Dennis Grenzel
Man hat es im Jahr 2006 förmlich in seinem Blick gesehen. Der Moment, in dem Hoppus auf der Promotour des Blink-Nachfolgeprojektes +44 auf der Bühne die ersten Akkorde des Titelsongs „When Your Heart Stops Beating“ anschlug, verhieß nichts als blanke Unsicherheit. Und zwar darüber, ob Songs wie dieser den Erwartungen der großen Masse als auch den seinen gerecht werden würden. Andererseits wurde aufgrund des künstlerischen wie kommerziellen Debakels recht schnell klar, wer das eigentliche Genie hinter Blink-182 war. Und eben dieses Genie leistete mit Angels & Airwaves zumindest in musikalischer Hinsicht Großes, was DeLonge jedoch nicht davor bewahrte, ob des gefühlten kommerziellen Siechtums anno 2023 mit der Musik fast gänzlich abschließen zu wollen. Doch es kam anders.
DIE BEDEUTUNG VON BLINK-182 IST UNBESTRITTEN
Was JohnPaulGeorgeRingo für die Sechziger waren, das sind MarkTomTravis für uns. Green Day unmittelbar auf den Fersen folgend, sind Blink-182 heuer schließlich noch immer der zweitheißeste Scheiß am internationalen Punk-Firmament. Und was die Brüder Gallagher nicht hinbekommen, das haben Blink nun schließlich schon zum zweiten Mal geschafft: Nach den Jahren mit Matt Skiba sind Hoppus, DeLonge und Barker wieder in Originalbesetzung unterwegs.
Eines bleibe attestiert: Skiba war der denkbar beste und würdigste Lückenfüller, den es für Blink geben konnte. Und zudem tief empfundenen Respekt für seinen stil- wie würdevollen, stillen Abgang.
Und irgendwie ist das ganz wie bei Julia Leischik und ihrem „Bitte melde Dich“-Format. Da prallen längst verdrängte Persönlichkeiten aufeinander und schließen sich nach etlichen Jahren wieder in die Arme. Man stelle sich vor, da steht nun nicht irgendjemand, sondern ein oberkörperfreier und mit zwei Drumsticks bestückter Travis Barker, der seinen beiden Brüdern im Geiste tränenreich entgegenläuft. Im Hintergrund sähe man dabei ganz schemenhaft seine Frau. Doch Moment mal, ist das etwa ein Deicide-Shirt?
BLINK-182 ERÖFFNEN IHR COMEBACK STARK
„Anthem Part 3“ entpuppt sich nach anfänglichen musikalischen Zitaten als klassische UpTempo-Nummer, mit dem Blink bereits zu Beginn ihres Comebacks den musikalischen Statuserhalt feiern dürfen. Wobei dieser mit „Dance With Me“ und dem herausragenden „Terrified“ sogar noch weiter ausgebaut wird. Auch „When We Were Young“ ist ein absolut melodiöser Hochkaräter, gegen den ein Halbminüter wie „Turn This Off!“ natürlich nur abfallen kann.
ZU DEN MUSIKALISCHEN VORBOTEN VON „ONE MORE TIME…“
„Edging“ hingegen war als Vorbote von „One More Time…“ unfassbar schwach und enttäuschte auf ganzer Linie. Hier stimmte samt Hoppus‘ Frisurenwerk so gut wie gar nichts. Und wären die darauffolgenden Songs in musikalischer Hinsicht in eine ähnliche Richtung gegangen, hätte man Blink im Vorfeld ihrer eigenen Reunion besser schon begraben. Und so ist die bedächtige Single „One More Time“ dann auch eine Ode an die Brüderlichkeit, ein in Töne gefasster Zeitraffer in recht emotionalen Gewässern, ohne dabei jedoch zu tief abzusinken. Stilistisch ist das ganze Konstrukt dabei recht einfach gefasst, der Tiefgang kommt alleinig durch die blanke Vergangenheit des Trios zustande. Dabei steigt zeitgleich der Geruch von Bestimmung in die Nase des Betrachters.
Die Vorab-Single „Dance With Me“ gestaltete sich im Vorfeld als der beste Song, den Blink bis dato nie geschrieben haben und der auch trotz der reichlich vorhandenen Olé’s niemals kitschig wirkt. Da kann ein „Fell in Love“ als denkbarer Stimmungsträger im direkten Kontext nur abfallen. In der Tat hätte man sich im Refrain ein wenig mehr Distortion und musikalische Wendigkeit wie Raffinesse gewünscht. „More Than You Know“ hat da schon wieder weit mehr Drive.
Hier präsentiert sich die melodiös verantwortliche Achse Hoppus / DeLonge zweifelsfrei als musikalische Einheit, die früheren Adjektiven in tatsächlich Nichts nachsteht. Im Refrain von „You Don’t Know What You’ve Got“ vermisst man wiederum ein wenig Funkenschlag, die Melodie wirkt im direkten Vergleich dann doch recht dünn und in Ansätzen ideenbefreit.
BLINK 182 BESCHLIEßEN „ONE MORE TIME…“ EMOTIONAL
Mit „Hurt (Interlude)“ darf DeLonge dann auch seine nach den Sternen greifende AVA-Melancholie ausleben, bevor Blink-182 mit „Fuck Face“ erneut zu einem nicht viel mehr als halbminütigen Angriff blasen und mit „Childhood“ diese mit reichlich Gastauftritten bestückte Werkschau schließlich besinnlich beschließen.
Man kann zweifelsfrei sagen, dass erst ein DeLonge Blink-182 wieder zu ihrer reinsten Strahlkraft verhelfen konnte. „One More Time…“ kommt trotz seiner in Summe 17 Songs ganz ohne qualitative Untiefen aus, bietet in überschaubarem Maße mittelmäßiges künstlerisches Spektrum, so aber doch überraschend viele Höhen, die einen gedanklich um viele Jahre zurück versetzen und dabei zudem in der Neuzeit in jeder Hinsicht zu bestehen wissen.
Dass sich „One More Time…“ gemäß Zane Lowe nach Freundschaft anhört, ist natürlich himmelsschreiende wie triefende Pop-Punk-Romantik. So präsentieren sich auf einem Gesamtwerk wie diesem jedoch drei Musiker, die insbesondere im Kollektiv zu Herausragendem imstande sind und dies zu unser aller Glück über weite Strecken auch abrufen.
By the way: Natürlich ist es bis zum heutigen Tage so, dass die pseudointellektuelle Szenepolizei eine Band wie Blink ob ihres fehlenden melancholischen wie philosophischen Tiefgangs gar nicht gut finden darf, ohne dass deren attestierter IQ ganz vollautomatisch unter 65 sinkt.
Wer das sagenumwobene Haar in der Suppe finden will, der findet es natürlich selbstredend auch bei „One More Time…“, wobei die mancherorts knietief in Autotune getränkten Stimmen von DeLonge und Hoppus auch in Situationen wie diesen den dann doch recht analog wirkenden Anstrich nie vermissen lassen.
Foto: Blink-182 / Offizielles Pressebild
Fazit
Und da ist er wieder, dieser Blick. Diese vergessen geglaubte Selbstverständlichkeit und weltumspannende Überzeugungskraft in seinen Augen. Der Moment, in dem DeLonges Stimme nach all den gesundheitlichen und zwischenmenschlichen Strapazen der letzten Jahre ganz allein und wie völlig selbstverständlich von Hoppus‘ Bassline getragen wird. Genau hier sollte uns allen klar werden: Diesen Moment hier, den nimmt uns ganz sicher keiner mehr.

▶Tracklist 17 Songs
- 1ANTHEM PART 3
- 2DANCE WITH ME
- 3FELL IN LOVE
- 4TERRIFIED
- 5ONE MORE TIME
- 6MORE THAN YOU KNOW
- 7TURN THIS OFF!
- 8WHEN WE WERE YOUNG
- 9EDGING
- 10YOU DON'T KNOW WHAT YOU'VE GOT
- 11BLINK WAVE
- 12BAD NEWS
- 13HURT (INTERLUDE)
- 14TURPENTINE
- 15FUCK FACE
- 16OTHER SIDE
- 17CHILDHOOD


