Markus Seibel
Rund dreizehn Jahre ist es her, dass Biohazard ihrer Karriere mit „Reborn in Defiance“ eine neuen Schub verschafft haben. Nun legen die US-Amerikaner den Nachfolger, ihr mittlerweile 10. Album, „Divided We Fall“ vor und stellen darauf unter Beweis, dass noch immer jede Menge kreativer Energie in ihnen steckt. Und ganz nebenbei: Das Album wurde in der Originalbesetzung arrangiert, die sich seit Ende 2022 erstmals wieder zusammengefunden hat. So ist bereits der Opener „Fuck The System“ ebenso dissonant und vertrackt wie eingängig. „Death Of Me“ hingegen weckt trotz Crossover-Fundament Assoziationen mit Roger Miret (Hoffen wir, dass der Sänger krebsfrei bleibt), was wohl vor allem dem Gesang geschuldet ist und im weiteren Verlauf des Albums noch häufiger vorkommt.
Biohazard: Die Aggressivität, die es manchmal braucht
Damit der Überraschungen nicht genug: In „Word To The Wise“ beginnen die Kanadier zunächst ungewohnt geradlinig, bevor nach rund zwei Minuten chaotisch nach vorne geprügelt wird. Mein persönliches Highlight der Platte ist „Fight To Be Free“, die wohl zugänglichste der elf Nummern. Das (fast) Vier-Minuten-Stück mit Garage Rock-Flair macht deutlich, dass sich Progressivität und griffiges, dichtes Songwriting nicht gegenseitig ausschließen. Dick produziert, packend arrangiert und durchzogen von einem monumentalen Furor, der Glanztaten von Agnsostic Front oder anderen fast vergessenen Bands heraufbeschwört: Das hier ist feinstes, aggressives Entertainment auf hohem Niveau und zugleich die prima herausgearbeitete Kernkompetenz der Band. Hoffnungslos ewiggestrig ist Biohazard allerdings nur im Spirit. Die Art und Weise, Songs zu komponieren und rauszubolzen, ist ganz und gar gegenwärtig.
Dabei agieren die US-Amerikaner stets kurzweilig und on point, ohne aber solche Hits zu schreiben, wie es auf ihrer letzten Scheibe geschafft haben. Und doch läuft „Divided We Fall“ schlichtweg gut rein, ohne eben die ganz großen Taten zu vollbringen. Völlig konträr zu dem relativ einfach gehaltenen Cover-Artwork gelingt es den New Yorkern, ihrem Album einen Handwerkscharakter zu verpassen, der eben trotz teilweise moderner Bauteile authentisch und ehrlich ist. Die Stücke auf dem zehnten Album der Band verfügen über eine smoothe Dynamik, die zu Bewegung animiert und grundsätzlich Spaß macht.
„Divided We Fall“ – Keine 10/10, aber gut
Einflüsse von außen hat man bei der Entstehung nur bedingt zugelassen, denn kein geringerer als Matt Hyde (Slayer, Hatebreed, Deftones) hat das Album produziert. Damit trifft Old School Hardcore auf einen modernen, aber nicht überproduzierten Sound, der den gut krawall-gebürsteten Gesang ebenso Raum lässt wie Evan Seinfeld Bass und Billy Graziadei Gitarrenarbeit. Die Spielzeit beträgt gerade einmal 38 Minuten, was durchaus hätte etwas mehr sein können. Aber hier trägt die Dauer dazu bei, unnötiges Füllmaterial zu vermeiden. Von daher möchte ich gar nicht meckern.
Foto: Istvan Bruggen / Offizielles Pressebild
Fazit
Biohazard haben mit diesem Album das nächste Level erreicht und liefern eine stark produzierte und beinharte Scheibe ab, die in ihrer Aggressivität und Verspieltheit extrem viel zu bieten hat. Eine unersättliche Gewalt ist nichts für schwache Nerven. Wer mit dieser Art von Hardcore nichts anfangen kann, wird auch bei aller Variabilität einen Nervenzusammenbruch erleiden. Die US-Amerikaner setzen für die Hardcore/Crossover-Fraktion aber ganz klar neue Akzente und sezieren das Klangbild, anstatt es mit dem Holzhammer niederzumetzeln.

▶Tracklist 11 Songs
- 1F**k The System
- 2Forsaken
- 3Eyes On Six
- 4Death Of Me
- 5Word To The Wise
- 6Fight To Be Free
- 7War Inside Me
- 8S.I.T.F.O.A.
- 9Tear Down The Walls
- 10I Will Overcome
- 11Warriors
