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IndustrialRock

Kritik: Rammstein - "Rammstein"

Kaum eine andere deutsche Band hat in den letzten 20 Jahren mit ihren kontroversen Themen und Songs für so viel ...

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Kaum eine andere deutsche Band hat in den letzten 20 Jahren mit ihren kontroversen Themen und Songs für so viel Furore gesorgt wie Rammstein. Die Fangemeinde hat sich nach all den Jahren fast zu einem Kult entwickelt, Konzerte sind binnen kürzester Zeit ausverkauft, das neue Album nach der Aussage des Marktforschungsunternehmens GfK sogar “[…] der erfolgreichste Start einer Band in diesem Jahrtausend.”

Klingt nach hohen Erwartungen? Absolut! Nach all den Alben, bei dem z.B. ich das gute “Reise, Reise” von 2004 zu meinem Liebling küren würde, war ich auf das neue Werk der Band sehr gespannt und habe es direkt in der Nacht der Veröffentlichung gehört und war…

Enttäuscht? Frustriert? Für das genaue Gefühl habe ich gar keine Worte, aber ich war auf eine unangenehme Weise überrascht worden, irgendetwas störte mich und ich packte das Album erstmal weg, so wollte und konnte ich keine Review schreiben.

Jetzt, fast 2 Wochen später, habe ich mich nochmal in Ruhe hingesetzt. Was hat Rammstein da eigentlich genau gemacht, und war das Irritieren vielleicht, wie immer, auch der Plan?

Rammstein halten Deutschland den Spiegel vors Gesicht

Das Album beginnt mit der ersten Singleauskopplung “DEUTSCHLAND”, das inzwischen jedem Alternative-Hörer untergekommen sein sollte. Du hast es immer noch nicht gesehen oder gehört? Dann ab dafür!

Mit einem Keyboard-Thema startend, das sich in jedem Refrain wiederfindet und auch später in der Lead-Gitarre gespiegelt wird, knallt uns Rammstein direkt vom Hocker. Bekannt simplistisch steigt das Schlagzeug kurz darauf in den Song ein, um uns im 4/4-Takt durch den Song zu prügeln. Das ist die Band, die wir sie kennen; massiv, druckvoll und quasi “Kraftwerk” in dunkel. Thematisch provoziert die Band wieder auf höchstem Maße, zitiert den inzwischen verbotenen Teil der Nationalhymne und spielt immer wieder auf die historische und auch sehr aktuelle Spaltung des “deutschen Volkes” an.

Die Diskrepanz zwischen der Vergangenheit und dem Nationalstolz, der in Deutschland seit den 40er Jahren ein schwieriges Thema ist, spiegelt sich ebenfalls herrlich im Video der Band wider. Kreuzzüge, die Verbrechen der Nationalsozialisten, die DDR, all das wird sehr plastisch und eindrucksvoll im Video dargestellt. “Darf man das?”, schrie es aus vielen Ecken der deutschen Medien- und Politikgesellschaft. Man darf es, Rammstein darf es.

Auch der zweite Song, “RADIO”, springt mit auf den “Kraftwerk”-Zug. Flakes Synthesizer und Chorale dominieren mit ihren elektrischen Melodien das Bild, während auch hier wieder ein treibender, doch ungewohnt “funky” gespielter Beat von Christoph Schneider uns entgegenschlägt. Hier dreht es sich wieder um ein Stück deutscher Geschichte: Die Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen, wie es damals so schön hieß. Dabei ging es darum, das Hören von ausländischen, satirischen oder auch “andersartigen” Musiksendungen unter hohe Strafen zu stellen. Schön bildlich ist auch das wieder in dem unten angeführten Video zu sehen: Die Soldaten, die durch die Straßen marschieren und alle Reaktionen stark überspitzt dargestellt.

“ZEIG DICH” wird von einem Chor eingeleitet, um dann voll ins Kirchenthema einzusteigen. Recht dominant sind hier, im Gegensatz zu den vorigen Songs, die Gitarrenstimmen und der Bass, die das Bild prägen. Rammstein spielt in diesem Song pur mit der Doppelzüngigkeit der Kirche: Verdammen der Verhütung, Vertuschen von Kindesmissbrauch, Verfehlen von Konsequenzen. Auch wenn hier klar der Inhalt im Vordergrund steht, kann mich dieser Song nicht ganz mitreißen, dafür ist, für mich, der Refrain zu einfach und nicht füllend genug.

Es mangelt nicht an kontroversen Themen

Kommen wir zu “AUSLÄNDER”, ein Stück, das sich bei mir nach mehrmaligem Hören absolut eingebrannt hat. Ausländer, DAS Thema der letzten Jahre in Deutschland, wird von Rammstein musikalisch total stark in Szene gesetzt: Das Schlagzeug mimt perfekt, durch (fast) fehlende Backbeats, einen Mallorca-Schlagersong, der Synthie baut mit einfach mutenden Rhythmus-Einlagen genau das Bild weiter auf.

Besonders prickelnd ist hierbei der Text. Lindemann spielt hier, wie damals bei “Pussy” schon einmal, wieder mit dem Thema Sextourismus und der Mentalität, ausländische Frauen wie reine “Nutzobjekte” zu betrachten. Rammstein nutzen im Video die, mal wieder stark fragwürdige, Kolonialzeit und bricht die Szenen immer wieder mit der Schlauchbootszene. Ein Seitenhieb auf die EU-Außenpolitik? Eine Antwort würden wir hier sowieso nicht bekommen.

Der nächste Song, “PUPPE”, kann für einige Menschen mit belastenden oder traumatisierenden Erfahrungen Trigger enthalten; falls du dir unsicher bist, ob du dazu gehörst, lies doch einfach nach dem Video von “RADIO” weiter!

Solltest du selbst das Gefühl haben, dass du dich in einer belastenden Situation befindest, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym Hilfe von Beratern, die mit dir Auswege aus schwierigen Situationen finden und eine tolle Stütze sein können. Danke, dass du es versuchst.

“PUPPE” ist für mich, neben “TATTOO”, DER klassische Rammstein Song auf diesem Album. Klare Gitarren, klassische Lyrik, die in absoluter Bildersprache uns vermittelt, was vor sich geht. Lindemann zeichnet eine Geschichte eines Kindes, welches durch Medikamente vernebelt die Tortur einer Prostitution seiner Schwester immer wieder erleben muss, bis es schlussendlich den Tod dieser mitbekommt. Als ob das Thema an sich nicht schon verstörend genug wäre, untermalt die Band die Geschichte durch einen hysterisch schreienden Till und einen an “Dalai Lama” erinnernden Beat, der das Lied in zwei Hälften unterteilt. Gerade diese Teilung, die auf der einen Seite die Erzählung und auf der anderen Seite das Leid, die daraus entstehende Aggression und das Trauma darstellt, hat mich sehr beeindruckt. Absolut starke Nummer, die mir immer wieder Unbehagen bereitet.

Eine gute, aber keine perfekte Scheibe

“WAS ICH LIEBE” ist hingegen ein starker Kontrast, der sich thematisch mit einem Lyrischen Ich auseinandersetzt, welches in einer dysthymen Stimmung die Liebe geradezu verdammt. Ist das Thema doch eigentlich heutzutage brandaktuell, geht es aufgrund der musikalischen Untermalung ein wenig unter. Die weichen Gitarren hätten im Refrain locker von einem moderneren Tom Petty kommen können; es ist ungewohnt, reißt mich aber nicht ganz so wie andere Songs auf dem Album mit.

Fehlte mir bei “WAS ICH LIEBE” das Gefühl, so zeigt Rammstein in “DIAMANT” die bittersüße Wahrheit in manchen Gefühlslagen. Unterlegt von einem sanften Choral und Streichern, die von einer Akustikgitarre angeführt werden, singt Lindemann von einer vergossenen Liebe, die nur durch Schönheit glänzen konnte. Wie heißt es noch so? Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und ja, natürlich musste ich bei diesem Song an “Ohne dich” denken, die Parallelen sind deutlich zu hören.

Auch bei “WEIT WEG” eröffnet Flakes Synthesizer wieder den Song, begleitet von einem langsamen, aber mächtigen Drumbeat, der sich in der Strophe nur marginal durch Tom-Ergänzungen von Rest des Songs abgrenzt. Hier packt mich das Musikalische schon nicht ganz, auch der Text ist im Voyeurismus verankert und lässt mich völlig kalt. Einer der wenigen Songs, die man gut im Hintergrund laufen lassen kann.

Von etwas lethargisch zu absolut aktiv und “nach vorn” geht es in “TATTOO”, ein Song nach der alten Manier von “Links 2 3 4”; rhythmische Gitarren, ein Effekt-Teppich und ein tierisch dominantes Gedrumme dominieren hier das Bild. Neben “DEUTSCHLAND” einer DER Songs, die ich mir perfekt für die Live-Konzerte vorstellen kann. Da Tattoos sich in den letzten Jahren, ob nun gut oder schlecht, zum einen validen Mode-Accessoire gemausert haben, und Rammstein auch bewusst mit der selbstdarstellerischen Seite dieses Phänomens spielen. Schön zu erkennen ist das zum Beispiel an der Bridge, bei der Till von mehrmals “Zeig mir deins, ich zeig dir meins” einmal auch auf “[…], ich zeig mir deins” wechselt. Da sind sie. Die Nuancen, die ich beim ersten Hören gar nicht so wahrgenommen hatte!

“HALLOMANN” schließt das mit 11 Songs bestückte Album mit einem fast klassischen “End-Rammstein-Song“ ab. Eine dunkle, langsame Stimmung lässt mich hier an die Art Tragödie denken, die Lindemann oft in seinen Liedern lyrisch verarbeitet. Ein mächtiger Refrain mündet hier sogar in ein kurzes Gitarrensolo, ohne aber auszubrechen, um dann, nach kurzer Lyric-Unterbrechung, in ein Synthie-Solo zu fließen. Ein würdiges Ende, ohne mich jetzt aber völlig aus den Socken zu hauen.

Rammstein auf Tour

Live-Dates

ALBUM
Rammstein
Künstler: Rammstein

Erscheinungsdatum: 17.05.2019
Genre: ,
Label: Universal Music
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. Deutschland
  2. Radio
  3. Zeig dich
  4. Ausländer
  5. Sex
  6. Puppe
  7. Was ich liebe
  8. Diamant
  9. Weit weg
  10. Tattoo
  11. Hallomann
Rammstein
Rammstein
7
FAZIT
Rammstein erfinden das Rad nicht komplett neu, bauen aber, wie auch schon angekündigt, einige neue Elemente ein. Flake hat deutlich mehr Stellenwert mit seinen Synthie-Parts gewonnen, Christoph Schneider hingegen hat, für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr unter den monotonen Drumparts gelitten. Gerade hier fehlt mir auch der “knallige” Drumsound der alten Alben. Auf dem jetzigen Werk ist es mir tatsächlich fast schon zu “dumpf”. Der übrige Sound ist jedoch absolut fein definiert und immer tierisch gut auf den einzelnen Song abgestimmt.

Im Großen und Ganzen hat DIE deutsche Band aber immer noch gezeigt, wie relevant sie sein können; ohne die Show und die Videos würden mir jedoch einige Aspekte fehlen, die andere Bands besser machen.