
Mauritz Hagemann
Das zweite Album wird für viele Bands bekanntlich zur echten Reifeprüfung – vor allem wenn das Debüt allgemein wohlwollend aufgenommen wurde. Schließlich werden Anfängerfehler nicht mehr so schnell verziehen und die gewachsene Fanbase erwartet eine Steigerung. Gleichzeitig fehlt oft die nötige Ruhe, die Bands beim Debütalbum ganz ohne Erwartungshaltung noch hatten. Keine ganz einfachen Voraussetzungen. Doch Holding Absence meisterten diese 2021 mit „The Greatest Mistake Of My Life“ – dem Nachfolger der Debütalbums “Holding Absence” ohne Probleme. Vielmehr wurde TGMOML zu einem weltweit beachteten und hochgelobten Erfolg für die Band.
Die Erwartungshaltung steigt bei Holding Absence
So weit, so gut. Doch nach zahlreichen Shows und Festivals in den letzten beiden Jahren ist die Fanbase bei Holding Absence erneut enorm gewachsen. Die erwähnten ambitionierten Reisepläne der beiden letzten Jahre dürften die für Songwriting zur Verfügung stehende Zeit ebenfalls in engen Grenzen gehalten haben. Und dann noch die Erwartungshaltung, dass Album Nr.3 „The Noble Art Of Self Destruction“ noch einmal besser wird als sein Vorgänger. Holding Absence sind zwei Jahre weiter, aber die Herausforderungen sind nicht geringer geworden.
Während „False Dawn“ und „Crooked Melody“ noch eine ähnliche und vertraute Richtung gehen, sieht es bei „Scissors“ und „Honey Moon“ schon etwas anders aus. Die beiden Songs sind – wenn man es so ausdrücken möchte – wohl die extremsten Tracks auf „The Noble Art Of Self Destruction“. Während es in „Scissors“ so hart zur Sache geht wie bei Holding Absence schon lange nicht mehr, ist „Honey Moon“ das komplette Gegenteil. Ein klassischer Love Song, der sicher Ohrwurmpotential hat und seine Fans finden wird. Doch letztlich plätschert der Songs doch etwas zu sehr daher. Ein paar mehr Ecken und Kanten tun Holding Absence da schon ganz gut.
Jeder Song ist gut, aber nicht jeder ein Ohrwurm
Besonders interessant sind auch die Songs, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Und das sind immerhin noch ganze fünf. Eines vorweg: Keiner dieser Track hat es verdient, nicht gehört zu werden. So können wir als Zwischenfazit in jedem Fall festhalten, dass es Holding Absence auch mit „The Noble Art Of Self Destruction“ gelungen ist, ein in sich funktionierendes Album auf durchweg hohem Niveau zu produzieren.
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Zur Wahrheit gehört dann aber, dass auch in der zweiten Albumhälfte nicht jeder Song sofort zündet und zum Ohrwurm wird. „Death, Nonetheless“ hat insgesamt einen ansprechenden und erfrischenden Vibe, „Her Wings“ bleibt hingegen zu sehr in guten Ansätzen stecken. Vielleicht hätte dem ein oder anderen Song ein bisschen mehr Ruhe und Zeit im Songwriting-Prozess gut getan. Vielleicht sind die Songs aber auch genau so gewollt und aus Sicht der Band eine konsequente Weiterentwicklung. Mit „The Angel In The Marble“ gibt es zum Ende des Albums noch eine Michelangelo-Referenz und die Erkenntnis, dass auch etwas Gutes manchmal kaputt gehen muss, damit Neues entstehen kann. Mit sechs Minuten ist der Track natürlich auch keine ganz leichte Kost. Aber dass Holding Absence es auch etwas progressiver können, wissen wir seit Songs wie „Wilt“.
Die Reifeprüfung erfolgreich bestanden
Das Ende der Album-Trilogie ist ganz sicher nicht das Ende das Ende der Erfolgsgeschichte Holding Absence. Dafür ist mit „The Noble Art Of Self Destruction“ auch Album Nummer drei in so vielen Bereichen zu gut gelungen. Und doch – wenn man die Songs mit denen des 2021er-Erfolgsalbums „The Greatest Mistake Of My Life“ vergleicht, dann fehlt hier und da doch das gewisse Etwas. Seien es die Hooklines, sei es der Gesamtmix. Vielleicht ist „The Noble Art Of Self Destruction“ stellenweise etwas glatt geschliffen. Holding Absence können in Zukunft gerne wieder etwas rabiater zur Sache gehen. Denn auch wenn dabei etwas kaputt gehen sollte, wird sicher etwas Schönes Neues entstehen.
Foto: Bethan Miller / Offizielles Pressebild
Fazit
Nach „Holding Absence“ (2019) und "The Greatest Mistakes Of My Life" (2021) gibt es nun pünktlich zwei Jahre später den Abschluss einer Album-Trilogie, die Holding Absence weit nach vorne im Ranking der besten Post Hardcore-Acts unseres Planeten katapultiert haben. Aber – auch das zeigt "The Noble Art Of Self Destruction" – die wilde Reise hat Spuren hinterlassen. Die Band ist reifer geworden. Das ist in Sachen Gesang und Lyrics erstmal ein gutes Zeichen. Was den Mix und das Songwriting angeht, überwiegt zwar auch das Gute. Ein bisschen mehr jugendliche Experimentierfreunde hätte dem Album aber gut getan

▶Tracklist 10 Songs
- 1Head Prison Blues
- 2A Crooked Melody
- 3False Down
- 4Scissors
- 5Honey Moon
- 6Death Nonetheless
- 7Her Wings
- 8These New Dreams
- 9Liminal
- 10The Angel In The Marble

