
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Pallbearer waren schon immer eine Band, die schwer zu greifen sind. Teils eingängig, teils versperrt, zeigt sich die Musik der US-Amerikaner nur selten erwartbar. Klar ist nur: Auf ihrem neuen Album „Mind Burns Alive“ entwickelt die Band aus Arkansas ihren Doom Metal-Sound erneut weiter. In welche Richtung es sie diesmal treibt?
Dramaturgie und Dynamik
Mit „Where The Light Fades“ beginnt „Mind Burns Alive” nahezu in Prog-Rock Manier der frühen 70er Jahre und erinnert an Bands wie Pink Floyd oder King Crimson. Das mag auch am Gesang liegen, der sich in einer ähnlichen Ästhetik bettet. Vom Doom-Sound der Band ist im Opener des Albums vorerst nichts zu hören. Auf große Atmosphäre aufbauen können sie trotzdem. So wirkt der Auftakt mit verwaschenen Gitarren durchweg träumerisch und baut auf einen gewissen Minimalismus.
Dieser Minimalismus steht Pallbearer gut und lässt genug Raum, die Riffs und den Gesang bestens zur Geltung kommen zu lassen. Nicht zuletzt auch aufgrund der großen Dynamik im Sound, die einen Spannungsbogen bis zum Ende des Songs aufbaut.
Doom-Riffs und ruhiger Minimalismus
Der Title Track hingegen beginnt mit verzerrten Gitarren nahtlos nach „Where The Light Fades“. Auch „Mind Burns Alive“ ist nicht sonderlich heavy, wirkt aber mit den rhythmisch vertrackten Rhythmen im Vergleich durchweg wuchtig. Dabei lassen sich Pallbearer viel Zeit, ihrer Musik auch fernab des Gesangs Raum zu bieten.
„Signals“ hingegen knüpft anfangs erneut an den ruhigen Rocksound des ersten Stücks an. Noch langsamer und reduzierter agiert der Track in einem Sound, der an die Ruhe in der Musik von Sólstafir erinnern mag. Dabei kommt insbesondere die warme Produktion im Sound des Albums gänzlich zur Geltung. Mit rockigem Ausbruch nach drei Minuten fehlt es „Signals“ nicht an Einschlägigkeit.
Volle Kanne Melancholie
Auf „Endless Place“ öffnen sich Pallbearer vollständig der Melancholie, die zunächst in Post-Rock-Atmosphäre gebettet wird und schnell vom Doom-Sound der Band regelrecht zerschlagen wird. Über 10 Minuten bieten Pallbearer dabei alles, wofür man ihre Musik lieben kann sowie ein Saxophonsolo, das mit den doomigen Gitarren perfekt harmoniert.
Quasi wellenförmig zeigt sich auch „Daybreak“ zunächst von der ruhigeren Seite der Band, bevor es in großen Gitarrenwänden ausbricht. Auch aufgrund der vergleichsweise kurzen Spielzeit von etwas mehr als sieben Minuten eignet sich der Track als insgeheimes Aushängeschild des Albums. Primär aber sind es die Melodien und das generelle Songwriting, das den Track mit einer gewissen Eingängigkeit exponiert.
Pallbearer offenbaren ein großes Finale
„With Disease“ beendet das Album schließlich mit mehr als elf Minuten Spielzeit gebührend. Ähnlich wie „Endless Place“ sind es minimalistische Cleangitarren, die zunächst Atmosphäre aufbauen, die dann zerschlagen wird. Es sind diese Doom-Parts, für die Pallbearer gefeiert werden. Doch so schlagartig, wie diese beginnen, hören sie auf.
Mit Fokus auf den durchweg cleanen Gesang, wird der Track zu einem Wechselspiel aus postigen instrumentalen Passagen, Gesang und metallischen Doom-Riffs voller Power. So ist „With Disease“ ein großes Auf und Ab der Gefühle und fasst zusammen, was „Mind Burns Alive“ zu bieten hat. Dass es für dieses Album mehr als einen Durchlauf benötigt, ist nach dem imposanten Ende ebenfalls klar.
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Foto: Dan Almasy / Offizielles Pressebild
Fazit
„Mind Burns Alive“ ist ein Album, das volle Aufmerksamkeit verdient, aber auch im Hintergrund zu einer angenehmen Klangfläche wird. So sollte man den Fokus auf die Musik lenken, um der Gefahr zu entkommen, abzudriften. Eine gewisse Hörbildung ist sicherlich erforderlich, um das, was Pallbearer auf ihrem fünften Album darbieten, nicht als „langweilig“ abzustempeln. Wer sich zwischen melancholischem Progressive Rock der 70er Jahre, modernem Doom und Post-Rock wohl fühlt, wird mit „Mind Burns Alive“ viel Spaß haben. Wer bei Pink Floyd schon ins Gähnen kommt, dem wird die Geduld fehlen, um sich Pallbearers neuem Album gänzlich zu widmen.

▶Tracklist 6 Songs
- 1Where The Light Fades
- 2Mind Burns Alive
- 3Signals
- 4Endless Place
- 5Daybreak
- 6With Disease