
Markus Seibel
Mit „All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“ legt die US-Band Blood Incantation eine Veröffentlichung vor, die sich bewusst den klassischen Erwartungen an Death Metal entzieht und stattdessen in weite, kosmische Klangräume vorstößt.
Schon nach wenigen Momenten wird klar, dass es hier nicht um Riffs, Blastbeats oder gutturale Vocals geht, sondern um Atmosphäre, Spannung und cineastische Dichte. Die Stücke entfalten sich langsam und wirken eher wie Soundlandschaften als wie Songs im traditionellen Sinne. Synthesizerflächen wabern durch den Raum, während sich darunter subtile Strukturen entwickeln, die eher gefühlt als aktiv verfolgt werden. Dabei bleibt die Band ihrer Faszination für das Unbekannte und das Universelle treu.
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Die Musik wirkt wie ein akustischer Blick in die Tiefen des Alls, kühl, distanziert und gleichzeitig seltsam einnehmend. Immer wieder entstehen Momente, in denen sich einzelne Motive herauskristallisieren, nur um kurz darauf wieder im Nebel zu verschwinden. Genau diese Flüchtigkeit macht einen großen Teil der Faszination aus. Der Soundtrack fordert Geduld, belohnt diese aber mit einer intensiven Sogwirkung. Man hört hier keine Songs im klassischen Sinne, sondern erlebt eine Reise.
Diese Reise ist nicht linear, sondern verläuft in Schleifen, Umwegen und Fragmenten. Die Produktion ist dabei bewusst zurückhaltend und setzt auf Raum statt auf Druck. Dadurch entsteht eine fast meditative Wirkung, die sich erst nach und nach entfaltet. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine Seite der Band, die zwar bereits angedeutet wurde, hier aber in voller Konsequenz ausgelebt wird.
Kosmischer Kontrollverlust
Die Verbindung zum filmischen Kontext ist jederzeit spürbar und verleiht dem Album eine zusätzliche Ebene, die über reines Musikhören hinausgeht. Die Stücke funktionieren wie Kapitel einer visuellen Erzählung, auch wenn die Bilder zunächst nur im Kopf entstehen. Dabei zeigt sich ein feines Gespür für Dramaturgie und Timing. Spannungsbögen werden nicht durch Lautstärke oder Tempo erzeugt, sondern durch Verdichtung und Auflösung von Klang. Gerade in den ruhigeren Passagen entfaltet sich eine enorme Intensität, die fast greifbar wird.
Die Einflüsse elektronischer Pioniere sind deutlich hörbar, ohne dabei in bloße Referenz zu kippen. Stattdessen integriert die Band diese Elemente organisch in ihren eigenen Kosmos. Besonders spannend ist die Art, wie analoge und digitale Klänge miteinander verschmelzen. Es entsteht ein Sound, der gleichzeitig retro und futuristisch wirkt. Diese Dualität zieht sich durch das gesamte Werk und sorgt für eine konstante Spannung. Auch die Länge der Stücke trägt dazu bei, dass sich die Musik entfalten kann.
Nichts wirkt überhastet oder auf den Punkt gezwungen. Vielmehr nimmt sich das Album die Freiheit, Ideen auszukosten und auszudehnen. Dadurch entsteht ein fast hypnotischer Flow, der sich über die gesamte Laufzeit hinweg trägt. Man merkt deutlich, dass hier nicht für den schnellen Konsum produziert wird. Stattdessen fordert die Musik Aufmerksamkeit und Hingabe.
Soundtrack statt Death Metal
Die begleitende Dokumentation erweitert das Gesamtprojekt um eine sehr greifbare, menschliche Komponente. Sie entsteht unter der Regie von Niklas Tschaikowsky und Tammo Dehn und zeigt die Band bei der Arbeit in den legendären Hansa Tonstudios. Sie gibt Einblicke in einen kreativen Prozess, der oft im Verborgenen bleibt. Besonders die Atmosphäre dieses Studios verleiht dem Ganzen eine zusätzliche historische und emotionale Tiefe. Man spürt, dass dieser Ort Einfluss auf die Musik hat.
Die Kamera bleibt dabei nah an den Musikern und fängt auch unscheinbare Momente ein. Es sind gerade diese kleinen Szenen, die ein authentisches Bild entstehen lassen. Gastauftritte von Mitgliedern von Tangerine Dream, Hällas und Sijjin wirken nicht wie bloße Features, sondern wie echte Begegnungen auf Augenhöhe. Es entsteht ein Gefühl von künstlerischem Austausch, das sich auch im Sound widerspiegelt.
Die Dokumentation vermeidet bewusst jede Form von Pathos oder Überinszenierung. Stattdessen setzt sie auf Beobachtung und lässt die Bilder für sich sprechen. Das passt gut zur Musik, die ebenfalls mehr andeutet als erklärt. Zusammen ergibt sich ein Gesamtwerk, das sowohl auditiv als auch visuell funktioniert. Diese Verzahnung macht „All Gates Open“ zu mehr als nur einem Album.
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Dieser Soundtrack will nichts von dir - außer Zeit
Am Ende steht ein Release, das bewusst aneckt und sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Blood Incantation zeigen hier Mut zur Reduktion und zur Expansion zugleich. Sie entfernen sich vom Erwartbaren und öffnen stattdessen neue Räume. Das wird nicht jedem gefallen, und genau darin liegt auch die Stärke dieses Albums. Es ist kein Werk für nebenbei, sondern verlangt aktive Auseinandersetzung.
Wer klassische Death-Metal-Strukturen sucht, wird hier kaum fündig. Wer jedoch offen für experimentelle Klangwelten ist, entdeckt ein faszinierendes und vielschichtiges Werk. Die Band beweist, dass sie sich nicht auf ihren bisherigen Erfolgen ausruht, sondern konsequent neue Wege geht. Dabei bleibt sie ihrer ästhetischen Vision treu. „All Gates Open“ wirkt wie ein Bindeglied zwischen Musik, Film und Kunstinstallation. Diese Offenheit macht das Album gleichermaßen herausfordernd und reizvoll.
Es ist ein Werk, das sich mit jedem Durchgang weiter entfaltet. Gerade in seiner Unnahbarkeit liegt ein besonderer Reiz. Es fordert Aufmerksamkeit, belohnt aber mit Tiefe und Atmosphäre.
Fazit
„All Gates Open“ ist kein klassischer Release, sondern ein ambitioniertes Gesamtkunstwerk, das die Grenzen von Metal, Ambient und Filmmusik auslotet. Blood Incantation liefern hier kein leicht konsumierbares Album, sondern eine dichte, fordernde Erfahrung, die Zeit und Offenheit verlangt. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer einzigartigen Mischung aus kosmischer Weite, cineastischer Spannung und künstlerischem Anspruch belohnt.

▶Tracklist 4 Songs
- 1Balance
- 2Flight
- 3Dawn
- 4Rain