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AlternativeRock

Kritik: Royal Blood - "Typhoons"

Ist es möglich, einen fetten Rocksound zu erzeugen, obwohl es keine Gitarre gibt? Die Antwort lautet: „Ja, es ist möglich“. ...

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Ist es möglich, einen fetten Rocksound zu erzeugen, obwohl es keine Gitarre gibt? Die Antwort lautet: „Ja, es ist möglich“. Das haben Royal Blood mit ihrem Selftitled-Debüt 2014 bewiesen, mit dem sie innerhalb von drei Jahren sämtliche Charts gestürmt haben.

Dieser scheppernde Garagen-Sound wurde ebenfalls auf den Nachfolger „How Did We Get So Dark?“ (2017) übertragen, jedoch waren bereits weitere Entwicklungen des Erwachsenen-Pops vorhanden. Was erwartet uns also auf ihrem neusten Werk „Typhoons“? Und entspricht das Album tatsächlich einem Taifun? Das und vieles mehr erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Daft Punk haben zwar ihre Auflösung bekannt gegeben, doch missen will sie niemand so richtig. Das bisher sonst eher vom Rock geprägte Duo von Royal Blood vereint nun elektronische Musik französischer Prägung mit Einflüssen des Pops und Disco-Elementen, die sich durch den gesamten dritten Longplayer ziehen. Ergo gibt es frischen Wind in der Musikszene und ein Tanzalbum für den Lockdown.

Ein kluger Schachzug von Royal Blood

Und das beweisen sie auch direkt mit dem Opener „Trouble’s Coming“. Dieser vermittelt ein grooviges und düsteres Disco-Feeling, das wir bisher von dem Duo noch nicht gehört haben. Es hat ein Get-Up- und Dance-Element und spielt mit der leichteren Rock- und Pop-Musik. Dieser Sound lädt dazu ein, unverzüglich auf den Floor zu rennen, um dort zu tanzen.

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Nach dem gelungenen Auftakt schließt mit „Oblivion“ eine kompilierte Wahnsinns-Dance- und Rockoper an. Diese Vielfalt an verschiedenen Genre harmoniert perfekt miteinander.

Es beginnt mit einem düsteren, dystopischen Synthie-Motiv, das von einer ultra-tighten Disco-Strophe überlagert wird, die schließlich in eine hochmelodiöse Bridge mündet. Dazu wird für eine Minisekunde ein Background mit weiblichen Vocals eingeblendet, der leider komplett untergeht und ein wenig fehl am Platz wirkt. Doch der Refrain bettet zielsicher auf einen von Mike Kerrs knarzigen Trademark-Riffs, verbindet klassisch Daft Punk-Beats und bietet so eine kongeniale Verschmelzung des alten und neuen Royal Blood-Sounds.

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Die titelgebende Single des Albums „Typhoons“ ist mit einem grungigen Sound von Kerrs Bass und seinem Gesang verziert. In einem scheinbaren Widerspruch zu der hochenergetischen Euphorie dieser Musik stehen nun wiederum die vielfach eher düsteren, introspektiven Lyrics: „Cause all these chemicals dancing through my veins, they don’t kill the cause, they just numb the pain.“

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Der Track handelt davon, dass sich Kerr den dunklen Anwandlungen in seinem Kopf stellt und einen hellen und hoffnungsvollen Ausweg findet. Der Basslauf nach dem Refrain gibt dem Song eine zusätzliche Ebene der Aufregung, bevor man in den Refrain einsteigt, bei dem man sich vorstellen kann, wie eine riesige Menge „Typhoons“ singt und tanzt. Gegen Ende des Tracks baut sich der Bass immer weiter auf und steigert die Aufregung des Songs.

Mike Kerr stellt sich seinen Dämonen

Kurz vor den Arbeiten am neuen Werk hat Sänger und Bassist Mike Kerr dem Alkohol und den Drogen abgeschworen und konnte sich seinen Dämonen nun auch künstlerisch stellen. Doch bis dahin war es ein langer Weg, den er erst durch eine Menge therapeutische Arbeit und Willenskraft bestreiten konnte:

„Die Nüchternheit hat es mir ermöglicht, die dunkle Seite wirklich auszuloten. Während man an so einem düsteren Ort ist, hat man kein Interesse daran, auch noch darüber zu schreiben. Hinzu kommt, dass die Erinnerungen zurückkommen, wenn man nüchtern ist. Es ist beinahe so, als würde ich in eine Kristallkugel blicken – nur eben rückwärtsgewandt.“

Zeit für eine Pause oder weiter tanzen?

Nach so viel Energie und Power sehnt man sich nach einer kurzen Verschnaufpause. Kurz zum Kühlschrank gelaufen, um sich einen Drink und Eiswürfel zu gönnen, ist die Kraft auch wieder zurück, um weiter durch die Nacht – oder die Gesamtlänge des Albums – zu tanzen. Doch „Who Needs Friends“ ist eine groovige, basslastige Nummer, die die Ruhe vor dem weiteren Sturm ist. Denn wer sich einem Sturm stellt, der braucht all die Energie, um sich den weiteren Tracks zu stellen.

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„Million and One“ und „Hold On“ zeigen nochmal die zwei unterschiedlichen Musikrichtungen auf, in die sich Royal Blood „gesplittet“ hat. Wohingegen „Million and One“ mehr in Richtung des alt bekannten Rock und Pop geht, bringt uns „Hold On“ zurück an den Anfang des Albums, für den nochmal eine Lage an Dance-Disco-Vibe hinzugefügt wird.

Wer diesen Track hört, wird sich erneut die Frage stellen, warum sich Daft Punk auflösen wollten. Denn ihr Platz wird gerade königlich übernommen. Im Endeffekt sind beide Tracks kraftvolle und energiegeladene Songs, die man von der Band kennt und sehnlichst gebraucht hat.

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Das Album neigt sich den letzten Minuten, doch die Überraschungen sind noch längst nicht zu Ende. Denn mit „All We Have Is Now“ wird ein Song geboten, der sich, im Gegensatz zu den anderen Tracks, in seinem Gesamtpaket unterscheidet und heraussticht.

Eine ruhigere Moll-Klavierballade mit herzerwärmenden Vocals des Sängers zeigen den weichen und verletzlichen Kern des Duos, der bisher nicht preisgegeben wurde. Doch ob der Song aufgrund seiner musikalischen Schlichtheit gemocht oder abgelehnt wird, das entscheiden die Fans. Denn so überraschend wie der Song auftauchte, so urplötzlich endet er auch.

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Es ist gerade mal ihr dritter Longplayer seit sieben Jahren und doch haben sich Royal Blood mit jedem Album steigern können. Die hochenergetische Musik verleitet den Hörer dazu, Zeiten wie diese zu vergessen und sich der mitreißenden Melodie hinzugeben.

Daher wurde der Albumtitel hervorragend ausgewählt. Nicht nur die Musik ist gewaltig und imposant, auch einige Lyrics sind düster und gefährlich, die der allgemeinen Stimmung einen Widerspruch verpassen. Packt also eure Tanzschuhe aus und macht euch bereit für einen unglaublichen Taifun.

Foto: Mads Perch / Offizielles Pressebild

ALBUM
Typhoons
Künstler: Royal Blood

Erscheinungsdatum: 30.04.2021
Genre: ,
Label: Warner Music
Medium: CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. Trouble’s Coming
  2. Oblivion
  3. Typhoons
  4. Who Needs Friends
  5. Million & One
  6. Limbo
  7. Either You Want It
  8. Boilermaker
  9. Mad Visions
  10. Hold On
  11. All We Have Is Now
Royal Blood Typhoons
Royal Blood Typhoons
8
FAZIT
Royal Blood sind mit ihren letzten Alben durch die Decke geschossen und auch ihr neustes Werk „Typhoons“ muss sich nicht verstecken. Das Duo bleibt sich musikalisch weiterhin treu, jedoch streckt es mutig die Fühler aus und kreiert einen bombastischen Dance-Disco-Vibe, dem man kaum widerstehen kann.

Noch sind Bars, Clubs und Konzerte hierzulande nicht geöffnet oder möglich, doch sobald das Unmögliche wieder möglich gemacht wird, heißt es die Tanzschuhe einzupacken und mit den Jungs zu feiern. Denn sie haben bewiesen, dass der French House und die Disco-Zeiten noch lange nicht ausgestorben sind und auch in moderner Form weiter leben können.
/morecorede
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