Mauritz Hagemann
Every Time I Die aus Buffalo im US-Bundesstaat New York wird man ohne großen Widerspruch als Veteranen der Hardcore-Szene bezeichnen dürfen. Immerhin ist die Band inzwischen seit über 20 Jahren aktiv und hat in dieser Zeit den Globus nicht nur einmal umrundet.
Mit Radical ist nun Studioalbum Nr. 9 erschienen und Fans durften sich nach der im August vorab veröffentlichen Single „Post-Boredom“ schon einmal darauf freuen, dass die Band ihrem gewohnten Stil – einer Mischung aus wütendem Hardcore-Punk und Metalcore mit Southern Metal-Einflüssen – treu geblieben ist.
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So klingt das neue Album „Radical“ von Every Time I Die
Allerdings bleibt der Opener von Radical – „Dark Distance“ – noch einige Antworten schuldig. Natürlich kommt die Wut in der Stimme von Sänger Keith Buckley schon gut rüber und Fans dürften sich in ihren Hoffnungen, ein typisches Every Time I Die-Album vorgelegt zu bekommen, bestätigt fühlen.
Doch im Gegensatz zu vielen ihren Kollegen versucht die Band in „Dark Distance“ gar nicht erst, möglichst eingängig oder wie es so schön heißt „poppig“ zu wirken. Auf der einen Seite ist das natürlich konsequent und im Sinne des Albumtitels „Radical“, auf der anderen Seite wird wohl der ein oder andere neugierige Ersthörer abgeschreckt sein.
Wer es dann aber zumindest bis zum Track Nr.2 „Sly“ schafft, wird mit deutlich mehr Eingängigkeit – gerade im Refrain – belohnt.
Bands, die seit über 20 Jahren aktiv sind, laufen oft Gefahr, mit der Zeit viel von ihrer anfänglichen Energie zu verlieren. Dass dies für Every Time I Die nicht gilt, zeigt die Band eindrucksvoll in „Planet Shit“.
Keith Buckley schreit seine Wut hier so energisch heraus, wie man es sonst selten von Herren mit Anfang 40 kennt.
Mehr als nur Wut
Auch ein Song wie „Desperate Pleasures“ überzeugt durch vor allem durch seine Bissigkeit und Schärfe – eine Textzeile wie „The World made us sick, how can it heal us?“ wird ganz sicher auch live ein Gänsehautmoment. Doch damit keine Missverständnisse entstehen – Every Time I Die wagen sich auf „Radical“ auch auf eher unbekanntes Terrain.
Ein Song wie „White Void“ weckt Erinnerungen an die Deftones und zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise, dass Sänger Buckley deutlich mehr als nur der wütende Schreihals sein kann.
„Sexsexsex“ erinnert mich an eine entsprechende Schmiererei auf der Garagentür meiner Oma in den 90er-Jahren – der Täter oder die Täterin ist bis heute nicht gefasst – und klingt musikalisch wie lyrisch erstaunlich und im positiven Sinne unreif und bringt dadurch zum Ende des Albums die notwendige Frische herein.
Nach 16 Songs und gut 51 Minuten ist man definitiv gut durchgeschüttelt. Dass man sich dabei nicht oder nur ganz selten gelangweilt hat, liegt daran, dass eine Band wie Every Time I Die auf Album Nr. 9 eben ganz genau weiß, was sie können, was ihre Fans wollen und was die Band und ihr in der Hardcore-Szene einzigartige Soundmischung ausmacht. „Radical“ ist es eben auch, wenn man das Ganze seit 23 Jahren perfekt beherrscht.
Foto: Michael Watson / Offizielles Pressebild
Fazit
Nicht Fisch, nicht Fleisch – die für einen Vegetarier immer schon zweifelhafte Redewendung – passt wohl bei wenigen Bands so gut wie bei Every Time I Die. Das ist aber keineswegs negativ gemeint, klingen doch viele ihrer altgedienten Kolleginnen und Kollegen aus der Hardcore-Ecke irgendwann nur noch langweilig und Newcomer viel zu generisch. Diese Vorwürfe müssen sich Every Time I Die auf „Radical“ nicht gefallen lassen. Dass sie damit nicht überall Gefallen finden, war schon immer so und dürfte weder Band noch deren Fans groß stören.

▶Tracklist 16 Songs
- 1Dark Distance
- 2Sly
- 3Planet Shit
- 4Post-Boredom
- 5A Colossal Wreck
- 6Desperate Pleasures
- 7All This And War
- 8Thing With Feathers
- 9Hostile Architecture
- 10AWOL
- 11The Whip
- 12White Void
- 13Distress Rehearsal
- 14sexsexsex
- 15People Verses
- 16We Go Together

