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Post-HardcorePunkrock

Kritik: Marathonmann - "Alles auf Null"

Inzwischen ist es über ein Jahr her – es war ironischerweise ein Freitag, der 13. -, dass ich Tickets für ...

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Inzwischen ist es über ein Jahr her – es war ironischerweise ein Freitag, der 13. -, dass ich Tickets für ein Marathonmann-Konzert in Bochum hatte. Das Konzert und damit die gesamte Tour wurde erst am Nachmittag aufgrund der damals beginnenden Pandemie abgesagt. Wie für so viele von uns war es auch für die Band ein Absturz von 100 auf Null, von Konzerten in kleinen, verschwitzen Clubs zu Isolation und ungewisser Zukunft.

Doch Marathonmann waren im Sommer des letzten Jahres nicht untätig, haben das Beste aus der Situation gemacht und im Rahmen des Möglichen einige bestuhlte Akustikkonzerte gespielt. Als Erinnerung an dieses in jeglicher Hinsicht besondere Jahr 2020 erscheint nun mit „Alles auf Null“ ein Live-Album.

Der Name, unter dem auch die Konzertreihe im letzten Sommer stattfand, ist nicht nur der Opener ihres 2014er-Albums „… und wir vergessen was vor uns liegt“, es steht eben auch symbolisch dafür, dass bis zum Frühjahr 2020 auch für Marathonmann alle Zeichen auf Go standen und dann jäh gestoppt wurde.

Marathonmann überzeugen mit ihrer ruhigen Seite

Was direkt beim ersten Song „Holzschwert“ klar wird: Marathonmann haben sich jede Menge Mühe und Gedanken gemacht. Sie haben nicht bloß die E- mit der Akustikgitarre getauscht, sie haben die Songs vielmehr ganz neu arrangiert. Klavier – gespielt von Gitarrist Jonathan Göres – und die von Gastmusikerin Saskia Götz gespielte Geige geben den Songs auf der einen Seite einen ganz neuen Anstrich, passen aber auch perfekt zu der ohnehin immer schon etwas düsteren Stimmung der Songs von Marathonmann.

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Und auch wenn es mal etwas mehr nach vorne geht, wie in „Nie Genug“, können die neuen Arrangements überzeugen. Schnell wird aber klar, dass gerade die ohnehin schon melancholischen Songs wie „Hinter den Spiegeln“ oder „Abschied“ in den neuen Versionen am meisten überzeugen.

Die persönlichen Lyrics von Sänger Michi Lettner gehen einem hier schon mit Strom nah, in der Akustikversion sind sie Gänsehautgaranten. Übrigens zeigt sich hier, dass er auch gesanglich mehr auf dem Kasten hat, als man vielleicht meinen könnte. Sicher zeigt sich an der ein oder anderen Stelle, dass er nicht jeden Tag mit einer Akustikgitarre auf der Bühne sitzt, doch es sind gerade diese ab und zu nicht ganz perfekten Töne, die die Aufnahmen authentisch machen. Sollte Michi Lettner bis jetzt nicht gewusst haben, dass er der talentierteste Sänger der Band ist, sind die dann doch öfter mal etwas schiefen Backing Vocals der Beweis.

Für den starken Gesamteindruck der Songs tut dies aber nichts zur Sache. Neben den bereits genannten Songs sind vor allem die Songs, die in der Akustikversion am meisten verändert wurde, die absoluten Highlights der Platte. Das gilt ganz besonders für „Flashback“, das gerade am Anfang durch den Einsatz der Geige überzeugt.

Gewöhnungsbedürftig, aber nicht weniger gut ist „Rücklauf“, das durch den ungewohnten Offbeat überzeugt. Auch ein Song wie „Wir sind immer noch hier“ erfährt in der derzeitigen Situation eine noch viel stärkere Wirkung und lässt die Vorfreude auf die für 2022 geplanten Nachholtermine der Tour noch größer werden.

Dass der mal mehr, mal weniger wilde Ritt durch fast 10 Jahre Marathonmann mit ihrem Überhit „Die Stadt gehört den Besten“ endet, rundet diese knappe Stunde Live-Erlebnis perfekt ab.

Foto im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)

Marathonmann Alles auf Null
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FAZIT
Noch vor einem Jahr hätte man wohl nur ungläubig den Kopf geschüttelt, wenn jemand etwas von einem Live-Akustikalbum von Marathonmann erzählt hätte. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Ideen und die Idee, die Marathonmann mit ihren Live-Shows hatte, haben sie perfekt umgesetzt.

Wenn man es dann auch noch schafft, die ohnehin schon guten Songs in ein neues, gefühlvolles Gewand zu packen und nicht bloß nachzuspielen, verdient dies Anerkennung und eine klare Kaufempfehlung – nicht zur für Die-Hard-Fans.
/morecorede
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