Review

Punkrock

Kritik: Itchy - "Ja als ob"

Es kommt einem so vor, als wäre das Debüt-Album „Heart to Believe“ von Itchy noch gar nicht so lange her. ...

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Es kommt einem so vor, als wäre das Debüt-Album „Heart to Believe“ von Itchy noch gar nicht so lange her. Dann schaut man auf den Kalender und merkt, dass es nun schon 15 Jahre sind! Und so kommt es, dass die Kombo am letzten Freitag ihr mittlerweile achtes Studioalbum veröffentlicht hat. Dieses hört auf den Namen „Ja als ob“ und genau das dürfte auch die Wortwahl gewesen sein, wenn sich Fans die Songtitel der neuen Scheibe angesehen haben. Denn das Album ist das erste der Band, das komplett auf Deutsch geschrieben wurde. Wir haben uns die neuen Songs der Jungs angehört und berichten von unseren Eindrücken.

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Vorab wurden bereits vier der insgesamt dreizehn Songs veröffentlicht. Einer davon ist „Faust“, mit dem das Album auch gleich beginnt. Mit harten Snare-Schlägen steigt der Song sofort ein. Mit dem Motto „Und was soll uns passieren“ zeigt die Band, dass sie bereit ist für einen neuen Schritt, den sie mit diesem Album definitiv gewagt hat. Jedoch kommt bereits im ersten Song das Gefühl auf, dass irgendetwas im Sound fehlt. Der Funke springt nicht so wirklich über und der Gesang wirkt ein wenig eindimensional. Dieser Gedanke bestätigt sich auch im zweiten Song „Ja als ob“. Dieser wurde ebenfalls schon vorab veröffentlicht.

Von musikalischer Seite her ist auffällig, dass der Gesang nicht im vorherrschenden 4/4-Takt auf der 1, sondern kurz danach einsetzt. Dadurch, dass der Gesang Fragen stellt und diese gleich danach sehr schnell beantwortet, ist es häufig sehr schwierig, selbigem inhaltlich zu folgen. Durch das Mid-Tempo fehlt auch diesem Track das zündende Momentum. Es fehlt die Spitze, das Mitreißende, was der Nummer ihre Beständigkeit verleihen würde.

Mit „Godzilla“ zeigt sich ein weiteres Merkmal von „Ja als ob“, die Band hat sich definitiv stilistisch weiter geöffnet. Die Strophe ist sehr minimalistisch gehalten, trotzdem sehr eingängig. Besonders die darauffolgende Bridge verbindet den deutlich härteren Refrain gekonnt mit der ruhigen Strophe. Das abrupte Ende stellt dann die Überleitung zu einem der besten Songs des Album dar.

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An nächster Stelle ist „Ich wollte noch“ gelistet. Dieser kommt mit einem Feature daher, welches passender nicht sein könnte. Kein geringerer als Sebastian Madsen gibt sich die Ehre, für eine Strophe und Refrains vorbeizukommen. Der Song besitzt sogleich den unverkennbaren Madsen-Sound. Hier merkt man die Ähnlichkeiten, die die Stimmen von Madsen und Itchy-Sänger Panzer haben. Durch das Einsetzen von Sebastian Madsen wird der Song dann allerdings erst so richtig griffig und ein Stück weit aufgewertet. Der Track geht definitiv ins Ohr und sticht in Betrachtung des Gesamtalbums hervor.

Mit „Beyoncé & Jay-Z“ zeigt die Band, dass sie ihren Humor nicht verloren hat. Der Song verspricht drei Minuten Pause von all den schlechten Nachrichten, die weltweit täglich gemeldet werden. Die humorvolle Ader, die dem Song inne wohnt, kommt hier zum Vorschein und erinnert in ihrer Art und Weise ein wenig an Die Ärzte, allerdings wirkt auch dieser Song so, als besäße er keine spürbare Spannungskurve und plätschert daher mehr oder weniger vor sich hin. Die Experimentierfreude wird an vielen Stellen deutlich. „Herzlich Willkommen“ besitzt in den Strophen lockere Jazz-Vibes, wirkt durch die zahlreichen Wiederholungen im Text allerdings inhaltlich recht dünn.

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„Unser Lied“ versprüht melancholische Gefühle, und wirkt unglaublich authentisch. Einer dieser Songs, die man an verregneten Tagen auflegt. Der Song sticht hervor und behandelt thematisch das Anderssein und den Mut, weiterzumachen. Dabei trifft das Lied direkt ins Herz und wird es sicherlich auf eine Vielzahl von melancholischen Playlists schaffen. Auch „Gegen den Wind“ besitzt durchaus verträumte und melancholische Schwingungen. Die Nummer transportiert darüber hinaus eine gewisse „Scheiß drauf“-Mentalität. Auch wenn die ein oder andere gesangliche Linie nicht ganz nachzuvollziehen ist und die eingefügten „Wohoho“s etwas leer klingen, so trifft der Song trotzdem sein Ziel und überträgt das „Gegen den Strom“-Denken, was den Fans der Band sicherlich gefallen wird.

„Meine Fresse“ ist dann auf der anderen Seite ein Song, in dem man die Wurzeln der Band dann doch noch zu erkennen bekommt. Der Song ist tanzbar, besitzt deutlich mehr des Punks, für den die Band steht. Wichtig ist hier zu sehen, dass der typische Itchy-Punk auch auf Deutsch funktioniert. Dies wird auch in „Nicht weg“ deutlich. Der Song geht stark voran und besitzt eine Präzision, wie man sie auch bei anderen Tracks erhofft hätte. Thematisch wird hier der Rechtsruck in Deutschland behandelt und verurteilt. An dieser Stelle kommt die Wut im Gesang besonders deutlich hervor, wodurch das Lied emotional aufgeladen wird.

Foto: Itchy / Offizielles Pressebild

Itchy auf Tour

Derzeit gibt es keine angekündigten Tourdates für Itchy. Sollte ein Termin fehlen, würden wir dich bitten, uns eine E-Mail an info@morecore.de zu schicken, damit wir diese hinzufügen können.

ALBUM
Ja als ob
Künstler: Itchy

Erscheinungsdatum: 07.02.2020
Genre: ,
Label: Findaway Records
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. Faust
  2. Ja als ob
  3. Godzilla
  4. Ich wollte noch (feat. Sebastian Madsen)
  5. Beyoncé & Jay-Z
  6. Herzlich willkommen
  7. Meine Fresse
  8. Unser Lied
  9. Gegen den Wind
  10. Nicht weg
  11. Pflastersteine
  12. Auf dem Gewissen
  13. Wo seid ihr denn alle
Itchy Ja als ob
Itchy Ja als ob
6
FAZIT
Generell ist zu sagen, dass Itchy einen Schritt in eine andere Welt gemacht haben. Neue Sprache, neue Stile und gleichzeitig der Versuch, die eigenen Wurzeln nicht zu vergessen. Diese ganzen Aufgaben scheinen in „Ja als ob“ etwas zu überambitioniert. Die deutsche Sprache steht der Band gut, die Stile variieren sehr stark, wodurch auf der einen Seite Songs an Relevanz verlieren und eher eintönig klingen und zusätzlich würde man sich wünschen, dass die Band mehr von ihrem Punk-Sound versprühen würde.

Dieser ist zwar auf Songs wie „Meine Fresse“ enthalten, wirkt insgesamt allerdings deutlich unterrepräsentiert. Neben dem Highlight „Unser Lied“ ist besonders „Ich wollte noch“ mit Sebastian Madsen hervorzuheben, auch wenn man im direkten Vergleich der beiden Stimmen den Unterschied in der Ausgefeiltheit des Gesangs feststellen kann.

Trotz allem freuen wir uns über die Experimentierfreude, die Itchy an den Tag legen. Es zeigt sich, was noch alles in der Band steckt. Bei der Frage, ob dies der letzte Ausflug der Band in deutsche Songs war, sagen wir ganz klar: „Ja als ob“!