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Interview

Hot Mulligan: „Das Genre Post-Emo haben wir uns selbst ausgedacht – es passt aber zu uns!“

Gitarrist Ryan Malicsi im Gespräch.

VON AM 08/08/2025

Wer glaubt, Emo sei irgendwann im Myspace-Nirwana der 2000er verendet, hat nicht aufgepasst. Oder sich gerade durch die Liste der „40 besten Emo-Alben aller Zeiten“ der deutschen Rolling-Stone-Redaktion geklickt.

Auf dieser Liste steht exakt ein Album, das nach den 00er Jahren erschienen ist: „Intersections“ von Into It. Over It. Auf Platz 38. Ansonsten platziert Rolling Stone Klassiker wie „Clarity“ von Jimmy Eat World neben dem theatralischen Größenwahn von MCRs „Three Cheers for Sweet Revenge“, die rohe Wucht von Thursday neben der kristallklaren Gitarrenmelancholie von American Football.

Es ist eine Liste, die nicht nur zeigt, was (zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung) die große Zeit des Genres war. Sondern auch, dass Emo kein bestimmter Sound ist. Emo ist Haltung, Überforderung und Pop-Appeal mit (zu?) viel Gefühl.

Würden wir hier bei MoreCore eine Top-40-Emo-Liste aufstellen, wäre eine prägende Band der 2010er definitiv vertreten: Hot Mulligan.

Erst 2014 gegründet – also nach der kommerziellen Hochphase des Emo-Genres – verbindet das junge Quintett aus Michigan den nihilistischen Humor von PUP mit der Dringlichkeit von La Dispute. Verpackt in Songs, die klingen wie Jimmy Eat World auf Adderall.

Ja, Hot Mulligan sind Emo. Oder doch nicht? Wie in unserem Interview mit Gitarrist Ryan Malicsi schnell deutlich wurde, nehmen die Bandmitglieder das Genre, zu deren Speerspitze sie aktuell gehören, nicht so richtig ernst. Oder wollen sich bewusst dieser Kategorisierung entziehen:

„Hot Mulligan ist eine Post-Emo-Band. Das Genre haben wir uns selbst ausgedacht – es passt aber irgendwie zu uns.“

Diese Ambivalenz spielen sie übrigens auch auf ihrem neuen Album „The Sound The Body Makes When It’s Still“, das am 22. August 2025 erscheint, aus. Einen Vorgeschmack liefert die neueste Single „Island In The Sun“ mit Cory Castro von Free Throw. Und nein, das ist kein Weezer-Cover.

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Vom Joke zur Identität: Wie aus „Post-Emo“ ernst wurde

„Wir sind irgendwie aggressiv, aber auch weich – auf eine helle Art“, erklärt Ryan, „Twinkly-Gitarren, Pop-Sensibilität… das ist Emo, aber wir nennen es eben Post-Emo.“

Was das konkret bedeutet, zeigt sich weniger in der Instrumentierung als in der Haltung: laut sein dürfen, ohne Pathos. Verletzlich klingen, ohne in Selbstmitleid zu baden. Und dabei Hooks schreiben, die sich festsetzen wie alte Blink-182-Ohrwürmer – aber aus einem viel ernsteren Kopf kommen.

Post-Emo, das ist eben nicht die nächste Genre-Welle – es ist das uneindeutige Dazwischen, das Hot Mulligan längst zum Signature Sound gemacht haben.

16 Songs, kein Plan – nur fünf Freunde in einem Raum

Aber nicht nur bei der Genre-Einordnung machen Hot Mulligan ihr ganz eigenes Ding. „Kein Klicktrack, einfach fünf Typen in einem Raum … wir jammen, bis wir einen Song haben”, beschreibt Ryan den Songwriting-Prozess zur vierten Platte „The Sound The Body Makes When It’s Still“.

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Während andere Bands Alben schreiben wie Excel-Tabellen, mit Klicktrack, Preproduction und fast mathematisch durchgeplanten Noten, bleiben Hot Mulligan ihren DIY-Wurzeln treu. Und was Ryan da so ganz beiläufig mit „einfach fünf Typen in einem Raum“ beschreibt, ist genau der Kern dessen, was die Musik der US-Amerikaner so mitreißend, so nahbar und emotional macht.

Das Songwriting begann mit einem Impuls. „Monica Lewinskibidi“ war der erste Track, der entstand – und gleich der Katalysator. „Das war wie ein ‚Wir sind zurück!‘-Moment“, erinnert sich Ryan. Kein großes Konzept, keine überlegte Struktur – einfach rein in den Raum, Verstärker an, Ideen fließen lassen. „Chris haut Akkorde so schnell raus, dass Tades sofort eine Melodie und Lyrics liefern muss – sonst bleiben wir hinter Chris zurück.“

Dass dabei kein halbgares Jam-Durcheinander entstanden ist, sondern ein packendes, strukturell durchdachtes Album, ist auch dem Vertrauen in die eigene Band zu verdanken: „Wir hatten über 20 Songs – und es war schwer zu kürzen. Jeder fühlte sich richtig an.“

Insgesamt merkt man Ryan an, wie selbstbewusst er mit dem neuen Material umgeht. „Schon auf halbem Weg dachte ich: Ja, das wird was. Ich war selten so sicher”, betont er dann auch noch einmal. Und den anderen Bandmitgliedern sei es auch so gegangen.

Mit diesem Wissen riechen die 16 Songs dann auch schon gar nicht mehr so sehr nach Übermaß und Füllmaterial. Es ist die logische Folge des kreativen Prozesses.

Das Chaos hat System: Absurde Tracktitel und Running Gags

Falls ihr im vorherigen Absatz über den leicht albern wirkenden Songtitel „Monica Lewinskibidi“ gestolpert seid, seid ihr wahrscheinlich noch nicht so vertraut mit der Art, wie Hot Mulligan ihre Songs benennen.

Ein paar Beispiele gefällig? „Shhhh! Golf Is On“, „This Song Is Called It’s Called What It’s Called“, „Cock Party 2 (Better Than The First)“ oder „Featuring Mark Hoppus“. Und Letzterer hat genauso viel Mark Hoppus in sich wie die anderen Titel Bezug zu den eigentlichen Lyrics.

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Auch das zeigt wieder: Hot Mulligan nehmen vieles ernst – aber sich selbst nur in Maßen. Es ist der Widerspruch, der längst Methode ist.

„Auf ‚The Sound The Body Makes When It’s Still‘ sind ein paar der dämlichsten Ideen, die wir je hatten“, sagt Ryan über die Songtitel – und lacht dabei. Viele Namen seien schlicht aus Studio-Witzen oder Insidern entstanden.

„This Makes Me Yummy“ und „This Makes Me Yucky“? Ein Running Gag zwischen Tades und Brandon, wenn etwas gut oder widerlich schmeckte. Und „Monica Lewinskibidi“? Einfach das erste Wort, das irgendjemand in den Raum warf.

So wird „The Sound The Body Makes When It’s Still“ nicht nur zu einem musikalisch intensiven Werk – sondern auch zu einem, das sich selbst nicht zu ernst nimmt. Ein Album, das dir im einen Moment die Kehle zuschnürt – und im nächsten mit einem Songtitel aus einem Kindergag überrascht. Und genau deshalb wirkt es so echt.

Von 100 zu 10.000 Menschen: Der DIY-Geist bleibt

Die neuen Songs von Hot Mulligan können wir hier in Deutschland bald übrigens nicht nur auf Platte oder im Stream hören, sondern auch ein paar der größten Konzertbühnen des Landes. Also Support von Pierce The Veil kommen Hot Mulligan im Rahmen der „I Can’t Hear You World Tour“ auch zu uns.

Wer Hot Mulligan je auf einer Club-Bühne gesehen hat, weiß, was diese Band unter Live-Energie versteht: Schweiß, Nähe, Chaos. Dass sie nun mit den Post-Hardcore-Größen Pierce The Veil durch ausverkaufte Hallen touren, ändert daran laut Ryan wenig – auch wenn der Rahmen natürlich ein anderer ist.

„Es ist schwer, die Energie eines 100er-Clubs auf eine Riesenbühne zu übertragen – aber es ist eine spannende Herausforderung.“

Denn das, was sie auszeichnet, lässt sich nicht auf Quadratmeter oder Barrikaden begrenzen: „Eine perfekte Show? Stage-Dives, Crowdsurfer, kein Graben, viel Schweiß – und trotzdem sicher“, verrät Ryan.

Tourdaten

Pierce the VeilI Can’t Hear You Tour 2025

Special Guests: Cavetown, Hot Mulligan & Crawlers

  • 02.10.2025 – Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
  • 03.10.2025 – München, Zenith
Pierce the Veil I Can’t Hear You Tour 2025 Plakat

Zukunft ungewiss – und genau das ist gut so!

Wieder so ein Satz, der fast zu bescheiden klingt für eine der relevantesten Emo-Bands der letzten Jahre. Aber man glaubt ihm jedes Wort. Hot Mulligan wirken nicht wie fünf Leute mit Karriereplan, sondern wie fünf Freunde mit einem Verstärker. Die nicht auf den perfekten nächsten Move schielen, sondern auf den nächsten Song. Und wenn der gut ist – gut im Sinne von ehrlich, roh, unperfekt –, dann passt das schon.

Vielleicht ist es genau diese Haltung, die „The Sound The Body Makes When It’s Still“ so besonders macht. Weil es sich nicht anfühlt wie ein Produkt, sondern wie ein Gefühl. Und vielleicht ist das auch das Einzige, was zählt.

„Hot Mulligan ist eine Post-Emo-Band. Das haben wir uns selbst ausgedacht – aber es passt irgendwie zu uns.“

Klingt wie ein Witz; war ursprünglich ein Witz. Möglicherweise haben Hot Mulligan damit aber die perfekte Genredefinition gefunden.

Foto: Kaytlin Dargen / Offizielles Pressebild

Feature

In einem Raum des Kölner Clubs, 19 Uhr. Die MoreCore Party beginnt erst in vier Stunden, aber Marcus und David …