Review

Hardcore Punkrock

Kritik: RAUCHEN - „Fallen und Schweben“

Die Hamburger melden sich zurück – und entwickeln ihren Sound erneut weiter.

VON

Während andere Bands ihre Platten in endlose Single-Häppchen zerlegen und via Social Media eine Pre-save-Kampagne nach der anderen promoten, haben RAUCHEN ihr neues Album „Fallen und Schweben“ erst eine knappe Woche vor Veröffentlichung angekündigt.

Für die Hamburger Hardcore-Punk-Band, die sich seit 2017 mit rohen, wütenden Alben wie „Gartenzwerge unter die Erde“ (2019) oder „NEIN“ (2021) einen Ruf als kompromissloser Störfaktor erarbeitet hat, ist dieser Schritt nur konsequent – und zugleich riskant.

Denn wer auf das übliche Promo-Geschäft verzichtet, braucht Mut. Aber mehr noch: Vertrauen in die eigene Musik, die nun für sich sprechen muss. Die Frage ist nur: Kann „Fallen und Schweben“ dieses Vertrauen rechtfertigen?

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RAUCHEN treten nicht auf der Stelle

RAUCHEN haben sich seit der noch unter erschwerten Pandemiebedingungen eingeprügelten Vorgängerplatte „NEIN“ noch einmal weiterentwickelt. Schon die war komplexer und nicht mehr so direkt wie noch „Tabakbörse“ (2018) und „Gartenzwerge unter die Erde“ (2019) – diese Entwicklung geht auf „Fallen und Schweben“ aber weiter.

Das zeigt schon der Einstieg mit „Isolation“. Zwar kreischt Frontfrau Nadine wie gewohnt und auch die Zwei-Minuten-Marke wird bandtypisch nicht berührt, doch die fast ätherisch-hypnotische Hook macht klar, dass RAUCHEN ihren Songs dieses Mal noch mehr Raum zu atmen lassen. Es steht nicht mehr nur die wütende Energie im Fokus. Klare Melodielinien und komplexere Strukturen dürfen sich daneben entfalten.

Im Vergleich zum relativ klaren Hardcore-Sound der ersten beiden Alben schimmern auf „Fallen und Schweben“ an vielen Stellen Grunge und Post-Punk durch – die 90er lassen grüßen! In unserem Interview mit der Band behaupteten die Hamburger zwar, dass sei nicht direkt beabsichtigt gewesen und ihnen erst beim Hören der Aufnahmen aufgefallen. Wenn zu Beginn von „Es fühlt sich nicht so an“ aber das „Smells Like Teen Spirit“-Intro anzitiert wird, wirkt es schon so, als wären die 90er Jahre eine sehr bewusste Inspirationsquelle gewesen.

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Fugazi, Nirvana, Sonic Youth – Bands, die damals Lärm mit Bedeutung aufluden. Ein Konzept, das zu RAUCHEN passt, wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer. Und ob nun bewusst oder tatsächlich unbewusst: Die Hamburger nehmen sich dem an, kopieren aber nie, sondern lassen es durch den bandeigenen Hardcore-Filter fließen.

RAUCHEN sind auch auf „Fallen und Schweben“ ungebrochen wütend

Wer sich jetzt Sorgen macht, dass RAUCHEN auf Album Nummer vier plötzlich nicht mehr wütend klingen, der kann sich wieder beruhigen. Klar – die Songs sind größtenteils nicht mehr auf 90 Sekunden komprimierte Abrissbirnen (das waren ja auch die meisten Tracks auf „NEIN“ schon nicht mehr), sondern arbeiten vermehrt mit klassischen Songstrukturen. In „Desfred“ zitiert Nadine im Spoken-Word-Stil aus „Der Report der Magd“, im abschließenden Titeltrack gibt es verletzlichen Klargesang.

Aber: Im Mittelpunkt eines jeden Songs steht immer das Fundament aus treibenden Drums und Bass, dazu wütende Gitarren – dieses Mal mit mehr Effekten, was dem Sound zusätzliche Tiefe verleiht – und natürlich Nadines wütende Schreie. Die Band sagt selber, ihre Stimme sei der „Kleber“, der alles zusammenhält. Und damit treffen sie den Nagel auf den Kopf.

Politik im Persönlichen

Immer wichtig bei RAUCHEN: Haltung. Mit ihren früheren Songs prangerten sie offensiv Themen wie Polizeigewalt und Kapitalismus an. Hand in Hand mit der Weiterentwicklung im Sound geht aber auch ein lyrischer Wandel. Die Texte auf „Fallen und Schweben“ sind introspektiver, deutlich weniger parolenhaft. Aber wer daraus schließt, RAUCHEN seien weniger politisch geworden, verkennt den Kern. Persönliches ist hier politisch.

„Es fühlt sich nicht so an“ handelt vordergründig von der Beziehung zu sich selbst, ist im Grunde aber eine Abrechnung mit dem kapitalistischen Zugriff auf den Körper. Fremdbestimmung, Selbstoptimierung, Selbstzweifel. „Stachel“ wiederum befasst sich mit religiöser Prägung, katholische Erziehung als Stachel im Fleisch.

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Beide Songs zeigen, dass RAUCHEN ihren Themen treu bleiben, nur den Blickwinkel verändert haben. Weg von plakativem Aktivismus, hin zu präziseren Beobachtungen.

Das Wagnis, nicht perfekt zu sein

Natürlich hat „Fallen und Schweben“ auch Schwächen. Manchen Songs hätte das alte 90-Sekunden-Abriss-Konzept besser getan – nicht jeder Spannungsbogen löst sich ein, nicht jede Wiederholung trägt (Beispiel: „Flimmern“). Aber auch das macht die Platte interessant. RAUCHEN wollen nicht glatt sein, nicht perfekt, nicht fertig. Risiko ist hier Konzept – und das hört man auch.

Das Ergebnis ist ein Album, das nicht immer sofort packt, aber hängen bleibt. Ein Album, das so viel spannender ist als die, die auf Nummer sicher gehen.

Foto: noheroes / Offizielles Pressebild

ALBUM
Fallen und Schweben
Künstler: Rauchen

Erscheinungsdatum: 26.09.2025
Genre: ,
Label: Zeitrastrafe
Medium: Streaming, CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. ISOLATION
  2. FESSELN
  3. ES FÜHLT SICH NICHT SO AN
  4. STURM
  5. FLIMMERN
  6. STACHEL
  7. NACHT
  8. DESFRED
  9. (DAS) BRENNEN
  10. FALLEN UND SCHWEBEN
RAUCHEN Fallen und Schweben
RAUCHEN Fallen und Schweben
7.5
FAZIT
„Fallen und Schweben“ ist das bisher reifste, aber auch widersprüchlichste Album von RAUCHEN. Eine Platte, die ihren Songs Luft zur Entfaltung lässt. Eine Platte, die verletzlich ist, ohne weich zu werden. Eine Platte, die zwischen Härte und Melancholie, Schreien und Flüstern, Fallen und Schweben balanciert. Ob es den Mut und das Vertrauen, mit dem sie ins Rennen geschickt wurde, rechtfertigt? Ja – auch wenn nicht alles perfekt sitzt. Oder gerade weil es nicht glatt, nicht perfekt ist, sondern RAUCHEN das Wagnis zum Konzept erhoben haben.