
Jonathan Reinhardt
Kreator schmeißen mit “Hate Über Alles” ihren bereits 15. Longplayer in den Ring. Ob die Band, die dieses Jahr ihren 40. (!) Geburtstag feiert, mittlerweile an Altersschwäche leidet oder immer noch fit wie ein Turnschuh ist, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.
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Der Nachfolger von „Gods Of Violence“ aus dem Jahr 2017 startet mit “Sergio Curbucci Is Dead”. Wem der Name auch nichts sagt, dem sei nun geholfen, denn hierbei handelt es sich um einen berühmten Italowestern-Regisseur. Sein bekanntestes Werk ist „Django“ (1966). Musikalisch wird beim Titel eine Szenerie zuteil, auf die Ennio Morricone, dem dieser Titel sogar gewidmet wurde, wirklich nur stolz sein könnte.
Die vom Opener erzeugte Spannung, die vor und während eines Revolverduells herrscht, geht direkt über in den Schusswechsel der Singleauskopplung “Hate Über Alles”. Der Titeltrack des Albums überzeugt nicht nur lyrisch, indem das Kommunikationsverhalten und besonders eben der Umgang mit Hass in sozialen Medien behandelt wird, sondern auch instrumentalisch wird der Song durch treibende Drums, geshreddete Soli und durchaus simple Chorus-Shouts untermalt.
In “Killer Of Jesus” harmoniert die Band im wahrsten Sinne des Wortes besonders gut, in diesem Fall wird zum Beispiel über verminderten Akkorden wundervoll soliert. Klanglich könnte man fast meinen, dass es sich dabei um eine B-Seite von Triviums Ascendacy handelt..
Mit Wardrums geschmückt startet “Crush The Tyrants” und ist eher von der langsameren Sorte. Nichtsdestotrotz ein solider Song, der an manchen Stellen auch ein wenig an Manowar erinnert.
Guilty Pleasure für Gitarren-Fetischisten
Es folgt die zweite Singleauskopplung in Form von “Strongest Of The Strong”, die quasi vorweg galoppiert. Eine Nummer, die an Arch Enemy erinnert und definitiv ein Song ist, der live überzeugen wird.
Mit “Become Immortal” wird uns ein Track serviert, für den ein treibendes Ride-Becken und ein epischer Männerchor charakteristisch sind. Mercyful Fate-Fans dürften auch bei den Instrumentals entzückt sein, die Milles Erzählungen über seine Kindheit im Ruhrpott vertrauter machen.
Kreator können auch DragonForce
Was wie eine astreine DragonForce-Nummer klingt, ist “Conquer And Destroy”. Man könnte vermuten, dass Neuzugang und Ex-DragonForce-Bassist Frederic Leclercq seine Finger im Spiel hatte, jedoch stammt der Track auch aus der Feder Milles. Gekrönt wird der Track von einem majestätischen Powermetal-Keychange und den allgegenwärtigen Herman Li-Gedächtnis-Schrabbelmelodien.
“Midnight Sun” featured Sofia Portanet, sodass der vom Film “Midsommar” inspirierte Track deutlich experimenteller wirkt. Teilweise gibt der kalte, effektgeladene Gesang von Portanet richtige Rammstein-„Engel“-Vibes. Dadurch und wegen des dezenten Industrial-Einschlags könnte der Titel eigentlich auch aus der „Renewal“-Zeit stammen.
Eine dystopische Zukunft steht bevor
Mit einem divebombenden Gitarrensolo entfachen Kreator bei “Demonic Future” ein wahres Thrash Metal-Gewitter. Der große Chorus prescht mit Texten rund um die fremdenfeindlichen Proteste aus dem Jahr 2015 in Freital hervor.
In “Pride Comes Before The Fall” überraschen zuerst das Glockenspiel und die gesprochenen Texte. Selbige Stilmittel kennt man ja schon aus dem Song „Lion With Eagle Wings“ vom Vorgängeralbum (2017) „Gods of Violence“. Das sakrale Intro erinnert derweil stilistisch an Ghost.
„Hate Über Alles“ endet mit “Dying Planet”, einem Titel, der wenig überraschend die Zerstörung unserer Umwelt in den Fokus rückt. Über allem hängt eine schwarze, sinistre, Dimmu Borgir-hafte Death Metal-Wolke, nur eben ohne Blastbeats. Songhöhepunkt ist ein opereskes Rezitativ von Mille.
Our future is certain
A catastrophic ending
Dead Soul Imperators
Create doom impending
Upon the arrogant, the servants, the fools
The mighty, the scapegoats, societies tools
Much too long they’ve ignored, have denied
Looked away
While despotic oppressors lived in moral decay
And the prophets, the artists the scientists the freaks
Propagated a change an awakening for peace
Leading our people to heaven on earth
A vision of utopia, a spiritual rebirth
But their greed was too strong it’s too late to return
As the oceans are poisoned, and the forests are burned
Live is a dream, but for sleepers it’s real
The pestilence rages, our souls will survive
We`re the chosen who`ll wake into spleen and ideal
Nothing more, nothing less Paradise
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Foto: Christoph Voy / Offizielles Pressebild
Fazit
Kreator liefern wie gewohnt musikalisch hochwertigen Thrash ab. Wobei: dem ein oder anderen könnte es schon wieder zu wenig Thrash sein, denn es wird munter alles referenziert, was im Metalpool so kreucht und fleucht. Das macht stellenweise sehr viel Spaß, lässt aber auch die neue melancholisch-melodische DNS der letzten Veröffentlichungen vermissen. Manchmal hat man das Gefühl, man hört ein Metal-Best-Of-Album, das die Essener für andere Bands geschrieben haben - trotz, oder gerade wegen des Neuzugangs Frederic Leclercq, der einen fantastischen Einstand feiert. Kein neuer musikalischer Meilenstein von der Qualität eines Phantom Antichrist, aber zumindest ein vielfältiger Nackenbrecher, der stilistisch eine konsequente Weiterentwicklung zu "Gods Of Violence" darstellt. Ob zum Guten oder zum Schlechten, wird die Zeit zeigen.

▶Tracklist 11 Songs
- 1Sergio Corbucci Is Dead
- 2Hate Über Alles
- 3Killer Of Jesus
- 4Crush The Tyrants
- 5Strongest Of The Strong
- 6Become Immortal
- 7Conquer And Destroy
- 8Midnight Sun
- 9Demonic Future
- 10Pride Comes Before The Fall
- 11Dying Planet
