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Nothing But Thieves-Sänger Conor Mason im Interview: „Ich denke, ich bin in gewisser Weise von Rockmusik gelangweilt“

Der Sänger über musikalische Einflüsse, seine persönlichen Lieblingssongs und die guten Seiten des Lockdowns.

VON AM 12/10/2020

Zum Release ihres dritten Albums „Moral Panic“, ließen wir uns die Möglichkeit nicht entgehen, um Conor Mason, Frontmann der britischen Band Nothing But Thieves ein paar Antworten zur neuen Platte „Moral Panic“ zu entlocken und nachzufragen, was den sympathischen Sänger in letzter Zeit eigentlich noch so umgetrieben hat.

Nothing But Thieves-Sänger Conor Mason im Interview

Kathrin | MC: Euer Stil ist ja bekanntlich immer für Überraschungen gut und euer neues Album, steht dem in nichts nach. Beim Durchhören ist mir aufgefallen, dass ihr euch diesmal auch vielen verschiedenen Genres bedient, vom Klavier über einen „Rap Part“ bis zum Drum and Bass. Habt ihr das von vorne herein darauf angelegt, war das alles Absicht oder hat sich das einfach ergeben?

Conor: Ja und nein, beides. Natürlich ist es Absicht wenn man Musik schreibt aber in gewisser Weise ist es das auch nicht, denn ich habe einfach einen sehr eklektischen Musikgeschmack. Heutzutage hören die Leute alles/etwas?. Rock, Rap, Klassik, Dancemusic, Hip Hop, R`n`B und Pop und dann kommt es einfach aus dir raus. In Bezug auf Melodic und Melodie es aber wirklich Absicht. Im Nachhinein ergibt alles einen Sinn für mich.

Kathrin | MC: Wie genau meinst du das?

Conor: Als wir in Australien waren sagte Dom zu mir: „Kumpel, ich denke diese Melodie wird ziemlich schlecht. Ich denke wir müssen kreativer sein.“ In dem Moment war ich ziemlich beleidigt. Aber weißt du was? Er hatte absolut recht. Daraufhin begann ich sowas wie ein „Studyfest“ und studierte intensiv all die Musik dich ich mag und die ich wirklich interessant finde, von David Bowie bis Frank Ocean.

Ich bin ein großer Hip Hop und R`n`B Fan und das ist es, was all dieses Songwriting wirklich interessant macht. Und es hat mein Gehirn musikalisch und kreativ verändert. Vor allem in Bezug auf Rhythmus, Reime und den Aufnahmeprozess, mit denen ich mich vorher noch nie so richtig beschäftigt habe.

Kathrin | MC: Das neue Album ist also vor allem vom Hip Hop geprägt?

Conor: Nothing But Thieves ist massiv vom Hip Hop beeinflusst und Dom geht es genauso. Er ist eigentlich ein Hip Hop und Pop Produzent, er spielt auch in Bands, aber auch er gab zu, dass sein Gehirn neu verkabelt wurde. Wo er doch immer auf der Suche ist, nach dem neuesten Sound und der neuesten Art, wie man etwas macht.

Ich glaube mit diesem dritten Album sieht man wirklich die Einflüsse außerhalb des alternativen Genres. Rock war immer sehr präsent und diesmal ist es sehr viel von Hip Hop und Pop beeinflusst und ich liebe das.

Ich denke, ich bin in gewisser Weise von Rock-Musik gelangweilt, ich meine Rock zu machen und die Art einen Song zu schreiben. Ich liebe die Tatsache, dass wir regelmäßig Genres durchbrechen und uns deshalb keine Gedanken um sowas machen müssen, das ist cool.

Kathrin | MC: Ihr steckt so viel Kreativität in eure Songs, gibt es einen Song der dir besonders viel bedeutet?

Conor: Ich liebe sie alle, einfach weil wir so viel Zeit in jeden einzelnen Song gesteckt haben um ihm eine Seele und Leben zu geben und deshalb liebe ich sie alle aus unterschiedlichen Gründen. Das ist, wie wenn man Kinder hat.

Aber ich würde sagen es gibt zwei Songs auf die ich am meisten stolz bin und das aus zwei unterschiedlichen Gründen. Den einen schaffe ich mal direkt aus dem Weg, weil ich denke er ist der beste Rocksong den wir jemals geschrieben haben und wenn ihn jemand anders geschrieben hätte, dann hätte ich gesagt, der ist verdammt großartig. Der Song heißt „Individual“ und ist absolut verrückt. Seine Range reicht von den Queens of the Stone Age trifft Rage Against the Machine bis zu Jeff Buckley und ich lieben diesen Song einfach so sehr. Das klingt wirklich traurig, aber ich ich höre ihn selbst ziemlich oft.

Der andere Song heißt „Free if we want it.“ Ich denke einfach, dieser ist einer meiner liebsten Songs die wir als Band je geschrieben haben. Ich liebe diesen Song einfach. Ich bin auch sehr stolz auf den Song, besonders weil, als wir ihn aufgenommen haben, ich gar nicht realisiert habe, dass ich mich zu dem Zeitpunkt an einer komplexen Stelle in meinem persönlichen Leben befunden habe. Ich musste diese Emotionen und den ganzen Stress und die Traurigkeit loswerden. Nach den Aufnahmen merkte ich, dass ich darüber hinwegkommen muss und damit klarkommen muss und zuletzt dachte ich, es ist ein guter Zeitpunkt den Song zu veröffentlichen.

Kathrin | MC: Der Song hat dir geholfen, Gefühle zu verarbeiten?

Conor: Während der Aufnahmen des ganzen Albums und speziell während der Aufnahmen des Songs „Free if we want it“ habe ich alles da reingesteckt. Ich habe wirklich von einem Platz aus meiner rohen Seele gesungen mit all den Emotionen in mir. Es geht mir wirklich nahe. Wenn ich mir das jetzt anhöre, finde ich es irgendwie seltsam. Ich fühle mich, als würde ich jemand anderem zuhören, was wirklich komisch ist. Sowas habe ich vorher noch nie gefühlt. Es fühlt sich an, als würde ich der Seele eines anderes zuhören und darüber bin ich stolz, weil ich dadurch selbst so sehr damit verbunden bin. Und ich hoffe wirklich, dass auch andere damit connecten können.

Kathrin | MC: Ein anderer Song mit dem sich bestimmt viele Fans identifizieren können ist „Real Lovesong“ Ihr habt noch zwei alternative Versionen zum Original veröffentlicht, was genau hatte es damit auf sich?

Connor: Die zwei alternativen Versionen haben wir während des Lockdowns aufgenommen, das war was ganz neues. Das war einfach nur dafür, um kreativ zu sein und weil uns langweilig war und weil wir es nicht live spielen konnten. Ich habe mein Kit und Setup und Dom hat seines zuhause. Als wir im kompletten Lockdown waren, haben wir uns gegenseitig Files zugesandt. Das war einfach nur zum Spaß. Die Orchester-Version ist auch noch nicht so lange her. Das haben wir für unsere Fans gemacht und uns zu beschäftigen und kreativ sein zu können. Außerdem wollte ich wirklich gerne eine Orchester-Version des Songs. Wir haben damals auch eine Version unseres Songs „Amsterdam“ gemacht.

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Kathrin | MC: In euren Songs adressiert ihr Mental Health, Emotionen und häufiger auch Einsamkeit. Viele Leute fühlen sich gerade in der aktuellen Situation und wegen der ungewöhnlichen Umstände allein. Geht es euch aktuell ähnlich?

Connor: Ich denke bei mir liegt das irgendwo dazwischen. Ich habe den Lockdown damit verbraucht mich wirklich auf das Gegenteil zu fokussieren. Ich möchte einfach komplett glücklich sein mit gar nichts. Für mich war das die perfekte Zeit, um all die störenden Dinge loszuwerden, die dein Leben einnehmen. Schlechte Beziehungen oder schlechte Freundschaften oder alles was du kaufst und isst, trinkst, Drogen, einfach alles. Aber trotzdem, am Ende des Tages müssen wir mit etwas klarkommen, dass wir alle noch nicht kennen und womit wir keine Erfahrungen haben und das ist immer schwierig.

Ich habe viel mit meiner Familie und Freunden gesprochen, aber ich wollte die Isolation auch wirklich isoliert verbringen. Ich war wirklich glücklich mit wenig. Ich denke aus diesem, irgendwie stoischem Lifestyle und dem „Nichts“, fühlte ich mich so in Frieden. Ich brauchte nichts und ich wollte auch gar nichts und das machte mich auf eine Art sogar noch kreativer. Vielleicht auch irgendwie natürlicher. Ich glaube ich habe genau über dieses Gefühl auch viel geschrieben.

Kathrin | MC: Das klingt so, als hättest du deine Art zu leben, infrage gestellt. Was konntest du denn für dich persönlich aus dieser Zeit mitnehmen?

Conor: Es gibt einfach auch eine andere Art zu leben, als nur durch Gier und einem wachsenden Ego und immer etwas zu wollen. Je weniger du brauchst um so glücklicher bist du, denn alles was du dazu bekommst ist ein Zusatz oben drauf und ich glaube, dass das für mich persönlich, in den letzten sechs bis sieben Monaten, wirklich kraftvoll war.

Ich habe das auch von anderen Leuten gehört. Sie mussten lernen, mit dem was sie hatten, glücklich mit sich selbst zu sein und konnten das reflektieren. Also ich glaube der Lockdown war für manche Menschen in gewisser Weise gut, um für sich selbst herauszufinden, was ihnen wirklich wichtig ist. Und was wirklich wichtig ist, sind die Entscheidungen die du triffst. Ob das Selbstliebe oder die Liebe Gegenüber deiner Familie, deinen Freunden oder deiner Partnerin oder deinem Partner ist, es kann alles Mögliche sein. Es geht eigentlich nur darum, was einem wirklich wichtig ist.

Kathrin | MC: Sich auf das Nötigste zu beschränken und zu erkennen was wirklich wichtig ist, klingt stark nach dem Lebenskonzept des Minimalismus. Ist das etwas, womit du dich identifizieren würdest?

Conor: Du meinst wie man sein Leben lebt? Das ist in gewisser Weise das selbe. Es ist die spirituelle Seite von dem, was man braucht, denn eigentlich brauchst du gar nichts. Alles was man anfassen kann, was man kaufen kann wird vergehen. Deshalb versuche ich auch so zu leben, obwohl es nicht so einfach ist. Das passiert ja nicht einfach plötzlich. Ich verbinde mich mit Leuten oder auch einfach mit mir selbst und mit dem Planeten und sowas.

In den letzten zehn Monaten habe ich mich außerdem entschieden, vegan zu leben, weil ich verstanden haben, dass ich mich, in Bezug auf bestimmte Themen über die wir schreiben, z.B. den Klimawandel, scheinheilig fühle. Und der Konsum von Fleisch hat nun mal einen der größten Einflüsse auf den Klimawandel. Ich möchte einfach wirklich mit dem Planeten verbunden sein und ich glaube ein Minimalist wählt ein Leben mit wenig, aber weniger ist mehr.

Kathrin | MC: Ihr habt für den nächsten Herbst eine große Tour durch Großbritannien und Europa geplant. Bis dahin dauert es allerdings noch länger als ein Jahr. Vermisst ihr das Touren und auf der Bühne zu stehen und euer neues Album live mit euren Fans zu teilen?

Connor: Es nervt! Es nervt wirklich! Ich habe so richtig gemerkt, wie das Singen ein Teil von mir ist und ich vermisse es wirklich sehr. Deshalb haben wir unsere ersten beiden Singles „Is everybody going crazy?“ und „Real Lovesong“ einfach bei einer Online-Livesession präsentiert, aber klar, das ist trotzdem schwierig. Aus einer egoistischen Perspektive heraus musste ich auch erstmal damit klar kommen. Ich habe keine Wahl, es ist was es ist. Und wie gesagt, ich bin ein Unterstützer des Lockdowns. Es ist wichtig daran zu denken das Leben trotzdem zu genießen, mit dem was man in dem Moment nun einmal hat.

Aber ja, ich vermisse das Spielen so sehr und ich glaube unsere Fans auch. Sie treffen sich ja auch mit Freunden auf unseren Konzerten oder lernen dort neue Freunde kennen und natürlich fühlen sie sich auch mit den Songs verbunden. Es ist wirklich schwierig, aber ich halte die Daumen gedrückt, dass im nächsten Jahr wieder Festivals stattfinden können, denn ich will wirklich nicht noch ein Jahr länger warten, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Außerdem habe ich, seit ich 12 war, nicht mehr so lange ohne Shows gelebt.

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Kathrin | MC: Eure ersten zwei Alben stiegen ganz schön weit oben in den UK-Charts ein. „Broken Machine“ schaffte es sogar auf Platz 2. Verursacht das auch eine Art Druck, für „Moral Panic“ entsprechende Leistungen zu bringen?

Connor: Einige große Künstler veröffentlichen zum selben Zeitpunkt wie wir und ehrlich gesagt, irgendwie ist es mehr Politik eine Nummer eins zu kriegen. Es ist ziemlich gut das auf dem Lebenslauf zu haben und es sieht einfach gut aus und ist cool aber wirklich, es ist nicht wichtig, es geht doch eigentlich um die Songs. Wäre es nicht schön, sich als persönliches Ziel zu setzen, mal eine Nummer Eins zu haben? Aber ich glaube das wird nicht passieren, aber das ist total ok.

Kathrin | MC: Auch wenn ihr es gerne auf Nummer Eins schaffen würdet. Habt ihr irgendwelche Träume oder Wünsche für die Zukunft, etwas was ihr als Band unbedingt erreichen wollt?

Connor: Ja, ich meine wir haben die O2 Arena auf unseren Tourplan gesetzt und ganz ehrlich, seit ich 13 Jahre alt war, ist das ein Ziel von mir. Ich denke ich werde mir den Arsch abarbeiten bis wir diese Show spielen können. Ich glaube wenn es so weit ist wird es ein total verrückter und emotionaler Tag, weil das das ist, wovon ich schon immer geträumt habe. Diese Show zu headlinen. Weil ich so oft dort gewesen bin und dort aufgewachsen bin und ich einfach an nichts anderes denken kann.

Viele Leute denken, dass wir vielleicht das Glastonbury Festival headlinen wollen. Vielleicht haben wir den Traum, wenn die realistischen Chancen darauf näher rücken. Bis dahin ist die O2 Arena an einem erreichbaren Punkt im nächsten Jahr. Ja das ist es, das war das Endziel und wenn wir das geschafft haben, kannst du du mir die Frage noch mal stellen und wir werden sehen ob wir weitere Ziele und Träume haben.

Foto zu Nothing But Thieves im Auftrag von MoreCore.de: Karoline Schaefer (Cat Eye Photography)

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