
Yellowcard: „Habe ich gerade Travis Barker gesagt, wie er Drums spielen soll?!“
Sänger Ryan Key und Violinist Sean Mackin im Interview.
Tobias Tißen
Wenige Stunden, bevor Yellowcard im Huxleys Neue Welt in Berlin auf die Bühne treten, treffen wir Sänger Ryan Key und Violinist Sean Mackin zum Interview. Die beiden haben gerade die ersten europäischen Festivalgigs in den Knochen und freuen sich auf eine Clubshow in deutlich kleinerem Rahmen, sind gut gelaunt und in Plauderlaune.
Unter anderem erinnert sich Ryan Key an eine Studio-Situation bei den Aufnahmen zur neuen Platte „Better Days“, die am 10. Oktober erscheint und von niemand Geringerem als Blink-182-Drummer Travis Barker produziert und eingetrommelt wurde.
„Travis war gerade im Aufnahmeraum und hat Drums eingespielt. Da hat unser Gitarrist Ryan Mendez einen Vorschlag gemacht. Er meinte sowas wie: ‚Nimm vielleicht eine Kickdrum raus‘ oder so etwas. Und Travis zögerte nicht lange, meinte nur: ‚Yeah! Sick! I’ll try that!‘ Als das Mikrofon dann aus war und Travis uns nicht mehr hören konnte, drehte sich Ryan zu uns um und sagte nur: ‚Habe ich gerade Travis Barker gesagt, wie er seine Drums spielen soll?!‘“
Ryan Key lacht, während er die Anekdote erzählt – und genau das sei der Spirit gewesen, mit dem Yellowcard ihr erstes Album seit sieben Jahren aufgenommen hätten. „Es war genau diese Art surrealer Moment – was machen wir hier eigentlich? Aber genau das zeigt, wie kollaborativ die ganze Erfahrung war“, sagt er.

„… als würde jemand das Licht anknipsen“
Travis Barker sei eben nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Produzent und Ideengeber gewesen, jemand, der Yellowcard von außen neuen Antrieb gegeben habe. „Er sitzt oft einfach hinten im Raum, hört zu und wählt genau den richtigen Moment, um aufzustehen und zu sagen: ‚Was wäre, wenn wir das so machen?‘ Und es ist, als würde jemand das Licht anknipsen – es ist immer die richtige Idee“, beschreibt Ryan Key die Zusammenarbeit.
Und Sean Mackin ergänzt: „Es war einfach frische Energie. Und plötzlich war da dieses Gefühl: Wir können das noch besser machen. Lass uns das ausprobieren, lass uns das verändern.“
„2017 haben wir Yellowcard in den Ruhestand geschickt“
Dass Yellowcard überhaupt wieder mit so viel Energie an neuer Musik arbeiten, war noch vor kurzer Zeit nicht abzusehen. Mehr noch: dass sie überhaupt wieder gemeinsam Musik machen würden. Schließlich hatten sie 2017 das Kapitel eigentlich beendet.
„Wir haben Yellowcard in den Ruhestand geschickt, weil es einen Moment gab, in dem wir das Gefühl hatten, nicht zu wissen, ob die Fans überhaupt noch bei uns sind“, erinnert sich Sean Mackin. „Wir hatten großartige Unterstützung, aber es war nicht genug, um eine Musikkarriere darüber hinaus zu tragen.“
Auch Ryan Key blickt zurück: „Wir fragten uns: ‚Klar, ich kann vielleicht dieses Jahr meinen Lebensunterhalt damit bestreiten – aber werden wir das wirklich noch in zehn oder fünfzehn Jahren machen können?‘ Wir waren damals erst 35, 36 Jahre alt. Und man denkt sich: Die meisten Menschen arbeiten bis in ihre Sechziger oder Siebziger. Aber so lange wird das für uns unmöglich halten.“
Fünf Jahre nach der vorläufigen Trennung brachte eine Einladung zum Riot Fest 2022 alles wieder ins Rollen. „Riot Fest war unser Test“, sagt Sean Mackin, „können wir überhaupt wieder in einem Raum zusammen sein?“ Was als vorsichtiges Abtasten begann, entwickelte schnell eine ganz neue Dynamik.
„Es ist einfach total surreal, Mann“
Denn plötzlich standen Yellowcard wieder vor Publikum, das nicht kleiner, sondern größer geworden war. „Es ist einfach total surreal, Mann. Einfach total surreal“, erinnert sich Ryan Key an die ersten Shows. Wo sie früher Mühe hatten, Touren zu füllen, spielten sie nun wieder Amphitheater und Festivals – und konnten selbst kaum glauben, was da passierte.
„Wir mussten damals aufhören, weil wir kaum noch eine Tour zusammenbekamen. Und jetzt das hier“, erzählt der Gitarrist und Sänger.
Einen Grund für diesen unerwarteten Schub sehen Yellowcard in einer Mischung aus Nostalgie und erwachsen gewordenen Fans. „Ich gehe die Bands sehen, die ich als Kind gehört habe“, sagt Ryan Key. „Damals verliebt man sich wirklich in Musik. Und jetzt, zwanzig Jahre später, haben die Leute Familien, Jobs – und sie können es sich leisten, wieder auf Konzerte zu gehen.“
„Wir wollten einfach wieder Songs zusammen schreiben“
Sind Yellowcard 2025 also ein reiner Nostalgie-Act, der wohlig-warme Erinnerungen an alte, sorgenfreie Zeiten weckt und von der aktuellen Renaissance des frühen 2000er-Sounds lebt?
Nein! Glücklicherweise nicht. Dafür klingt „Better Days“ zu modern und zeitgemäß (Produzent Travis Barker lässt grüßen). Trotzdem wecken die neuen Songs sowohl vom Songwriting als auch von der Stimmung her starke Erinnerungen an Yellowcards Durchbruchsalbum „Ocean Avenue“ (2003). Für Sean Mackin ist auch klar, warum:
„Wir wollten nichts erzwingen, sondern einfach wieder zusammen Songs schreiben. Und das Ergebnis erinnert die Leute an ‚Ocean Avenue‘, weil wir die Songs genau so geschrieben haben wie damals.“
Ryan Key nickt bestätigend: „Früher, als wir zwanzig waren, haben wir an einem Tag komplette Songs fertiggestellt. Wir sind morgens gekommen, haben Kaffee gekocht – und ein paar Stunden später war der Song da. Genau das ist für mich der Grund, warum man heute ‚Ocean Avenue‘ in ‚Better Days‘ spürt: weil die Stücke auf die gleiche Weise entstanden sind, nicht weil wir versucht hätten, es danach klingen zu lassen.“
„Das klingt wie ein Avril-Song!“
Was ebenfalls für nostalgische Gefühle sorgt: Neben Travis Barker sind mit Matt Skiba (Alkaline Trio, Ex-Blink-182) und Avril Lavigne noch zwei weitere Ikonen der 2000er auf „Better Days“ zu hören. Beide Features entstanden erstaunlich organisch.
Im Fall von „Love Letters Lost“ hörte die Band schon beim Schreiben, dass der Song nach Alkaline Trio klang. Travis Barker brachte schließlich die Idee auf, Matt Skiba ins Studio zu holen.
Avril Lavigne wiederum kam bei einer Ballade ins Spiel, die die Band im Studio an ihre frühen Hits erinnerte. „Wir haben gesagt: ‚Das klingt wie ein Avril-Song‘“, erinnert sich Sean Mackin. Barker, auch Produzent des letzten Avril-Albums „Love Sux“, habe ganz trocken reagiert: „That’s my girl.“
Wenige Wochen später lag ein Rough Mix des Songs in Yellowcards Postfach – mit Avrils Vocals auf dem Track.
„Better Days“ ist: „besonders, authentisch, verbunden“
Dass „Better Days“ mehr geworden ist als ein Nostalgieprojekt, merkt man schnell. Die Platte lebt von der Energie, mit der Yellowcard nach sieben Jahren Pause wieder angetreten sind.
„‚Better Days‘ läuft gerade in den USA im Radio – und wir hatten seit zwanzig Jahren keinen Song mehr in den Charts“, sagt Ryan Key, hörbar stolz. Für die Band ist das Album damit mehr als eine nostalgische Rückschau: Es ist der Beginn eines neuen Kapitels in der bald 30-jährigen Bandgeschichte. Eines, das die Band mit Elan und voller Motivation aufschlägt:
„Wir wollen sicherstellen, dass wir alles, was wir gerade erleben, voll aufnehmen, voll genießen, voll wertschätzen – weil wir wissen, wie schnell das alles wieder vorbei sein kann. Und falls es wieder verschwindet, will ich sicher sein, dass wir jede Sekunde diesmal ausgekostet haben.“
„Besonders, authentisch, verbunden“ – so fassen Ryan Key und Sean Mackin ihr neues Album zum Abschluss unseres Interviews in drei Worten zusammen.
Es sind Worte, die erklären, warum diese Band 2025 mehr ist als ein Nostalgie-Act. Weil „Better Days“ genau das ist, was schon die erste Studio-Anekdote mit Travis Barker gezeigt hat: ein Neuanfang voller Energie, getragen von dem Gefühl der Verbundenheit – unter den vier festen Bandmitgliedern, mit aktuellen Weggefährten wie Travis, mit treuen sowie neu gewonnenen Fans.
Yellowcard sind zurück – und klingen so lebendig, als wären sie nie weg gewesen. „Better Days“ gibt es ab dem 10. Oktober 2025 überall, wo es Musik gibt.
