Review

AlternativePost-Hardcore

Kritik: Rising Anger - "I Am"

Es gibt gewisse Abschnitte im Leben, nach denen kann sich für eine junge Band alles ändern. Viele zerbrechen nach der ...

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Es gibt gewisse Abschnitte im Leben, nach denen kann sich für eine junge Band alles ändern. Viele zerbrechen nach der Schulzeit oder nach einem abgeschlossenen Studium. Genau an diesem Punkt haben sich die Jungs von Rising Anger in der vergangenen Zeit befunden, als sie sich 2016 für eine Live-Pause entschieden, um sich verstärkt dem neuen Album zu widmen. Die Band hat es allerdings geschafft, diese Phase zu überwinden und ist definitiv nicht daran zerbrochen, so ist am Freitag das neue und mittlerweile zweite vollständige Album „I Am“ erschienen. Eingeordnet zwischen Post-Hardcore und Rock wollen wir euch unsere Eindrücke zur neuen Platte, die über Bastardized Recordings in den Handel kam, nicht vorenthalten.

Bei Betrachtung des Artworks geht der Daumen schon einmal direkt nach oben. „I Am“ macht optisch definitiv etwas her und überzeugt mit einer sehr farbenfrohen Collage, bestehend aus Comic- und Foto-Ausschnitten. Da fragt man sich doch gleich, ob das musikalische Werk von Rising Anger ähnlich farbenfroh sein wird.

Das Album beginnt mit dem Song „Passing The Past“ und baut sich im Laufe der Strophe immer weiter auf. Während zu Beginn lediglich der Bass die Worte von Sänger Johannes Schöbinger begleitet, steigt die Gitarre erst zu einem späteren Zeitpunkt ein. Textlich bearbeitet die Band hier hauptsächlich Themen wie das Gefühl, sich selbst verloren zu haben und richtet sich im Refrain, der von Groupshouts unterstützt wird, an all die, die Schmerz in ihrem Leben erfahren haben. Der gesamte Fluss des Songs ist stimmig und wird durch den eingefügten C-Teil, der gegen Ende des Stücks noch einmal das Tempo herausnimmt, gekonnt unterstützt. Besonders die Dramatik, die den Screams inne wohnt und durch die Musik verstärkt wird, kommt hier sehr gut zum Vorschein und trifft den Hörer direkt.

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„No Fear“ steigt hingegen deutlich direkter ein. Mit einem Gitarrenriff, das gleich ins Ohr geht, zeigt sich auch in diesem Song in der Strophe ein zweigeteilter musikalischer Aufbau. Während sich Gitarre und Gesang zu Beginn gegenseitig ablösen, werden sie im zweiten Teil der Strophe miteinander vereint. Der Hall, welcher über der Stimme in der Bridge liegt, lässt den Gesamtsound zusätzlich größer wirken und bietet einen gelungenen Einstieg in den Refrain. Dieser klingt mit den Worten „I got no fear“ sehr befreit. Generell ist zu diesem Song zu sagen, dass die Stimmungskurve massiv vom Schlagzeug beeinflusst wird, da der Gesang generell gleich bleibend ist. Diese Kurve ist abwechslungsreich und wirkt in keinem Falle überladen oder eintönig.

Insgesamt merkt man schnell, dass die erste Hälfte von „I Am“ sehr vielseitig aufgebaut ist und dass in jedem Song neue Einflüsse zu spüren sind. So ist dies auch im Song „Beauty“ der Fall. Hier sind besonders die cleanen Gitarren auffallend, da sie von musikalischer Seite eher einen Rocksong vermuten lassen, der durch die Screams an Härte gewinnt. Jedoch bleibt es nicht nur bei Screams, denn der Gesang wechselt im Refrain in eine deutlich cleanere Richtung. Die verwendeten Vocals fügen sich in das sehr direkte und klare Soundbild des Songs ein, während es textlich um das Thema Neuanfang geht und darum, auch aus dem Schlechten etwas Gutes zu ziehen. Die Gesamtkomposition macht daher einen stimmigen Eindruck. Mit der Hälfte der insgesamt zehn Songs kommt dann allerdings das Gefühl auf, dass zumindest stilistisch das Maß erreicht ist.

„Straying Fire“ plätschert ein wenig dahin und versprüht auch nach mehrmaligem Hören nicht ganz die Zufriedenstellung, die man bei den vorherigen Stücken hatte. Die Songs „My Peak“ und „Most Demanded Dream“ sind ebenfalls in der zweiten Hälfte des Albums zu finden, überzeugen aber durch ihren Sound, der Emotionen weckt und vom Gesamtkonzept ein wenig an ältere Werke von Being As An Ocean erinnert. Der musikalische Stil taucht allerdings in dieser Art bereits in der ersten Hälfte auf. Dabei werden besonders die Emotionen gekonnt ausgedrückt und kommen unverblümt beim Hörer an. Man kann definitiv gespannt sein, wie die Band diese Songs live umsetzen werden. In der Vergangenheit konnten sie bereits den Support für Acts wie Stick To Your Guns oder Defeater geben.

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Das Ende des Albums bilden zwei Songs, die dann doch noch einmal das Tempo nach oben ziehen und mit etwas mehr Härte auffahren. Mit „Wooden Heart“ und dem Titeltrack „I Am“ gelingt der deutschen Band ein gelungener Abschluss, der besonders von einem treibenden Schlagzeugbeat und wechselnden Rhythmen bestimmt wird. Hinzu kommt der eingängige Gitarrensound, der glasklar klingt und trotzdem an Schärfe nicht verliert. Die Kombination ist es, die die Besonderheit der Songs ausmacht und Liebhaber der Musik zufriedenstellen wird.

Groupshouts im Refrain lockern das Ganze zusätzlich auf und sorgen für die nötige Abwechslung, ohne den Stil der Band aus den Augen zu verlieren.

Foto: Kevin Spielmann / Offizielles Pressebild von Rising Anger

Rising Anger auf Tour

Derzeit gibt es keine angekündigten Tourdates für Rising Anger. Sollte ein Termin fehlen, würden wir dich bitten, uns eine E-Mail an info@morecore.de zu schicken, damit wir diese hinzufügen können.

ALBUM
I Am
Künstler: Rising Anger

Erscheinungsdatum: 07.02.2020
Genre:
Label: Bastardized Recordings
Medium: CD, etc

Tracklist:
  1. Passing The Past
  2. No Fear
  3. Heart Headed
  4. Beauty
  5. Straying Fire
  6. My Fear
  7. Cloud Hiker
  8. Most Demanded Dream
  9. Wooden Heart
  10. I Am
Rising Anger I Am
Rising Anger I Am
8.5
FAZIT
Der zweite Longplayer von Rising Anger macht eine ganze Menge richtig. Die Erfahrung, die die Band über die Jahre sammeln konnte und die strickte Weiterentwicklung des eigenen Sounds sind spürbar und ein Schritt nach vorne. Die Band wirkt reif, hat eine Menge in den Songs zu sagen und trifft auf emotionaler Ebene direkt ins Schwarze. Hinzu kommt, dass es sich die Jungs nicht nehmen lassen, sich keinem Genre klar zuordnen zu lassen, wodurch das Repertoire breiter gefasst werden kann. Allerdings wirkt es so, als wäre die Vielseitigkeit innerhalb der Songs in der ersten Hälfte des Albums aufgebraucht, sodass die zweite Hälfte ein Stück recht repetitiv wirkt. Dem Gesamtsound von „I Am“ schadet dies allerdings nicht und wir sind gespannt, wohin es mit den Jungs noch geht.