
Dana Chojetzki
Bevor die Black Veil Brides-Army zu einem globalen Phänomen wurde, existierte die Band nur als düsterer Entwurf im Kopf eines Einzelgängers aus Cincinnati. Andy Biersack, geprägt von einer tiefen Faszination für das Phantom der Oper, KISS und die Misfits, kanalisierte seine katholische Erziehung und seine Liebe zu cineastischen Monstern in eine musikalische Vision für alle Außenseiter. Heute, sieben Alben später, steht die Formation um Biersack, Jake Pitts, Jinxx, Christian „CC“ Coma und Lonny Eagleton an einem Punkt maximaler künstlerischer Freiheit. Mit „Vindicate“ (VÖ: 08.05.2026) liefern sie ihr bisher instinktivstes Werk ab - produziert in Eigenregie von Pitts und Biersack, veredelt durch den Mix von Zakk Cervini.
Das Album im Track-by-Track-Check
Die Reise beginnt mit „Invocation To The Muse“. Ein sakrales Orgel-Intro hüllt den Hörer in eine düstere, beinahe greifbare Atmosphäre, bevor die Musik verstummt und einer eindringlichen Sprechstimme Platz macht. Dieser hörbuchartige Einstieg setzt den narrativen Rahmen und erzeugt eine Spannung, die sich im Titeltrack „Vindicate“ furios entlädt. Hier verschmelzen moderner Metal und theatralischer Hard Rock zu einer Einheit. Zwischen aggressiven Strophen und einem gewaltigen Refrain zelebriert die Band die thematische Selbstbehauptung: Es geht um den Prozess, sich aus den Trümmern der Vergangenheit zu erheben.
Diesen Faden greift „Certainty“ auf, ein Song, der sich klanglich zwischen Metalcore und Alternative Rock bewegt. Biersack hinterfragt hier lyrisch die Gefahr starrer Glaubenssysteme, während das Instrumental geschickt zwischen Melancholie und roher Druckwelle pendelt.
Gesellschaft, Emotion, Befreiungsschlag
Mit „Bleeders“ folgt eine cineastische Hymne mit deutlichem Gothic-Einschlag. Der Track ist eine Ode an all jene, die sich von der Gesellschaft aufgerieben fühlen, und dürfte sich mit seinem packenden Mitsing-Refrain schnell zum Live-Favoriten entwickeln. Ähnlich hymnisch präsentiert sich „Hallelujah“, das den Titel jedoch nicht religiös, sondern als Symbol für einen emotionalen Befreiungsschlag nutzt.
Ein absolutes Highlight der Platte ist „Cut“, ein Duett mit Lilith Czar. Die Chemie zwischen Biersacks rauer Bariton-Stimme und dem glasklaren Gesang seiner Ehefrau sorgt für Gänsehaut-Momente. Der Track baut sich von sanften Streichern zu einer Arena-tauglichen Rock-Hymne auf und beweist ein Gespür für ganz großes Melodien-Kino.
Black Veil Brides holen sich Unterstützung von Machine-Head
Wer es jedoch härter mag, wird mit „Alive“ bedient. Von der ersten Sekunde an dominieren messerscharfe Riffs und brachiale Screams das Geschehen - ein Track, der förmlich nach Moshpits schreit, bevor er in isolierten, markanten Shouts endet.
Nach der dramatischen Instrumental-Pause „Purgatory (Overture IV)“, die sich nahtlos in das düstere Gesamtbild einfügt, ziehen Black Veil Brides das Tempo wieder an. „Revenger“ glänzt durch die Unterstützung von Machine-Head-Legende Robb Flynn, dessen harten Vocals perfekt mit der Dynamik der Band harmonieren. Es folgt „Sorrow“, ein experimentellerer Song, der sich in einem massiven Breakdown entlädt, in dem Biersack stimmlich bis an die Grenzen geht.
Ein magischer Abschluss
Kurz vor dem Finale gewährt das kurze Interlude „Grace“ einen Moment zum Durchatmen, bevor „AveMaria“ den Hörer mit voller Wucht trifft. Der Song ist ein technisches Kraftpaket voller Hochgeschwindigkeits-Drums und virtuoser Gitarrensoli - Metal-Fans werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Mit „Woe & Pain“ kehrt die Band zu einer gewissen Epik zurück, die durch einen markanten Spoken-Word-Part zusätzliche Tiefe gewinnt. Den Abschluss bildet das knapp zweiminütige „Eschaton“. Getragen von Klavier und Streichern, entlässt dieser emotionale Ausklang den Hörer mit einer fast magischen Ruhe aus der Welt von „Vindicate“.
Fazit
Black Veil Brides beweisen mit „Vindicate“, dass sie Meister der Inszenierung sind. Auch wenn sich manche Songstrukturen im Mittelteil ähneln, überzeugt das Album durchaus. Es ist ein kraftvolles Statement einer Band, die ihre kreative Kontrolle nutzt, um für die „Isolierten und Abgewiesenen“ eine neue, lautstarke Heimat zu schaffen.

▶Tracklist 14 Songs
- 1Invocation To The Muse
- 2Vindicate
- 3Certainty
- 4Bleeders
- 5Hallelujah
- 6Cut (feat. Lilith Czar)
- 7Alive
- 8Purgatory
- 9Revenger (feat. Machine Head)
- 10Sorrow
- 11Grace
- 12Ave Maria
- 13Woe & Pain
- 14Eschaton