
Immer gut gelaunt und stets mit einem Lächeln auf den Lippen nimmt sich Sporty-Spice-Energiebündel Cassy, neben ihren Jobs als Pilates- und Jumping-Fitnesstrainerin, gerne auch Zeit für eine ausführliche Albumrezension. Wenn sie sich dann doch mal etwas Zeit für sich freischaufelt, kümmert sie sich liebevoll um ihre Kollektion seltener Pflanzen, macht es sich für `nen Star Trek Marathon (kein Star Wars!) vor dem Fernseher bequem oder recherchiert für themenbezogene MoreCore-Beiträge. Ihr bereicherndes Talent zum „Labern“ nennen einige „angenehm grenzüberschreitend“, wir nennen es lieber „Potential für gute Interviews“. Festivalbesuche stehen natürlich auch regelmäßig auf dem Plan, bevorzugt die Kleineren. So oder so - die spannenden Livereviews lassen jedenfalls nicht lange auf sich warten.
Als kleinen Disclaimer vorweg: In dieser Review steht ein bisschen mehr Storytelling im Programm, aber daran führt kein Weg vorbei, wenn wir dem „konzeptionellen“ Werk mit dem Namen „Class Of Cardinal Sin“ gerecht werden wollen. Neben der Musik geht es auf der Platte vor allem um die erzählten Geschichten des Sängers von Covey.
Von missverstandenen Filmcharakteren und Kreativität
Storytelling – gesagt, getan! Könnt ihr euch noch an Sid aus dem Film Toy Story erinnern, der den Spielfiguren die Köpfe abgeschnitten hat, um daraus neue gruselige Kreaturen zu basteln? Das Musikprojekt Covey, das von Tom Freeman ins Leben gerufen wurde, hat sich auf der neuen Platte „Class Of Cardinal Sin“ genau von diesem Charakter aus dem Zeichentrickfilm inspirieren lassen. Seine Annahme: Wir haben Sid aus Toy Story, den die meisten als sonderbaren und etwas unheimlichen Teenager in Erinnerung haben dürften, völlig missverstanden. Sid strotze nur so vor Kreativität – und genau dieselbe Art von Kreativität hat mich vor einigen Monaten auf die Socials der Musiker aufmerksam gemacht!
Covey hatte ich zuvor zugegebenermaßen nicht auf dem Schirm, auch wenn die Musiker des Folk Rock/Indie bereits seit einiger Zeit bei Rise Records unter Vertrag stehen. So stieß ich durch Zufall via Instagram auf deren äußerst unterhaltsame Videoclips, in denen herkömmliche Spielfiguren zu Monsterfiguren ummodelliert und ihnen mit viel Fantasie jeweils individuelle Backgroundstorys verpasst wurden. Alle Figuren, die in den erzählten Geschichten ausnahmslos tragische Tode erleiden, ergeben in einem Gesamtbild die sogenannte „Class Of Cardinal Sin“ – und damit hätten wir schon mal den Titel des Albums hergeleitet.
Instagram Post
Was das nun für das Album bedeutet, fragt ihr euch? Für mich als Konzeptenthusiastin ziemlich viel, denn mit den vorgestellten Figuren erhält das Album eine vielversprechende Rahmung, die sich eventuell auch auf der Scheibe wiederfinden lässt – aber dazu komme ich jetzt.
Schon aus dem Opener geht hervor, dass Sänger und Songwriter Tom Freeman seine persönlichsten Erlebnisse auf diesem Album verewigt hat. Jeder einzelne Track erzählt eine Geschichte, die als solches von ihm oder Bekannten erlebt worden zu sein scheint. „Cut On The Crease“ ist der erste Song der LP und ist in meinen Augen als Opener gut gewählt, denn er lässt die Hörenden sanft in den Sound des Albums gleiten. Ich erlebe einen gemütlichen, etwas trägen Rhythmus, der mit den schwingenden Gitarren ebenso sehr einen melancholischen Eindruck erweckt, obwohl ich gleichzeitig poppigere Einschläge wahrnehmen kann.
TikTok Video
Dass die Stimme des Frontmanns stellenweise ausbricht, zeigt mir, mit wie vielen Emotionen der Song einhergeht. Das verwundert mich kaum, wo es doch um die zerrüttete Familienvergangenheit Freemans geht. Verkörpert wird der Sänger durch die von ihm selbst geschaffene, katzenähnliche Figur des „Benjamin Bork“. In einem Statement via TikTok zieht der Sänger Parallelen zur Geschichte Benjamin Borks und seiner eigenen Vergangenheit.
„Class Of Cardinal Sin“ geht unter die Haut
„1991“ knüpft inhaltlich direkt daran an. Die Beschreibungen wirken so aufrichtig und ehrlich, dass es mir fast schon unangenehm ist, möglicherweise so viel über die familiären Probleme des Fronters erfahren zu haben.
Das komplette Album ist zweifellos als autobiografischer Output zu verstehen und das bestätigt sich auch in diesem Stück, worin er sich gegenüber seinen Eltern und seiner kleinen Schwester entschuldigt: „I wasn’t an easy child, I was stubborn to the core.“[…] „I’m sorry mom, and I’m sorry dad, I’m sorry Sammy for the distance and the aftermath.“ Auch auf der Klangebene gefällt mir das Zusammenspiel der Gitarren und der leicht rau-hohen Stimmfarbe des Sängers – definitiv handelt es sich um einer der besseren Stücke der Platte.
Die nächsten beiden Songs „Why Am I Alive“ und „Four Dollar Sandwich“ sind sicherlich keine „schlechten“ Tracks, allerdings bringen sie nicht die musikalische Tiefe mit, die ich mir erhofft habe. „Why Am I Alive“ kennt zum Ende hin zwar ein experimentelles Crescendo, aber bis man dort angelangt ist, vergehen 3 Minuten voller sich wiederholender Sequenzen. „Four Dollar Sandwich“ tut’s dem Vorgängersong gleich; beide lassen sich „nebenher“ gut anhören, aber von einem „Mitgerissenwerden“ kann hier wirklich nicht die Rede sein.
„Sam Jam“ fängt eigentlich so an, wie es auch die beiden letzten Songs tun, aber der Track entpuppt sich in zweifacher Hinsicht als Geheimtipp, wenn man ihm die Zeit gibt, um bis zum Mittelteil zu gelangen UND sich das Hintergrundvideo zum Charakter „Sammy Jammy“ anschaut.
Das mache ich nicht oft, aber an dieser Stelle muss ich an unsere lieben Lesenden appellieren: Schaut euch diese bewegende Geschichte zur Verkörperung von Sammy, der Schwester des Sängers, an. Wenn ihr euch in diesem Augenblick gerne leidenschaftlich über etwas aufregen wollt, dann nehmt euch gerne eine schnelle Minute Zeit für diesen Clip:
Instagram Post
Kaum zu glauben, dass diese Geschichte der Schwester des Sängers auf einer wahren Begebenheit beruht. Mit „Sam Jam“ haben Covey einen „Rachesong“ der süßesten Sorte geschaffen, dessen „Jam“-Vibes ab dem Mittelteil so ziemlich jeden Kopf zum Schwingen bringen (versprochen!).
„Point Mutation“ reiht sich in die Liste wiederholender Klänge ein, wie sie mir in „Four Dollar Sandwich“ schon untergekommen sind. Wer auf flottere Folk Rock-Tracks steht, wird damit aber schon auf seine Kosten kommen. Neben „Cut On The Crease“, „1991“ und „Sam Jam“ gehört „Point Mutation“ zu den visualisierten Auskopplungen des Longplayers.
Ein weiterer rührender Track des Albums kommt mit „Crooked Spine“ daher. Von der Message her ein wundervoller, kraftspendender Song, der sich mit den negativen Erlebnissen der an Skoliose erkrankten Sammy befasst. Stilistisch handelt es sich auf jedenfalls um leichtere Kost und fühle mich an die gute alte Zeit mit „Wir sind Helden“ zurückversetzt. „Crooked Spine“ besitzt aufregende Elemente, ruhige, als auch lautstarke, die insgesamt in einem guten Verhältnis eingebracht werden.
Weniger ist manchmal doch eben mehr. Das trifft zumindest auf den Titel „Local Anesthesia“, der sich vollständig von den anderen Liedern unterscheidet. Ich vernehme die Reinheit der Stimme Tom Freemans, die ausschließlich von einer Gitarre begleitet wird. In diesen dreieinhalb Minuten kann ich mir schon etwas mehr vor Augen führen, wie ein Covey-Akustikkonzert wohl erlebt werden muss. „Local Anesthesia“ beweist, dass Freeman mehr in akustischen Gefilden zuhause ist.
Den Abschluss von „Class Of Cardinal Sin“ markieren „Sound Of A Gun“ und „Marzipan Pills“. Ähnlich wie „Four Dollar Sandwich“ und „Point Mutation“ fehlt bei „Sound Of A Gun“ in gleicher Weise die Prise Aufgewecktheit oder eine andere Form der Überzeugungskraft, um sich in meinen Kopf wirklich festsetzen zu können, auch wenn ich darin einen Flair von 70er Jahre Pop erspüre. „Marzipan Pills“ erinnert mich an eine bedachtere Variante von „Sam Jam“. Normalerweise ist gegen einen ruhigeren Abschluss auch nichts einzuwenden, doch sollten „Klangerinnerungen“ entweder eine Ausnahme bleiben oder zumindest beabsichtigt sein, wovon ich an dieser Stelle allerdings nicht ausgehe. Insgesamt ein eher schwaches Finale der LP.
Schwach und enttäuschend ist insbesondere die Tatsache, dass das angedachte Konzept der „Class of Cardinal Sin“ zumindest nur geringfügig im Album seine Anwendung findet. Tatsächlich haben die Künstler von Covey über 20 Figuren und Storylines geschaffen, um daraus das Albumcover der „Schulklasse“ zu schaffen und die detaillierten, ineinander verwobenen Storylines auf die Abonnenten ihrer Socials loszulassen.
Dass sich keine weiteren Zusammenhänge zwischen dem Konzept und dem eigentlichen musikalischen Output feststellen lassen, finde ich schade, aber vielleicht bringen weitere Erklärungen und Musikvideos künftig mehr Licht ins Dunkel.
Foto: Ebru Yildiz / Offizielles Pressebild zu Covey
Fazit
Auch, wenn ich ein großer Fan von den schaurigen Kreaturen der „Class Of Cardinal Sin“ bin, ist die Platte, was den Sound angeht, nicht ganz so stark aufgestellt. Zu oft habe ich die Alleinstellungsmerkmale bzw. -elemente vermisst, die einen Track erst zu DIESEM EINEN Track machen. Freunde des Folk Rock, Indie und New Americana können sich trotzdem in das neueste Studioalbum reinhören. Wer COVEYS Akustikalbum „Tour To Nobody“ kennt und zu schätzen weiß, mag mit dem aktuellen Nachfolger weniger gut bedient sein.

▶Tracklist 10 Songs
- 1Cut Of The Crease
- 21991
- 3Why Am I Alive?
- 4Four Dollar Sandwich
- 5Sam Jam
- 6Point Mutation
- 7Crooked Spine
- 8Local Anesthesia
- 9Sound Of A Gun
- 10Marzipan Pills