
Musiker durch und durch. Ein Leben ohne Mucke machen, hören und live erleben, gibt es für Malin nicht. Dementsprechend ist Musik auch Malins Lieblings-Gesprächsthema. Und damit er seinem Umfeld damit nicht zu sehr auf die Nerven geht, schreibt er einfach für MoreCore. Die neuesten Alben von altbekannten und gefeierten Artists, vom Underdog aus dem Nischengenre, von lokalen Konzerten oder den großen Festivals – you name it – Malin wird euch etwas dazu erzählen. Als Schlagzeuger, Musiklehrer und Student der sozialen Arbeit findet er, dass man Musik und Menschen nicht trennen kann oder sollte, denn nichts macht Musik schöner, als die Gemeinschaft und das Miteinander. Wenn er euch nicht gerade von seiner Plattensammlung berichtet, probt und schreibt er wahrscheinlich mit seiner Band Small Strides, stopft sich den Bauch mit Guacamole voll oder steht am Fenster und beobachtet die Hunde in der Nachbarschaft.
Lasst mich euch eine kurze Geschichte von den beiden Barden Darius Lohmüller und Jakob Walheim erzählen. Die beiden einstigen Emo-Saitenzupfer waren vor kurzem für einen Tag in einem wunderschönen Paralleluniversum unterwegs. Tatsächlich ist dort eigentlich alles genauso wie hier – nur haben sie dort Sachen erlebt, die sie hier nicht erleben würden. So schnell würden sie nämlich nicht in den Genuss kommen, eine Runde Mario Kart mit Weezer zu zocken, mit Dua Lipa zur Step Aerobic-Stunde zu gehen oder mit Jacob Collier durch den Trampolinpark zu hüpfen. Nach diesem aufregenden Tag wollten sich die beiden eigentlich nur auf ihr Hotelzimmer zurückziehen, als es plötzlich an der Tür klopfte.
Natürlich handelte es sich bei jenem Störenfried um Robbie Williams, der Darius und Jakob noch auf ein Bier mit Paul McCartney, Stevie Wonder, Madonna und vielen mehr einlud. Einige Kleinhirntrompeten später brach schließlich eine Diskussion aus, bei wem es sich denn eigentlich um den letztendlichen “Rock ’n‘ Roll Saviour” handle. An den Rest können sich unsere Helden nicht mehr erinnern, denn schon wachten sie mit dickem Schädel in der same old Kölner WG wie sonst auch immer auf. Da hilft nur eins: Die Kotze vom Bettrand wischen, alle Eindrücke des gestrigen Tages im Studio festhalten und dabei weiter darüber philosophieren, was es denn mit dem “Rock ’n‘ Roll Saviour” nun auf sich hat.
The Deadnotes werfen Konventionen über Bord
Plötzlich waren The Deadnotes wieder The Deadnotes. In einer Welt, in der man gezwungen ist, seinen vorbestimmten Platz zu finden, obwohl dieser eigentlich jeden Tag ein anderer sein könnte. Aufmerksamen Leser:innen ist bestimmt aufgefallen, dass meine eingangs erzählte Geschichte ausgedacht ist. Und doch fasst sie zumindest für mich die Essenz von “Rock ’n‘ Roll Saviour” besser zusammen, als es ein paar leere Phrasen aus dem Musikkritik 101 jemals könnten. Retrospektiv gesehen könnte man “Forever Outsider” (2023) als letzte Warnung der aus Freiburg stammenden Band verstehen. So haben sie groß und breit angekündigt, dass sie sich von nun an alles erlauben werden.
Dass sich die einstigen Emo-Lieblinge irgendwann zwischen den Bleachers, Tom Petty und Huey Lewis & the News wiederfinden, hätte vor einigen Jahren wahrscheinlich noch niemand auf der Bingokarte stehen gehabt. Und doch pendeln The Deadnotes selbstsicher zwischen preschenden Heartland Rock-Nummern (“American Sightseer”), Ausflügen in groovige Disco/Funk-Gefilde (“Show Me What Love Is”) und emotionalen Pop-Rock-Momenten (“The Soundtrack Of Our Lives”), als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Ihre Ausuferungen unterstützen sie durch die reichhaltigen Arrangements, in denen sich Bläser, Strings, Percussions und Synths rumtummeln und gegenseitig den Ball zuspielen.
Der Inbegriff von Rock’n’Roll?
Eine beeindruckende Gratwanderung, die The Deadnotes gelingt, ist, dass sie trotz ihrer hohen Musikalität nicht wie eine reine Akademiker-Band klingen. Die gewisse Nahbarkeit, die kleinen Unperfektheiten und der Punk haben auf “Rock’n’Roll Saviour” genauso einen Platz wie Big Band-taugliche Licks und fortgeschrittene Harmonielehre abseits des Quintenzirkels. All das ergibt irgendwo ihre persönliche Auffassung von Rock’n’Roll, die sich auch über die Lyrics transportiert. So dienen ihre Geschichten über vergangene Liebe, Suchtprobleme und Selbstfindung als Katalysatoren für einen langen Weg der Besserung, der ohne die Kraft der Musik ein ganzes Stück steiniger ausfallen würde.
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Noch nie hat es sich so falsch angefühlt, eine Platte bewerten zu müssen. Wie sehr man mit “Rock ’n‘ Roll Saviour” warm wird, fällt so viel nuancierter aus als bei jedem anderen Album. Während man sonst anhand eines Grundsounds schon feststellen kann, ob man an etwas Gefallen findet, wird man von The Deadnotes schon mit so vielen musikalischen Impulsen bombardiert, dass diese so oder so irgendwo ins Schwarze treffen. Die Kehrseite erklärt sich fast schon von selbst, ist aber in diesem Fall mehr denn je zu vernachlässigen. Denn mal wieder darf man den Freiburgern bei ihrer bunten Entdeckungsreise zusehen und bekommt dabei Hits serviert, die uns – so cringy das klingt – ein Stück weit daran erinnern, was Rock’n’Roll eigentlich bedeuten sollte.
Foto: Paul Ambrusch / Offizielles Pressebild
Fazit
Fans erster Stunde und Verehrer:innen ihres Geniestreichs “Courage” (2020) werden hier zu Teilen nicht mehr andocken können. Aber niemand wird einen triftigen Grund haben, den dritten Streich von The Deadnotes zu haten. Zum einen, weil ich euch das höchstpersönlich verbiete, zum anderen weil Darius und Jakob sowieso schon einen regelrechten Breakdance auf den Nasen derjenigen hinlegen, deren Musikbild zu engstirnig für ihre Vision ist. Alleine aufgrund dieser Tatsache hat das Duo schon jede 10 von 10 der Welt verdient - ungeachtet meiner persönlichen Wertung.

▶Tracklist 10 Songs
- 1December 31st
- 2Jesus Christ! (I'm Sick And Tired Of Falling In Love)
- 3American Sightseer
- 4Show Me What Love Is
- 5The Soundtrack Of Our Lives
- 6Jolene (I'm In Love With A Superstar)
- 7Dumb Style
- 8Marlboro Man
- 9Reservoir
- 10Texas On My Mind
