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Letters Sent Home: „Pro Show machen wir ein paar hundert Euro Miese“
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Interview

Letters Sent Home: „Pro Show machen wir ein paar hundert Euro Miese“

Emily und Robin sprechen über die finanzielle Realität, Sexismus in der Szene und warum sie trotzdem weitermachen.

Vanessa Wobb/10. Mär.· Aktualisiert 22. April/5 Min.
V

Vanessa schreibt am liebsten über Geschichten, die mehr Hintergrund verdienen als nur eine Schlagzeile. Besonders zuhause fühlt sie sich zwischen modernem Metalcore und Alternative Metal.


Es ist 4:45 Uhr morgens als Emily und Robin von Letters Sent Home ins Auto steigen, um rechtzeitig in Dortmund anzukommen. Heute Abend spielen sie Support bei From Fall To Spring – Tourstart, ausverkauft, die größte Tour ihrer Karriere. Vorher noch schnell ins MoreCore Studio, um über die Dinge zu sprechen, über die sonst niemand redet. Das Video-Interview gibt’s weiter unten.

Die Rechnung einer Support-Tour

„Finanziell ergibt das natürlich alles gar keinen Sinn“, sagt Robin. „Das kann man einfach so sagen.“

Die Rechnung für eine Tour erstreckt sich über diverse Posten und fällt selten zugunsten der Band aus: Rund 200 Euro Van-Miete pro Tag, etwa 200 Euro für den FOH-Techniker, dazu kommen Sprit, Unterkünfte, Essen sowie Kosten für Foto- und Videoproduktion. Die Gage dagegen liegt oft nur bei etwa 100 Euro pro Abend – wenn überhaupt. Häufig besteht die ‚Bezahlung‘ lediglich darin, überhaupt spielen zu dürfen.

„Pro Show machen wir ein paar hundert Euro Miese“, sagt Robin. „Bei drei Wochen Tour kommt ein vierstelliger Betrag zusammen. Dann müssen wir zurück in unsere Dayjobs, um das zu finanzieren.“

Emily ergänzt: „Manchmal fühle ich mich schlecht, wenn ich auf Social Media schon wieder frage, ob Leute Merch kaufen. Aber nur so funktioniert das irgendwie.“

Trotzdem bleibt für die Band klar, warum sie weitermacht. „Wir machen es nicht fürs Geld“, sagt Robin. „Wir haben Spaß auf der Bühne. Dafür machen wir das.“

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„Hübsch, hot, whatever – will ich nicht lesen“

Sie machen weiter, weil es sich richtig anfühlt. Umso schwerer wiegt es, wenn genau dieses Gefühl immer wieder getrübt wird – z.B. durch ständige Sexualisierung.

„Wenn wir ein Video posten und unseren Song promoten, stehen darunter Kommentare wie ‚hübsch‘ oder ‚hot'“, erzählt Emily. „Meistens sogar nett gemeint. Aber in diesem Video geht es um unseren Song“, erzählt Emily.

Dabei ist die Sexualisierung kein rein digitales Phänomen. Auch im ‚echten Leben‘ begleitet sie die Sängerin – etwa auf Tour. Als Konsequenz daraus hat Emily ihr Bühnenoutfit schließlich radikal verändert: Statt Rock und Netzoberteil gab es Oversized-Hose und weites Shirt. „Ich fühlte mich damit nicht wohl. Ich wollte nicht von Männern so wahrgenommen werden, wie ich mich in ihren Augen präsentiere.“ 

Es begleitet sie ein ständiger bitterer Beigeschmack: „Es ist schade, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber machen muss. Jeden Tag vor der Show stehe ich vor dem Spiegel: Wie werde ich wahrgenommen?“

Letters Sent Home sind sich einig: Bei einer reinen Männerband kommen solche Kommentare selten bis gar nicht vor.

Zwei Frauen, zwei Männer – Vorteil oder Nachteil?

Doch die Sexualisierung endet längst nicht beim Outfit. Sie setzt sich auch abseits der Bühne fort. Bassistin Lara bekommt etwa spitze Kommentare zu hören, sie solle sich „nicht als Roadie aufspielen“, obwohl sie schlicht ihren eigenen Bass aufbaut.

Und auch andere weibliche Crew-Mitglieder bleiben davon nicht verschont. Die ehemalige Technikerin Annika etwa musste ebenfalls erleben, dass ihre Arbeit stärker hinterfragt wird als die ihrer männlichen Kollegen. „Man hat sofort gemerkt, wie überrascht die Techniker vom Haus sind, nur weil sie eine Frau ist“, erinnert sich Robin. Entsprechend werde doppelt so genau hingeschaut und kommentiert – deutlich mehr, als wenn männliche Techniker mit auf Tour seien.

Trotz solcher Erfahrungen sehen Letters Sent Home ihre in der Szene eher ungewöhnliche Besetzung jedoch nicht als Nachteil – im Gegenteil. Für Robin liegt darin sogar eine besondere Stärke.

„Für uns ist das inhaltlich ein totaler Vorteil“, sagt er. „Gerade wir beiden Männer bekommen dadurch immer eine andere Perspektive. Wir verstehen besser, was Frauen auf unseren Konzerten wichtig ist – und auch, was für Emily und Lara z.B. beim Touren wichtig ist.“

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Headliner-Tour im Mai – der große Test

Im Mai 2026 spielen Letters Sent Home ihre erste Headliner-Tour. Sieben Shows stehen auf dem Plan, in Clubs mit Kapazitäten zwischen 150 und 300 Personen. Ein Schritt, auf den die Band lange hingearbeitet hat:„Wir haben fünf Jahre gewartet“, sagt Emily. „Wir wollten sichergehen, dass Leute kommen.“

Auch finanziell ist die Tour ein Risiko. Die Tickets kosten rund 22 Euro – doch davon bleibt für die Band am Ende nur ein kleiner Teil übrig. Venue-Miete, Personal und Booking-Agentur müssen ebenfalls bezahlt werden. „Wenn wir Glück haben, kommen wir am Ende bei null raus“, sagt Emily.

Der einzige Hebel? Merch. „Kauft Merch“, sagt Robin. „Das ist wirklich das Einzige, was funktioniert.“

„Es muss eine Zukunft geben“

Robin verweist auf Beispiele aus anderen Ländern: In Irland erhielten 2.000 Musiker testweise ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch in Hamburg wurde über ähnliche Modelle diskutiert – eine Volksabstimmung scheiterte zwar, doch für ihn ist das Thema damit längst nicht erledigt.

„Es muss eine Zukunft geben, in der Menschen von Kunst leben können“, sagt er. „Diese Schere darf nicht immer weiter auseinandergehen.“

Trotz aller strukturellen Probleme bleibt für die Band aber vor allem eines entscheidend: die gemeinsame Zeit mit den Fans. „Solange wir zusammenkommen und eine gute Zeit haben“, sagt Robin, „ist alles toll.“

Das komplette Interview gibt es jetzt auf YouTube.

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Tour · 7 Termine
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