
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Tribulation melden sich nach dem Ausstieg von Gitarrist Jonathan Hultén zurück und legen ihr erstes Zeugnis ohne ihn ab. Als „Meister des Horror Metal“ beschrieben, bauen Tribulation auf eine Ästhetik, die sich dem Goth-Metal und der schwarzen Szene bedient. Auch klanglich schlagen die Schweden noch immer in diese Ecke.
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Bedrückende Melodien
„Hamartia“ braucht kein Intro, sondern schlägt direkt los. Mit verwaschenen Gitarrenmelodien, treibenden Drums und einem Heavy Metal-lastigem Gitarrensound wird schnell klar, dass sich an der Art und Weise, wie Tribulation klingen, nicht viel geändert hat. Die trockenen, kratzigen Vocals der Band legen sich auf ein rockiges Instrumental, das durchweg spooky klingt.
Tribulation sind aber weit mehr als eine düstere Hard-Rock-Band und wissen mit Dynamik zu spielen. So schrauben sie die Lautstärke für kurze Momente der Ruhe zurück, um danach mit einem Gitarrensolo von der melodischen Seite ihrer Musik zu überzeugen. „Hamartia“ ist ein gutes Aushängeschild dafür, was auf der gleichnamigen EP passiert. Gewissermaßen ist der Song nach vier Minuten schon auserzählt, aber das wird Fans dieses Sounds wohl kaum stören.
Tribulation mit leichter Kante
„Axis Mundi“ zeigt die Band etwas konziser und mit einer gewissen Kante, die „Hamartia“ fehlt. Noch düsterer sind es insbesondere die Cleangitarren, die zusammen mit dem Pre-Chorus für ein Gruselfeeling sorgen. Wirklich hart ist die Musik von Tribulation nicht, stattdessen zeigt sich eine unheimliche Kälte, welche die Musik unsanft wirken lässt.
Gewohnt rockig und melodisch ist „Axis Mundi“ ein starker Track, der unter Beweis stellt, wie gut Tribulation ihre Riffing-Hausaufgaben gemacht haben. Darüber hinaus ist es ein leicht progressiver Touch, der dem Track das gewisse Etwas gibt, das dem Titletrack gegebenenfalls fehlte.
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Das Highlight der EP
„Hemoclysm“ exponiert sich als umfangreichstes Stück mit einer Spielzeit von fast sieben Minuten. Mit cleanen Gitarren, Phaser Effekten und einem herausstechenden Basslick baut sich „Hemoclysm“ auf hypnotische Art und Weise in einem Psychedelic Rock-Vibe auf. Es dauert nicht lang, bis die typischen Tribulation-Gitarren ihren Weg auf das berauschende Instrumental finden und den Track Stück für Stück weiter aufbauen.
Die innere Dynamik von „Hemoclysm“ kreiert ein starkes Narrativ, das sich in einem düsteren Gewand wiederfindet und mit einem starken Impact auch die Vocals von Sänger Johannes Andersson mit aufnimmt. Chorale Einspielungen, sowie leicht progressives Gitarrenspiel zeigen, dass die Kante, die die Musik von Tribulation so besonders gemacht hat nicht mit dem Weggang von Hultén verloren gegangen ist.
Eine nach unten absteigende Klaviermelodie sorgt für das nötige Spukhaus-Feeling. Diese Katabasis ist geschickt platziert und fügt sich dem lamentierenden Track auf wunderschöne Art und Weise. Mit einem Break im Stil des anfänglichen „fuzzy“ Psychedelic Rock-Sound und einem ausgiebigen Gitarrensolo, wird klar, dass „Hemoclysm“ eine perfekte Umreißung von dem ist, wofür Tribulation mit ihrem Sound stehen.
Cover-Version
So avanciert „Hemoclysm” zum Highlight der EP und zeigt Tribulation von ihrer besten Seite. Mit „Vengeance (The Path)“ betreten die Schweden zum Abschluss das Territorium eines Coversongs. Die Interpretation des Blue Öyster Cult-Klassikers klingt in der Tribulation-Version ähnlich spooky wie die eigenen Tracks. Im Chorus spätestens klingt es fast schon so, als würden sich Tribulation in den Wassern von Ghost B.C. baden.
Am Ende ist das Cover ein netter Bonus, der bestens in die düstere Klangsprache von Tribulation passt und Sänger Johannes neue Facetten aus den Rippen leiert, die im eigentlichen Sound der Band eher weniger zum Vorschein kommen.
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Foto: Dirk Behlau / Offizielles Pressebild
Fazit
Wer düstere Melodien mag, sich gerne in der Dunkelheit moderner Rockmusik wälzt und zudem ein Fan von Horror-esken Vibes ist, wird Tribulation lieben. Klar ist aber auch, die Musik und insbesondere die Vocals von Tribulation sind zu gewissen Anteilen monoton. Daran wird sich wohl auch nicht allzu schnell etwas ändern. Doch auch ohne Jonathan Hultén können Tribulation ihrem Sound treu bleiben und ihr Level aufrecht halten. Diese Erkenntnis ist genug, um den Sinn hinter dieser EP zu begründen. Dennoch bleibt die EP ein kurzes Werk, das in etwa eine Wasserstandsmeldung darstellt und gespannt darauf warten lässt, wie Tribulation künftig auch auf voller Länge klingen werden.

▶Tracklist 4 Songs
- 1Hamartia
- 2Axis Mundi
- 3Hemoclysm
- 4Vengeance (The Pact) [Blue Öyster Cult cover]
