein Vierer, Jack Bottomley steht als einziger Gitarrist da.
Knüpfen Marmozets trotzdem einfach an 2018 an oder ist die einst so ungestüme Truppe durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre gelassener geworden?
„CO.WAR.DICE.“ in der Analyse: Marmozets beißen endlich wieder!
Gelassener? Fehlanzeige.
Das stellt direkt der Opener „A Kiss From A Mother“ klar. Die Nummer beginnt wie der staubige Vorspann eines 60er-Italo-Westerns (irgendwo rollt ein Tumbleweed durchs Bild), bevor das Schlagzeug den Song in die Gegenwart tritt. Dann folgen roughes, direktes Riffing und diese Stimme, die man aus tausend anderen sofort heraushört. Becca Bottomley zieht den Song in einen großen, classic- bis hardrockigen Refrain. Marmozets flüstern damit nicht, sondern brüllen: „Wir sind wieder da und kein bisschen leiser!“
Was hier und auch auf dem Rest der Platte klar auffällt: „CO.WAR.DICE.“ ist luftiger, direkter und melodischer als die Vorgänger. Die Songs sind hörbar stärker von Beccas Gesangsmelodien her gedacht. Das kommt der Eingängigkeit enorm zugute, ohne dass die alte Bissigkeit verloren geht.
Ein gutes Beispiel dafür ist auch „Cut Back“. Der Track geht sofort ins Ohr, setzt sich dort fest, wird zwischendurch überraschend tanzbar und ist trotzdem nie bloß leichtfüßige Alt-Rock-Kost. Im Gegenteil: Der Song ist dicht, nervös, fast schon überreizt – und gleichzeitig wahnsinnig zugänglich.
Dieser Kontrast aus Hektik und Hook ist einer der stärksten Momente des Albums. Marmozets ziehen hier ihre eigene Vergangenheit durch einen New-Rave- und frühen-2000er-Indie-Rock-Filter, würzen das Ganze mit Synths und behalten trotzdem ihre ganz eigene Handschrift bei.
„You Want The Truth“ knüpft an den alten Marmozets-Vibe an. Der Song rast, stolpert, brennt. Verzerrte Riffs, hektische Effekte, jede Menge Energie – hier übernimmt nochmal die ungestüme Band vom 2014er Debüt.
Der Song arbeitet sich an einer Welt aus lauten Meinungen, Halbwahrheiten und digitalem Geschrei ab. An diesem permanenten „Meine Wahrheit ist die einzig wahre Wahrheit“-Gebrüll, das mehr trennt als verbindet.
Marmozets lassen die Platte atmen
So bissig die erste Hälfte ist: „CO.WAR.DICE.“ kann auch Luft reinlassen.
„Swear I’m Alive“ markiert den ersten ruhigeren Moment. Eine Halbtempo-Nummer, getragen von elektronischen Elementen, schwer greifbar und trotzdem drückend. Kein klassisches Durchatmen, sondern eher ein angespanntes Innehalten.
„Running With The Sun In Your Eyes“ öffnet die Platte dann weiter. Heller, lässiger, mit einem tanzbaren Rhythmus und viel Bewegung. Der Song lebt mehr von seinem Flow als von einer großen Hook, funktioniert aber genau deshalb als lockerer Gegenpol.
„Dandy“ bildet schließlich den ruhigsten Punkt des Albums. Zärtlich, zerbrechlich, getragen von Akustikgitarre und zurückgenommenem Gesang. Zur Hälfte wird der Song etwas breiter, ohne seine unaufgeregte Linie zu verlassen. Keine große Explosion, kein Effektfinale. Ein bewusst kleiner, intimer Moment. Genau richtig platziert.
Garage und Gesangsexzess
Die zweite Hälfte zeigt dann, wie vielschichtig der Marmozets-Sound anno 2026 ist.
„Like Last Night“ bringt erst wieder Energie rein: gut gelaunt, dynamisch; ein klassischer Alt-Rocker, der einfach Spaß macht und die Platte wieder anschiebt.
„Mes Désirs“ geht danach einen ganz anderen Weg. Trockene Drums, verzerrte Gitarre, staubiger Garage-Rock. Das erinnert schon sehr stark an die White Stripes. Das Schlagzeug hämmert stumpf durch, die Gitarren bleiben roh.
Dann setzt Beccas Gesang ein und hebt den Song plötzlich auf eine ganz andere Ebene. Stellenweise fast opernhaft, voller Wucht, aber ohne zu sehr ins Theatralische abzudriften.
Gerade dieser Kontrast aus dreckiger Instrumentierung und maximaler Gesangsleistung funktioniert fantastisch – und macht „Mes Désirs“ zu einem der spannendsten Tracks der Platte.
Abschluss in Überlänge
„One, two, one, two, three, four“ wird der Closer „Keep Going Darling“ angezählt – und zieht energiegeladen los. Doch schnell wird klar: Hier geht es weniger um Riffs als um Melodie.
Der Song entwickelt eine fast melancholische Grundstimmung, ohne je wirklich schwermütig zu werden. Stattdessen steigert er sich immer weiter: Gitarren, Drums und vor allem der Gesang schaukeln sich in einen regelrechten Rausch.
Bis in einem kathartischen Moment plötzlich alles abfällt.
Akustikgitarre, schließlich nur noch sphärische Synths. Die Platte gleitet sanft aus. Kein Knall, kein finaler Ausbruch. Sondern ein bewusstes Loslassen.
Fazit
Nach achtjähriger Schaffenspause melden sich Marmozets nicht etwa mit einer Nostalgieplatte zurück. Auf „CO.WAR.DICE.“ behalten die Engländer ihre jugendliche punkige Energie bei, gewähren dieses Mal aber den Melodien mehr Raum. Das befeuert den größten Trumpf der Band noch einmal zusätzlich: die fantastische Gesangsleistung von Becca Bottomley, die sich hier facettenreicher präsentiert als je zuvor. Die zweite Karrierephase von Marmozets startet bockstark.

▶Tracklist 11 Songs
- 1A Kiss from A Mother3:33
- 2New York3:22
- 3Cut Back3:03
- 4Swear I'm Alive4:07
- 5Running With The Sun In Your Eyes3:25
- 6Dandy3:34
- 7Like Last Night3:10
- 8Mes Désirs3:37
- 9You Want The Truth2:41
- 10Flowerz3:39
- 11Keep Going Darling7:34