
Kathrin ist ein Chamäleon des alternativen Musikgeschmacks, mit einem Faible für alles, was außergewöhnlich ist. Nichts bleibt vor ihr sicher – und erst recht kein Nischengenre. Da überrascht es wohl nicht, dass sie als Allrounder das MoreCore-Team tatkräftig unterstützt. Wenn sie nicht gerade voller Inbrunst an neuen Alben- und Live-Reviews schreibt, sitzt sie entweder in einem spannenden Bandinterview, um uns auf dem neusten Stand zu halten, oder verfasst informative MoreCore-Beiträge für die Website. Möchte man das Herz unserer Münsteranerin (jetzt Kölnerin) im Sturm erobern, dann am besten mit Sci-Fi-Lektüre aus den 60ern, Star Wars - kein Star Trek! - oder Lebkuchen.
Zum Jahresende liefert uns die „Supergroup“ Gone Is Gone noch einmal ein Album, welches nicht nur im Jahr 2020 etwas aus der Reihe tanzt. Dass es nicht immer klassisches Songwriting sein muss und was das Experimentieren mit Sounds hervorbringen kann, beweisen sie in ihrem zweiten Studioalbum „If Everything Happens For A Reason… Then Nothing Really Matters At All“.
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Wer das Sideprojekt von Gitarrist Troy Van Leeuwen (Queens of the Stone Age), Sänger Troy Sanders (Mastodon) und Drummer Toni Hajjar (At The Drive-In) seit ihrer Gründung im Jahr 2016 verfolgt hat, der weiß, dass sich die Musiker mit ihrer Band Gone Is Gone gerne ausprobieren und musikalische Fantasien verwirklichen, die in ihren weitaus bekannteren Bands eher fehlplatziert wirken würden.
Gone Is Gone verwandeln ihr Studio in ein Labor für Soundexperimente
Für ihr zweites Album mit dem wahrscheinlich längsten Albumtitel des Jahres entfernen sich Gone Is Gone noch ein Stück weiter vom Mainstream und ihrem herkömmlichen Musikhintergrund als sie es ohnehin schon tun. Während ihre bisherigen Veröffentlichungen von alternativen Metal im Progressiven geprägt waren, fällt ihr neues Album komplett aus dem Raster.
Undefinierbare Sounds, die irgendwie nach einem aufziehenden Gewitter klingen, rufen – zumindest in meinem Kopf – direkt Bilder einer dystopischen Post-Apokalypse hervor, deren Welt von dichten, in gelbes Licht getauchten Nebelschwaden bedeckt ist. Diese unkonventionellen und düsteren Klänge ziehen sich ab jetzt konzeptionell durch das Album. Dafür verwirft die Band von Anfang an klassische Songstrukturen und legt ihren Fokus lieber auf einen effektreichen Spannungsaufbau und Sound-Design.
Tiefe Bässe ziehen wabernde Kreise von einem Ohr ins andere („Say Nothing“) oder klopfen fast unerträglich hart gegen die innere Schädeldecke („Chrimson, Chaos, And You“). Düstere Synthesizer erzeugen immaginäre Bilder einer dunklen Outrun-Landschaft, die sich nur zu gut mit den Covern ihrer Titel ergänzen.
Ambiente Klänge, die an brutzelnde Blitze zwischen riesigen Teslaspulen erinnern, legen sich in den Hintergrund während sie von einem Wirrwar verzerrter Gitarren übertönt werden und in einem dissonanten Chaos ausfaden („Dirge For Delusions“). Verschiedene Sirenen, rotierende Helikoptertragflächen („Sometimes I Feel“) oder Sounds die an Insektenschwärme erinnern („Breaks“) fliegen über die ambiente Soundlandschaft hinweg und reißen alles auf ihrem Weg in einen Sturm aus Distortion.
Genretechnisch ließe sich dieses Experiment wohl am ehesten in die Sparte Cineastic-Rock schieben, was höchstwahrscheinlich nicht zuletzt an Mitglied Nummer 4 liegt. Während die anderen drei Bandmitglieder die meiste Zeit in ihren anderen Bands eingespannt sind, widmet sich Mike Zarin dem Sound-Design und Komponieren von Musik für Filmtrailer.
Das Album erzählt eine Sound-Geschichte, deren Spannungsbögen immer wieder aufs Neue steigen, ihren Höhepunkt finden und sich langsam beruhigen. Einzelne Songs stehen eher weniger für sich selbst, sondern wirken vor allem zusammengenommen als Konzeptalbum.
Die sich immer wiederholenden ambienten Syntheziser, grollenden Bässe und verzerrten Gitarren ziehen sich einheitlich durch das ganze Album und schaffen eine mitreißende Soundlandschaft. Das Kreieren der düsteren Stimmung ist gut in Szene gesetz und macht Spaß – sofern man drauf steht, denn ziemlich speziell ist das Ganze auf jeden Fall.
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Wer auf eingängige Melodien und klassische Songstrukturen steht, wird an den experimentellen Klängen in „If Everything Happens For A Reason… Then Nothing Really Matters At All“ wahrscheinlich nicht besonders viel Spaß haben.
Diejenigen, die hingegen das Außergewöhnliche suchen und sich für extravagante oder experimentelle Musik begeistern, sollten hier definitiv mal reinhören.
Foto: Stefan Schmid / Offizielles Pressebild
Fazit
Das Album mit dem extrem langen Titel stellt experimentelle Freiheit vor konservatives Songwriting und ist deshalb sicherlich nicht jedermanns Sache. Wer abgefahrene Effekte, musikalische Spannung und Soundtracks mag, ist mit dem Cinematic-Rock des Albums an der richtigen Stelle.

If Everything Happens For A Reason… Then Nothing Really Matters At All
Album
VÖ
cd · vinyl
▶Tracklist 12 Songs
- 1Resfeber
- 2Say Nothing
- 3Everything Is Wonderfall
- 4Wings Of Hope
- 5Sometimes I Feel
- 6No One Ever Walked On Water
- 7Death Of A Dream
- 8Crimson, Chaos And You
- 9Breaks
- 10Payoff
- 11Force Of A Feather
- 12Dirge For Delusions