
Markus Seibel
Von der ersten Sekunde an ziehen Versus Goliath in seinen unwiderstehlichen Bann. Mit dem eineinhalbminütigen Intro heult ein in Grandezza getauchter Rock-Vibe aus jeder Frequenz. Irgendwo im Wind wehen inbrünstig gesungene Chöre. Die Devise: Raum geben, damit sich Lebendigkeit entfalten kann. Und dazu dieses eingebungsvolle Wabern in jedem Akkordanschlag, das konsequent mäandert, mutiert!
Im Hintergrund türmen sich rücksichtsvolle Melodien zu einem Berg aus Emotionen auf, losgelassen im Finale, weißes Rauschen. Puh, durchatmen. Ein zäher, doch mitreißender Fluss aus Emotionen zieht sich durch das Album. In „Der Mann mit dem Feuer“ geht’s dann in die Vollen. Eine monströse Rap-Einlage bringt die Knie zum Schlackern, bis roboterhafte Stimmen in einer erschreckenden Leere hallen. Die Fülle und Breite des Sounds in diesem konfusen Zusammenspiel aus konsistenten Riff-Walzen, krudem Stimmgewirr und kalt-metallischen Synthesizern macht dieses Werk zu etwas komplett anderem, an jeglicher Hörgewohnheit vorbeimanövrierend.
Die Münchner haben eine Vision
Die Macher dahinter, Florian Mäteling, Andreas Zöller sowie Jonas Keller-May, sind bekannt dafür, ihre eigenen Klangmaschinen zu konstruieren, womit sie die Synthesizer-Architektur (fast) revolutionieren. Ihr Eigenbausortiment erzeugt unnachahmliche Sounds. So überschatten Versus Goliath mechanische Maschinenklänge, die als grimmiger Stiefbruder Heldmaschine in Neid erblassen lassen.
Instagram Post
Dem Trio gelingt es, ihrem Modern Metal-Anspruch treu zu bleiben und dabei eine Mischung aus atmosphärischem und zündendem Material vorzulegen – allen voran „Keine Helden“, „Sys Warnung“, „Licht“ sowie der herrlich melodisch treibende Titelsong „Wüstenland“, der das gesamte Potenzial der Münchner offenbart.
Versus Goliath kann zum Geheimtipp avancieren
Dass komplexere, aber ebenfalls gelungene Stück wie „Ende der Welt“ Zeit zur vollständigen Erfassung benötigen und man dabei durch Kulissen und Zwischenspiele waten muss, macht „Wüstenland“ zum gefundenen Fressen für todeshungrige Entdecker.
Es wird auch auf dieser Platte deutlich: Versus Goliath machen genau die Musik, die sie machen wollen. Passender als mit „Wüstenland“ kann man ein modernes Werk zwischen dunkelster, erdrückender Verzweiflung mit einem immer wieder aufkeimenden Hoffnungsschimmer, nicht betiteln. Die Türen stehen ihnen jedenfalls offen in diverse Richtungen. Vielleicht mehr Synthwave? Vielleicht noch mechanischere Rhythmus-Festungen? Vielleicht sogar ein richtig düsteren Rap-Epos? Wer weiß, wo es die Münchner noch hinführen wird. „Wüstenland“ ist jedenfalls ein mehr als gelungener Ausgangspunkt für weitere Entwicklungsschritte, die ihren Sound in hoffentlich noch aufregendere Richtungen lenkt.
Foto: Juliane Haerendel / Offizielles Pressebild
Fazit
Der ganz große Überhit findet sich auf "Wüstenland" zwar leider nicht. Dafür halten Versus Goliath jedoch ihr Niveau über die gesamte Spielzeit hinweg konstant hoch und lassen das Potential für zukünftige Großtaten erkennen. Bis dahin wird der neue Longplayer definitiv noch die eine oder andere Ehrenrunde im heimischen CD-Player vergönnt sein.

