
Tobias Tißen
„Above Chaos“, die neue Platte von Bird’s View, wird gerade mit den allergrößten Worten angepriesen. Bird’s View sei eine der „spannendsten deutschen Alt-Rock-Bands“ und die „Stimme einer Generation, die sich nach echter, unverfälschter Musik sehnt“.
„Above Chaos“ soll dazu roher, direkter und emotionaler sein als alles, was die Hessen bisher veröffentlicht haben. Joa, klingt alles erst mal richtig geil. Aber halt auch nach dem typischen Promo-Geblubber.
Können Bird’s View die großen Versprechen halten?
Große Gesten, große Vorbilder
Tatsächlich ist das musikalische Niveau auf „Above Chaos“ fast durchgängig hoch: Bird’s View klingen nie wie eine aufstrebende Band aus einer deutschen Kleinstadt, sondern bereit für die großen Bühnen.
Im Vergleich zu „Red Light Habits“ (2023) und „House of Commando“ (2024) hat das Quartett hörbar am eigenen Sound gefeilt, ihn (noch) stärker in Richtung 1990er/2000er-Alternative-Rock zugespitzt. Die Produktion ist klar, druckvoll und modern, ohne komplett glattgebügelt zu wirken.
Der Titeltrack marschiert mit breiter Brust voran: Das Schlagzeug sitzt weit vorne, die Gitarren drücken nach vorne, dahinter wabern sphärische Synthesizer. Die Foo Fighters stehen dabei ziemlich offensichtlich Pate.
„Blinding Buzz“ startet punkig, nimmt dann Tempo raus, baut neu auf und öffnet sich in einen großen, sehr eingängigen Midtempo-Refrain. Das ist sehr dynamisch, aber vor allem auch roher und weniger pathetisch als der Opener.
Von Dave Grohl zu Josh Homme
„Better Off“ funktioniert über einen anderen Ansatz. Der Song baut sich langsam auf, bleibt zunächst zurückhaltend und kippt dann in einen hymnischen Refrain, der wieder stark nach späten 90ern und frühen 2000ern riecht. Post-Grunge, Alternative Rock, viel Foo Fighters, ein bisschen Jimmy Eat World. Nicht neu, nicht innovativ, aber ziemlich treffsicher umgesetzt.
Mit „Shadows“ folgt der wuchtigste und gerade deshalb einer der stärksten Momente der Platte. Midtempo, fast schleppend. Schwer, fast düster. Zum x-ten Mal grüßen hier die Foo Fighters, gleichzeitig schimmert aber auch immer wieder ein Queens-Of-The-Stone-Age-Vibe durch.
„Ways To Fail“ ist wieder etwas schneller unterwegs als „Shadows“, bewegt sich aber im mittlerweile bewährten 90s/00s-Alternative-Fahrwasser. Reduzierte Strophe, anschwellende Bridge, Entladung im Chorus. Das ist gut gebaut, funktioniert – überrascht aber auch nicht. Und erneut steht Dave Grohl im Türrahmen und zwinkert uns zu. Ganz ähnlich verhält es sich mit „In Between“ und „Hallway Eyes“.
Mehr Mut zur Eigenständigkeit, bitte!
Im weiteren Verlauf der zweiten Hälfte wird dann endgültig klar: Bird’s View sind immer dann am besten, wenn sie aus ihrem Schema ausbrechen und aus dem mit namhaften Einflüssen prallgefüllten Sack etwas ganz eigenes rauspurzelt. Beste Beispiele dafür sind „Colors of a Day“ sowie die abschließenden Tracks „Selling A Hand“ und „Chaos B.C.“.
„Colors of a Day“ weckt zwar ebenfalls direkt Erinnerungen an Musikerkollegen – jedoch an welche aus dem beschaulichen Münsterland und nicht aus Seattle oder Los Angeles. Der Refrain des klaren Punkrock-Tracks könnte so direkt auf einer Donots-Platte stehen. Unmittelbar, eingängig und voller Selbstbewusstsein nach vorn gerotzt.
„Selling A Hand“ besticht durch große Dynamik und überzeugt vor allem im Spannungsfeld zwischen zerbrechlicher, emotional aufgeladener Strophe und kathartischen Ausbrüchen im Refrain – großartig herausgeschrien von Frontmann Niko.
Und auch „Chaos B.C.“ entpuppt sich genau deshalb als ein Highlight der Platte, weil es sich vom Rest abhebt. Schneller und direkter als die meisten vorangegangenen Songs rollt der Closer fast schon in Skatepunk-Sphären. Das kanalisiert Abschluss noch einmal Energie und entlässt uns so mit einem euphorischen Gefühl.
Fazit
„Above Chaos“ ist ein gut geschriebenes und sehr zugängliches Alternative-Rock-Album, bei dem klar ist, wer Pate stand: An erster Stelle die Foo Fighters, dazu Queens Of The Stone Age, The Smashing Pumpkins, 90s-Alternative und immer wieder ein Hauch 00er-Post-Grunge. Leider machen es sich die Hessen im Schoß ihrer Vorbilder etwas zu bequem, weshalb „Above Chaos“ immer dann am besten ist, wenn Bird’s View sich aus der Komfortzone heraustrauen: Wenn plötzlich euphorischer Skatepunk durchblitzt, wenn es mal schwer und schleppend wird.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Above Chaos
- 2Blinding Buzz
- 3Better Off
- 4Shadows
- 5Ways To Fail
- 6No Name Rooms
- 7In Between
- 8Colors Of A Day
- 9Hallway Eyes
- 10Otro Dia
- 11Selling A Hand
- 12Chaos B.C.