
Tobias Tißen
Fünf Jahre haben sich Don Broco seit dem letzten Studioalbum „Amazing Things“ Zeit gelassen. Und „Nightmare Tripping“ klingt tatsächlich wie ein bewusst gesetzter Neustart. Nicht, weil plötzlich alles anders ist, sondern weil die Band ihren ganzen Wahnsinn diesmal stärker auf dunkel, druckvoll und heavy trimmt.
Das spiegelt sich im Titel: Don Broco selbst rahmen „Nightmare Tripping“ als Schlafparalyse-Situation; als das Gefühl von Unsicherheit, wenn man nicht sagen kann, was gerade real ist und was nur im Kopf passiert; als ständiges Hin und Her zwischen den Zuständen. Und genau so wirkt die Platte oft. Nicht textlich, sondern vom Sound her: Don Broco bauen Songs, die dir erst mit einem luftigen Beat die Hand geben – und dir dann ohne Vorwarnung eine massive Gitarrenwand vor die Nase stellen.
Und weil das eben Don Broco sind, kommt nach der Riffwand oft direkt der nächste Kontrast: ein Refrain, der fast schon zu groß und zu poppig für den Song klingt und genau deshalb hängen bleibt. Dazu diese kleinen „hä, wtf“-Momente: ein unnötiger Effekt, ein kurzer Break, eine Idee, die eigentlich Quatsch ist, aber den Song sofort unverwechselbar macht.
Stellenweise funktioniert das auf „Nightmare Tripping“ auch wahnsinnig gut – gerade dann, wenn Don Broco ihre Stärken bündeln und aus dem Chaos einen echten Song machen. Das Problem: Auf Albumlänge hält die Band dieses Level nicht konstant. Zwischen den Peaks (und vor allem in der deutlich abfallenden zweiten Albumhälfte) gibt’s immer wieder Passagen, die bestenfalls okay und schlimmstenfalls einfach egal sind.
Nu-Metal-Druck mit Don-Broco-Stroboskop
„Cellophane“ macht als Opener direkt klar, dass Don Broco auf „Nightmare Tripping“ noch eine Stufe tiefer in den Nu-Metal-Bunker gehen. Schon das Eingangsriff wirkt wie ein Gruß aus der guten, alten Korn-Schule: dick, kantig, breitbeinig.
Die vier Briten lassen das aber nicht einfach stumpf laufen, sondern werfen immer wieder kleine „Flashlights“ rein. Kurze elektronische Akzente, Vocal-Details, Rhythmus-Kicks – bei all seiner Schwere bleibt der Song so trotzdem tanzbar.
„Disappear“ hält das Stresslevel hoch. Der Track startet mit einem tanzenden elektronischen Puls, der sich wie ein nervöses Herzklopfen durch den Song zieht, bevor er in die typische Don-Broco-Dynamik kippt: Hook, Druck, Hook, Druck. Die Melodie ist Pop im besten Sinne: nicht soft, nicht „nett“, aber mit hartem Ohrwurmfaktor.
Mit „Somersaults“ wird das Album dann erstmals schleppender und düsterer. Tiefer Bass, schwer groovende Gitarren; im Refrain wird’s trotzdem wieder groß und poppig. Eine gelungene Abwechslung nach dem (positiv gemeint!) stressigen Einstieg.
feat. Nickelback: kein Gag!
Hat man den Song nicht gehört, könnte man meinen, der Titeltrack mit Nickelback soll einfach nur als Streaming-Magnet dienen. Stattdessen fühlt sich die Kollab aber wie ein bewusstes Stil-Experiment an und mutiert zu einem der Höhepunkte der Platte: schwere Gitarren, harte Drums, aggressive Vocals. Und dann ein Chorus, der plötzlich so melodisch und riesig ist, dass man Don Broco schon auf Stadionbühnen sieht.
Und was man auch immer von seiner Band halten mag: Dort gehört Chad Kroeger nun mal auch hin. Seine Stimme ist nicht (nur) „Haha, Nickelback“, sondern macht hier alles größer, radiotauglicher, während Don Broco drumherum weiter Krach, Schreie und Breakdowns stapeln.
Beim ersten Durchlauf wirken die abrupten Übergänge sicherlich irritierend, aber genau das passt: Dieser Track soll nicht gemütlich fließen, sondern mitreißen und auch mal verstören. Wie ein (Alb-)Traum, der ständig die Szenerie wechselt. Nightmare Tripping halt.
Kurz durchatmen, dann Abriss!
„Ghost In The Night“ lässt dann erstmal durchatmen. Puh. Mehr Atmosphäre, viel schwebende Schwere à la Deftones. Das funktioniert als Kontrast und gibt dem Album kurz Raum. Gleichzeitig ist das aber auch einer der Momente, in denen der „Trip“ Gefahr läuft, kurz zu versanden: schön gebaut, aber weit weg von einem klassischen Hit.
Dafür folgt der Abriss auf dem Fuß: „True Believers“ feat. Sam Carter (Architects). Das ist der Pit-Moment der Platte. Callout, Ansage, mehrfaches Hochschrauben – und dann stürzt das Ding immer wieder in die wohl brutalsten Breakdowns der Bandgeschichte.
Hier kippen Don Broco am deutlichsten in moderne Metalcore-Energie, samt starkem Architects-Feeling (nicht nur, weil Sam Carter drauf ist). Ein Brett.
„Euphoria“ ist danach wieder typischer Don Broco: erst elegant-elektronisch, dann der Drop und die Gitarrenwand. Aber immer unterlegt von einer funky Bassline, die das Ganze immer wieder auflockert.
Gute Ideen, die zu selten zünden
„Pacify Me“ spielt mit einer Art Steelpan-/Steel-Drum-Sound, lässt kurz Growls aufblitzen. Das könnte genau der „weird but cool“-Moment sein, den Don Broco früher oft als Highlight hatten. Hier versandet das Ganze aber relativ schnell im atmosphärischen Midtempo. Nicht schlecht, nur halt… egaler, als es sein müsste.
„Swimming Pools“ startet mit Sprechgesang und elektronischem Aufbau erst mal komplett un-metalig, bis sich dann nach einer guten Minute die Hook mit einem verfrickelten Breakdown ankündigt, der auch gut bei House of Protection funktioniert hätte.
„Hype Man“ kommt mit rap-metaliger Kante, Hook mit Pop-Ausmaß und einem Groove, zu dem man nur mitnicken kann. Der stärkste Track der auf Kosten von Hooks und Überraschungen zu sehr auf Atmosphäre getrimmten zweiten Albumhälfte.
Der Closer „The Corner“ liefert dann nämlich kein triumphales Finale, keinen Instant-Hit. Es ist eher ein Song, der wie das Ende eines Trips wirkt: nicht unbedingt happy, aber immerhin wieder anwesend. Ein langsameres Aufrichten, das zum Gesamtkonzept passt, aber nicht gerade euphorisch aus der Platte entlässt.
Foto: Bethan Miller / Offizielles Pressebild
Fazit
„Nightmare Tripping“ ist Don Broco in einer dunkleren und druckvolleren Version. Mehr Nu-Metal-Biss, mehr Screams, mehr konsequente Stimmung – ohne die Band-DNA aus Groove, Stadion-Hooks und bewussten Stilbrüchen jemals abzustoßen. Die Peaks sitzen brutal („Cellophane“, „Nightmare Tripping“, „True Believers“), aber leider verliert sich insbesondere die zweite Albumhälfte zu oft in Ideen, die einfach nicht richtig zünden wollen.

Nightmare Tripping
Album
VÖ
digital · cd · vinyl
DON BROCO. Unter exklusiver Lizenz an Fearless Records. Vertrieben von Concord.
▶Tracklist 11 Songs
- 1Cellophane
- 2Disappear
- 3Somersaults
- 4Nightmare Tripping (Feat. Nickelback)
- 5Ghost In The Night
- 6True Believers (Feat. Sam Carter)
- 7Euphoria
- 8Pacify Me
- 9Swimming Pools
- 10Hype Man
- 11The Corner

